Über das Ziel hinaus

Von Sven Hunger-Weiland

Diskutierten nach der Demo in einer etwas versöhnlicheren Atmosphäre: NABU-Geschäftsführer Oliver Kraatz (lks.) und Rudi Schlangen von „Land schafft Verbindung“. BILD: HUN 

OLDENBURG –  Da wusste sich Oliver Kraatz, Geschäftsführer der Geschäftsstelle des Naturschutzbundes (NABU) Oldenburg-Land nicht besser zu helfen: Er weigerte sich, vor die Tür der Geschäftsstelle zu treten, um zu diskutieren. Der Grund stand vor der Tür – über 400 aufgebrachte Landwirte aus dem Oldenburger Umland, die zuvor auf dem Oldenburger Schlossplatz mit ihren 320 Traktoren demonstriert hatten, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Der ehemalige Geschäftsführer und jetzige Verbandsentwickler Rüdiger Wohlers sah sich sogar genötigt, den Notruf zu wählen. Derweilen hatten die Landwirte den Eingangsbereich mit Blumentöpfen und Pappsärgen „verziert“.

Aufgerufen zu der Demonstration sowie zum anschließenden Gang zur NABU-Geschäftsstelle hatte das Bündnis „Land schafft Verbindung“ (LSV), eine relativ neue, extrem gut vernetzte Verbindung aus Landwirten, die mit spektakulären Aktionen auf ihre Situation aufmerksam machen wollen. Auch die Absprachen über diese Aktion liefen über das Internet. Der NABU sei sogar gewarnt gewesen, dass die Demonstration unter anderem die Geschäftsstelle als Ziel hätte, bestätigt Oliver Kraatz.

Rudi Schlangen, Vertreter des LSV Emsland-Haselünne, blieb noch nach Abzug der Menge, um doch noch den Dialog mit NABU-Vertretern zu suchen: „Wir sind keine schlechten Menschen. Aber Landwirte werden zu 100 Prozent für die Misere in der Natur verantwortlich gemacht, auch vom NABU“, begründet er die Proteste, die – abgesprochen über ein Internetforum – zeitgleich bundesweit an Geschäftsstellen des Naturschutzbundes stattfanden. Die Bauern hätten sich besonders daran gestört, dass kein NABU-Vertreter zu Gesprächen bereit war.

Das sieht Oliver Kraatz allerdings anders: „Der NABU war und ist durchaus dialogbereit. Allerdings war die Situation sehr angespannt und aufgeladen. Daher hatte ich in dieser Situation beschlossen, nicht vor die Tür zu treten.“ Drastischer empfand der ehemalige Geschäftsführer Rüdiger Wohlers die Demo: „Unsere Mitarbeiter fühlten sich bedroht. So etwas habe ich 43 Jahren Verbandsarbeit noch nicht erlebt.“

Dabei wurde nicht nur dem NABU ein Besuch abgestattet – die Demonstranten marschierten zu den Büroräumen von Bündnis 90/Grüne sowie zur SPD weiter, um auch dort Pappsärge und Saatgut abzulagern und ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Und auch Geschäftsstellen in Osnabrück und Hannover wurde ein entsprechender „Besuch“ abgestattet.

„Die Landwirtschaft wird zunehmend in die Ecke gedrängt, der Buhmann zu sein, der Schuld an der gesamten Umweltmisere ist“, klagt Rudi Schlagen. Es sei nichts Persönliches gewesen, versichert er im Hinblick auf den „Besuch“ seiner Kollegen bei der NABU-Geschäftsstelle. Oliver Kraatz verweist auf die Verantwortlichkeiten in der Misere: „Man kann uns als Verband nicht verantwortlich dafür machen. Letztendlich gibt es Lobbyvertreter, die eine bestimmte Agrapolitik vertreten.“ Doch auch er sieht das Problem komplexer und nicht die alleinige Verantwortung bei den Landwirten: „Das Artensterben findet nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt statt. Und es hat auch mit dem Klimawandel zu tun. Letztendlich sind wir alle dafür verantwortlich, und jeder einzelne kann ein bisschen dazu beitragen, dass es besser wird. Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig zerfleischen.“ Auch die Landwirtschaft würde man gerne mehr mit ins Boot holen: „Wenn Landwirte mehr auf eine naturnahe Landwirtschaft setzen würden, könnte sie langfristig überleben“, ist Kraatz überzeugt.

Kommentar von Sven Hunger-Weiland

Der Konflikt zwischen Landwirtschaft und Naturschutz bekommt eine andere Qualität

Zuerst einmal: Beide Seiten haben ihre Berechtigung. Landwirte kämpfen um ihre Existenz, müssen sich gegen eine ausufernde Agrarindustrie, gegen Preisverfall bei Lebensmitteln und gegen eine globale Marktwirtschaft behaupten. Und sie haben zunehmend die Buhmann-Rolle übernommen. Naturschutzverbände beobachten indes eine weitreichende Verarmung der Artenvielfalt, registrieren ein beispielloses Artensterben bei Insekten und anderen davon abhängigen Tierarten, nicht zuletzt durch den massiven Einsatz von Pestiziden, oder auch eine zunehmende Belastung des Grundwassers mit Nitrat.

Hier eine einfach Lösung zu finden, gelingt wohl nur Populisten  mit ihrem ausgeprägten Schwarz-Weiß-Denken. Doch den Fehler, deren Dialogunvermögen zu kopieren, dürfen sich weder Umweltverbände noch die Landwirtschaft leisten. Dialogbereitschaft ist notwendig. Die braucht zwar länger, wirkt aber langfristiger. Mit dieser Art von Demonstration lassen Landwirte zwar Frust ab, erweisen sich aber in der Öffentlichkeit einen Bärendienst. Dabei wollen beide doch eigentlich dasselbe –  eine Natur, die Artenvielfalt ebenso hervorbringt, wie gesunde Lebensmittel.


 

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