Zwangsarbeiter bekommen Würde zurück

Artikel vom 29.06.2021

von Florian Mielke

Zwischen 1941 und 1943 wurden 56 Zwangsarbeiter auf dem Jüdischen Friedhof in einem Massengrab verscharrt: Elisabeth Schlesinger (von links), Jürgen Krogmann und Amir Omerovic kennen jetzt auch ihre Namen. Bild: Torsten von Reeken

Massengrab auf Jüdischem Friedhof mit Namen und Mahnmal versehen

OLDENBURG. (fm) „Nach jüdischer Auffassung beschert die Nennung des Namens den Toten ihre Würde“, sagte Elisabeth Schlesinger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg, bei der Gedenkveranstaltung auf dem Alten Jüdischen Friedhof an diesem Dienstagvormittag. Jene Würde war den 56 Menschen im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten genommen worden. Die Menschen mussten bei unzureichender Ernährung als Zwangsarbeiter schwerste Arbeiten verrichten, sie starben oft an den Folgen von Unterernährung, Krankheit oder durch Gewalteinwirkung und wurden dann anonym in einem Sammelgrab auf dem Jüdischen Friedhof verscharrt. Der letzte Akt stellte zudem eine Schändung des Friedhofs dar.

Einsatz im Straßenbau

Die 56 Opfer – 48 Soldaten und acht Zivilisten – kamen überwiegend aus dem Kriegsgefangenenlager Wietzendorf in der Lüneburger Heide, dem zeitweise größten Stammlager für sowjetische Gefangene. Laut Schlesinger wurden sie im Straßenbau eingesetzt, nach ihrem Tod mit Pferdekarren zum Friedhof gebracht, über die Mauer geworfen und dann vergraben: „Ob in dem Massengrab auch Männer jüdischen Glaubens aus der Roten Armee liegen, wissen wir nicht.“

Fast nur junge Opfer

Name und Alter: Iossif Kirill Archipow (32), Iwan Fjodor Baginskij (22), Pawel Alexandr Beljaew (21), Wassilij Pjotr Bogdanow (29), Jakow Mena Bolebruch (21), Alexej Nikolaj Borschtschow (29), Constantin Boiko (23), Prokopini Charitnow (57), Iwan Tichon Filippowskij (35), Wladimir Wassilij Golowkin (20), Grigorij Iwan Gorbunow (22), Nikolaj Fjodor Iwanow (32), Nikolaj Stepan Jepifanow (ca. 29), Wassilij Awdej Jewsejew (26), Nikolaj Dmitrij Karasjow (22), Iwan Mitrofan Kolesnikow (24), Gawriil Iwan Konopelkin (31), Wasil Kransin (22), Michail Michail Kusnezow (39), Michail Michail Limin (32), Ludwig Lipa (29), Alexandr Dmitrij Lobatschow (35), Michail Filipp Melnitschenko (34 Jahre), Nikolaj Miron Matynzew (22), Wassilij Merenkow (29), Josef Modliborski (21), Alexej Alexej Nasarow (19), Jegor Wassilij Nushdenkow (22), Fedor Oleschenko (22 Jahre), Wassilij Fotij Palzew (23 Jahre), Stepan Wladimir Pawlow (36 Jahre), Fjodor Tichon Petritschko (34 Jahre), Georgij Alexej Rogatschow (35), Alexandr Pjotr Romanow (35), Alexander Rotinjef (unbekannt), Alexandr Timofej Schtschukin (22), Michail Matwe Senegin (19), Alexej Iwan Serebrjakow (20), Iwan Semjon Sinew (32), Iwan Kusma Smeljanskij (22), Alexandr Iwan Smirnow (27), Ignaczy Sokol (24), Wassilij Sergej Starzew (22), Stepan Semjon Statschenkow (ca. 30), Georgij Fedossej Suchoiwanow (21), Semjon Nikolaj Sultanow (ca. 26), Anton Szezepanski (27), Walentin Nikifor Tarakanow (21), Tichon Iwan Tereschtschenko (34), Fjodor Fjodor Timofejew (34), Sergej Daniil Trifanow (22), Nikolaj Alexej Tschekuschkin (20), Pjotr Andrej Tschurin (23), Nikolaj Iwan Wassiljew (28), Alexej Stepan Zelikow (ca. 23), Alexej Iwan Ziwiljow (ca. 31

Ihre Namen wurden diesen NS-Opfern nun jedenfalls zurückgegeben. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Jürgen Krogmann und zahlreichen weiteren Gästen weihte Schlesinger das Erinnerungszeichen ein, das fortan an die zwischen 1941 und 1943 gestorbenen Zwangsarbeiter aus Polen, Russland und unbekannter Herkunft erinnern soll – passend zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941.

Bisher schlichter Stein

„Das Erinnerungszeichen gibt den Opfern ihre Identität wieder“, sagte Krogmann. In den Platten neben dem eigens für die Grabstelle geschaffenen Kunstwerk sind ihre Namen und Lebensdaten, soweit bekannt, eingestanzt. Bislang war die Grabstelle mit einem schlichten Stein aus den 1950er Jahren ohne Namensnennungen versehen gewesen.

Das Erinnerungszeichen wurde vom Bremer Künstler Amir Omerovi?, mehrfach ausgezeichneter Bildhauer und Lehrbeauftragter der Bremer Hochschule für Künste, geschaffen. Das Kunstwerk besteht aus drei oxidierten Cortenstahlwegen mit eingelassenen Fußabdrücken, die auf eine Bronzeplattform einmünden. Damit würden die unterschiedlichen Wege und Herkünfte der Opfer sowie ihr Zusammentreffen in Oldenburg symbolisiert, berichtete Krogmann aus einem Gespräch mit dem Künstler. Außerdem sind die persönlichen Angaben zu den Opfern sowie ein kleiner Informationstext auf der Vorderseite des Sammelgrabs in den umrandenden Stahlplatten zu finden.

Kontakt mit Urenkel

Vorausgegangen war ein beschränkt ausgeschriebener Wettbewerb. „Amir Omerovic gelingt es in seiner künstlerischen Umsetzung trefflich, die Besonderheit des Ortes auf dem Jüdischen Friedhof und die Erinnerung an die Kriegsopfer einfühlsam zu verknüpfen und damit ein würdevolles Gedenken zu ermöglichen“, hatte die Jury ihre Wahl begründet.

Vor dem Freilegen der Platten durch Krogmann verlas Leonid Shekhtman, ein russisches Mitglied der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg, die Namen der NS-Opfer. Shekhtman berichtete, dass er mit dem Urenkel von Alexandr Lobatschow, der im Juni 1942 verstarb und 35 Jahre alt wurde, bereits Kontakt habe. Dieser wohne im russischen Samara und hätte gerne ein paar Fotos von der Gedenkfeier.

 


 

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