Wenn die Angst zu einem ständigen Begleiter wird

Von Isabel Stübben

Auch in der Region gibt es sehr viele Angstpatienten, die in der derzeitigen Situation Hilfsangebote suchen.  BILD: PIXABAY

WESERMARSCH – Die Corona-Krise hat uns alle fest im Griff. Es gibt kaum eine Situation, in der dieses Virus nicht irgendwo bei uns im Kopf herumschwirrt. Sei es der Weg zur Arbeit, das Gespräch mit den Nachbarn oder der Gang zum Lebensmittelladen um die Ecke. Covid-19 ist zurzeit allgegenwärtig. Doch was ist, wenn aus diesem unguten Gefühl, das wir alle verspüren, regelrechte Panik wird? Von dieser lähmenden Angst kann Anne (Name von der Redaktion geändert) aus der Wesermarsch ein Lied singen. Sie ist sogenannte Angstpatientin.  Diese Menschen richten den Scheinwerfer der Aufmerksamkeit immer aufs Negative und entwickeln somit aus irrealen Bedrohungen reale Ängste. Seit 15 Jahren gehören Panikattacken und Angstzustände zu ihrem Alltag. Die Corona-Krise bietet für Patienten wie Anne reichlich Futter, um in einen Wirbelsturm der Panik zu geraten. Und das tagtäglich.

„Ich wünschte mir, ich würde mit dem Weckerklingeln aufwachen. Doch das ist nur sehr selten der Fall. Ich richte meinen Blick zum Fenster, durch das noch nicht einmal die Sonnenstrahlen durchdringen und ich weiß ganz genau: es ist mitten in der Nacht“, berichtet die 32-Jährige, die wegen der Angst auch an Schlafstörungen leidet.  „Ich bin dann wach und das Gedankenkarussell geht los. Eigentlich will ich gar nicht mein Handy in die Hand nehmen und die Nachrichten lesen. Doch der Kopf erlaubt mir die Pause zum Durchatmen einfach nicht“.

Meldungen über steigende Infektionen und Todesopfer sind meist direkt auf dem Bildschirm ihres Smartphones, das sie an einem eigentlich sehr sicheren Ort in den Händen hält. Die Chance, danach wieder in den Schlaf zu finden, nahezu unmöglich. Was, wenn ich bereits infiziert bin oder ich meine Liebsten angesteckt habe? Was, wenn mein schwerkranker Papa jetzt ins Krankenhaus muss und sich dort ansteckt? Dies sind nur einige Gedankengänge, die ihr direkt in den Kopf schießen. Momentan können dies sehr viele Menschen nachvollziehen. Bei den wenigsten löst das aber Herzrasen, Zittern, Schweißausbrüche oder vermeintliche Atemnot aus. Bei Anne jedoch schon. 

„Ich merke, dass mein Herz so schnell und wild pocht, dass ich kaum noch Schlucken kann. Ich ringe dann um Atem und alles dreht sich. Ich schmeiße die Decke beiseite und trinke ein Glas Wasser, das ich mir am Abend zuvor für solche Fälle bereits ans Bett gestellt habe. In der Panik schalte ich das Licht an und versuche mich irgendwie abzulenken und mich zu beruhigen“. Das Atmen fällt ihr dann immer schwerer.

Das ist dem Adrenalinspiegel zu verdanken. Dieser sorgt dafür, dass Menschen in Gefahrensituationen genügend Kraft haben, um entweder zu fliehen oder zu kämpfen. Doch bei Anne steht die Gefahr nicht unmittelbar in Form einer realen Bedrohung vor ihr, sondern findet im Kopf statt. Der Kloß im Hals wird immer größer. Die Angst ist da und legt sich wie ein schwarzer, schwerer Umhang um Annes Schultern. „Es ist immer wieder ein furchtbares Gefühl der Hilflosigkeit“, so Anne. „Meistens fange ich dann einfach an zu weinen, weil die pure Verzweiflung mich packt und ich mich in diesen Momenten nicht stark genug fühle“.

Hilfe zu suchen, ist wichtig!

Wenn die Nächte so ablaufen, ist der Tag meist nicht viel besser. „Ich stehe auf und versuche, den Tagesablauf so normal wie möglich zu halten. Ich koche mir einen Kaffee und fange dann an, mit ganz viel Ablenkung durch den Tag zu kommen“. Doch die Schwere der vergangenen Nacht steckt noch tief in den Knochen. Das äußert sich in Form von innerer Unruhe. „Je mehr ich mit meinen Beinen wackle oder mit den Fingern knacke, desto schlechter geht es mir“, verrät sie. Das wissen mittlerweile auch Familienmitglieder und die engsten Freunde. „Ich sehe es sofort, wenn es meiner Tochter nicht gut geht“, sagt Annes Mutter, die die Ängste ihrer Tochter nur allzu gut kennt. Oft ruft sie bei ihr an, wenn die Panik steigt. „Am Anfang der Corona-Krise war Anne erstaunlich ruhig. In vielen Gesprächen hat sie mich beruhigen können, weil ich mir zu viele Gedanken gemacht habe und beunruhigt war. Vermutlich sind das Gefühle, die sie nur allzu gut kennt.“

Doch kann man sich an diese Gefühle wirklich gewöhnen? „Nein, definitiv nicht. Jedes Mal sind die Ängste einfach stärker als der logische Verstand“, so Anne.  Mit einer Angststörung zu leben, ist alles andere als leicht und die Corona-Krise macht das diesen Menschen nicht einfacher. 

Wichtig sei es, bei übermäßiger Sorge, Hilfe zu suchen. Ständige Angst macht krank! Auch Anne hat im vergangenen Jahr Hilfe gesucht und ist davon überzeugt, diesen ständigen unangenehmen Begleiter auch irgendwann mal im Regen stehen lassen zu können. „Vielleicht ja nach der Corona-Krise“, sagt sie mit einem zuversichtlichen Lächeln. 

Beratungsstellen: Die erste Anlaufstelle sollte der Hausarzt sein. Er hilft bei der Suche nach entsprechenden Beratungsstellen und klärt über die verschiedenen Therapiemaßnahmen bzw. -möglichkeiten auf.


 

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