„Die Menschen müssen raus aus ihrer Blase“

von Kim-Christin Hibbeler

 Setzen sich für mehr Toleranz ein: Leonore Determann (links), Vorsitzende des Awo-Kreisverbands Wittmund und Sabine Berends von der Beratungsstelle für Migranten und Flüchtlinge der Awo. BILD: Kim-Christin Hibbeler

Awo-Kreisverband Wittmund gibt einen Einblick in die Arbeit mit Geflüchteten und wie er gegen Vorurteile kämpft

WITTMUND. „Das geht meistens bei den Wohnungen los. Viele Vermieter sagen, dass sie niemanden aus Syrien oder vom Balkan wollen. Sie haben Vorurteile“, berichtet Leonore Determann, die Vorsitzende des Awo-Kreisverbands Wittmund. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle für Migranten und Flüchtlinge kämpft sie gegen diese Vorbehalte. Die Awo engagiert sich seit mehr als 20 Jahren für die Integration Geflüchteter. Dabei stoßen die Mitarbeiter immer wieder auf Ressentiments gegenüber Zugewanderten.

„Das Negative wird häufig in den Fokus gestellt, so entstehen Vorurteile. Da können wir oft nicht viel machen. Dennoch versuchen wir, einen Kontakt herzustellen, damit beide Seiten sich kennenlernen. Das hilft in manchen Fällen“, erklärt Determann. Um diesen Vorbehalten entgegenzuwirken, sei es wichtig, dass sich die geflüchteten Familien bemühen, die Sprache zu lernen, sagt Sabine Berends von der Beratungsstelle für Migranten und Flüchtlinge. „Das geht schon los, wenn die Kinder eine Mitteilung aus der Schule oder dem Kindergarten mitbringen und die Eltern sie nicht verstehen. Dann stehen die Kinder direkt als komisch da. Die meisten sind sehr bemüht, die Sprache zu lernen. Doch das passiert nicht von einem Tag auf den anderen“, berichtet sie von den Erfahrungen, die sie in den vergangenen zwölf Jahren bei der Awo gesammelt hat.

Die Frauen sind sich einig, dass die Vorurteile häufig entstehen, weil die beiden Bevölkerungsgruppen nicht miteinander sprechen.

Angst vor Unbekanntem

„Was fremd ist, macht uns Angst, da können wir gar nichts für. Das ist einfach so. Deswegen ist es wichtig, dass wir diesen Menschen offen gegenüber treten und versuchen, sie kennen zu lernen. Nur so können wir diesen Ängsten und Vorurteilen entgegenwirken“, sagt Berends.

Genau dafür möchte die Awo mit ihren zahlreichen Projekten Raum schaffen. Ein besonders erfolgreiches war die internationale Frauengruppe. „Gestartet sind wir damit vor gut 20 Jahren. Wir wollten allen Frauen die Möglichkeit geben, gemeinsam etwas zu unternehmen. Dabei konnten deutsche Frauen andere Kulturen kennenlernen, und die Geflüchteten konnten Kontakte hier knüpfen“, erklärt Determann.

Das sei besonders wichtig, da die Rolle der Frau hier eine ganz andere ist als zum Beispiel in arabischen Ländern. „Das wirkt für uns dann seltsam, weil wir es nicht mehr gewohnt sind, dass die Frau sich in erster Linie um den Haushalt kümmert und die Erlaubnis des Mannes für etwas braucht“, sagt Determann. Umso wichtiger findet sie es, Frauen darin zu bestärken, selbstbewusst zu sein. Genau das würden Projekte wie die internationale Frauengruppe machen. „Gemeinsame Aktivitäten geben einfach Sicherheit. Außerdem knüpft man neue Kontakte und fühlt sich nicht alleine“, erklärt die Vorsitzende. Das sei wichtig, um sich in der neuen Heimat gut zu integrieren.

Leonore Determann weiß, dass alle Bemühungen der Beratungsstellen nichts bringen, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Mittlerweile seien die rechtlichen Bedingungen gut, doch bis dahin sei es ein langer Weg gewesen, sagt sie. „Ich erinnere mich noch, wie die Geflüchteten vor einigen Jahren nur Gutscheine für Lebensmittel bekommen haben und arbeiten durften sie hier auch nicht. Das war wirklich ausländerfeindlich. Das hat sich zum Glück wieder geändert.“

Stellen werden reduziert

Insbesondere wenn es um die finanzielle Unterstützung geht, gebe es aber immer viele Vorbehalte in der Bevölkerung. „Sprüche wie ,Die nehmen uns das Geld weg’ gibt es immer wieder. Doch das ist nicht richtig. Keiner der Geflüchteten bekommt mehr, als ein Einheimischer bekommen würde. Auch hier versuchen wir aufzuklären“, sagt Leonore Determann. Bei der Awo in Wittmund gibt es aktuell drei halbe Stellen in der Migrationsberatung, die vom Land Niedersachsen gefördert werden. Doch das soll sich in den nächsten Jahren wahrscheinlich ändern. „Die Stellen für die Beratung sollen um zwei Drittel reduziert werden. Das würde bedeuten, dass wir hier nur noch mit einer halben Stelle besetzt sind. Damit könnten wir gerade mal die Buchhaltung machen, aber keine wirkliche Beratung oder unsere Projekte weiterführen“, sagt Berends. Sie selbst muss jedes Jahr aufs Neue hoffen, dass ihr Vertrag verlängert wird – seit zwölf Jahren.

„Das ist für uns schwierig, weil wir wenig Planungssicherheit haben, und für unsere Mitarbeiter auch. Sie wissen nie, ob ihre Stelle im nächsten Jahr noch sicher ist“, erklärt Determann. Zudem sei ihre Arbeit in der Migrationsberatung keinesfalls abgeschlossen. Immer wieder kommen neue Geflüchtete in den Landkreis, die Unterstützung brauchen, um sich zu integrieren. „Wir haben hier in mehr als 20 Jahren eine gute Anlaufstelle aufgebaut. Unsere Mitarbeiter sprechen viele Sprachen und wir haben viele Projekte, die die Begegnung zwischen Jung, Alt, Geflüchteten und Einheimischen möglich machen“, sagt Determann.

Berends und Determann wünschen sich, dass Einheimische und Zugewanderte sich noch offener und toleranter Begegnen. „Man muss aus seiner eigenen Blase einfach mal herauskommen. Das macht schon viel aus“, sagt Berends.

 

 

 


 

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