Erde liefert die Wärme für das Eigenheim

Artikel vom 27.10.2022

Axel Pries

Ein Hauch von Bohrturm: Geräteführer André Heinecke (l.) und Bohrhelfer Philipp Schmidt fügen dem Bohrgestänge die nächste zwei Meter lange Einzelstange zu. Bild: Axel Pries

In Hinte setzen Bauherren auf nachhaltige Energieerzeugung mit Hilfe einer tiefen Bohrung. Ein Fachmann erklärt den Vorteil dieser Heizung.

Es war eigentlich nur ein Arbeitsschritt auf dem Weg zum Eigenheim. Aber so spannend, dass die Bauherren es sich nicht nehmen ließen, selbst dabei zu sein, als das erste Rohr im Boden versank: In Hinte hat eine ausgewachsene Bohrmaschine ein 130 Meter tiefes Loch in den Boden gebohrt, durch das später eine Erdwärme-Heizung betrieben werden soll. Dabei war auch ein weiterer interessierter Zuschauer: der Pewsumer Heizungsbauer Thomas Hoogestraat, der die Anlage für die Familie Caprino installiert. „Das ist die Zukunft“, erzählt der erfahrene Installateur. Bei neuen Häusern würden nur noch Heizungen verlangt, die nach dem Prinzip des Wärmetauschers funktionieren: „Gasheizung will kein Hausbauer mehr.“ Dass dabei ein so tiefes Loch gebohrt wird, sei allerdings die Ausnahme. Das hat Vor- und Nachteile, verrät der Handwerksmeister.

„Nachhaltig bauen“

Claudia und Sisto Caprino sind von den Vorteilen für ihr Eigenheim am Rande von Hinte überzeugt. 23 Jahre betreiben sie bereits die Pizzeria in dem Ort, nun bauen sie für sich und ihren Sohn ein Eigenheim, das zukunftsträchtig ausgelegt ist: „Wir wollen möglichst nachhaltig bauen“, erklärt Sisto Caprino. Heißt: Die Heizung soll ohne Zufuhr fossiler Energieträger funktionieren. Dazu nutzen die Hausbauer eine Wärmepumpe, deren Strom ebenfalls nachhaltig erzeugt wird: über eine eigene Photovoltaikanlage auf dem Dach.

Erdwärme-Effizienz höher

Unter dem Strich soll das neue Eigenheim energetisch fast autark sein. „Ganz wird das nicht klappen“, erklärt der Bauherr, dafür müssten sie mehr Sonnenenergie einfangen können.

Um den Grad der Unabhängigkeit möglichst hoch zu bekommen, investierte das Ehepaar in eine Erdwärmepumpe mit Sonde. „Damit ist die Effizienz besonders hoch“, erklärt Claudia Caprino. „Das ist nachhaltiger und das wird gefördert.“ Das Paar schaffte es noch, von einem Fördertopf der Bundesregierung zu profitieren, den es mittlerweile nicht mehr gebe. Von den Vorteilen dieser Art der Heizung hatten die Hausbauer sich bei der Energieberatung in Emden überzeugen lassen, schon lange bevor von einer Gaskrise die Rede war. Bei der aktuellen Entwicklung sind die beiden natürlich besonders erleichtert, künftig unabhängig von Gas zu sein. Acht bis 14 Kilowatt Wärme soll ihre Heizung demnächst erzeugen.

In dem längeren Zeitraum der Vorgeschichte – ein halbes Jahr im Fall der Familie Caprino – liegt einer der Nachteile von Erdwärme: Ein Wärmetauscher, der mit einer Bodensonde funktioniert, ist teurer, erklärt der Heizungsbauer Hoogestraat. Und man muss dafür eine Genehmigung beantragen, für die erst der Boden untersucht werden muss. „Das dauert eine Weile.“ Die Prozedur mache aber Sinn, denn eine tiefe Bohrung, bei der Erdschichten durchbohrt werden, könne gefährlich werden, wenn Grundwasserflüsse durcheinander geraten. Dafür liefert Erdboden am gleichmäßigsten Wärme für das System.

Findlinge im Erdboden

Die Firma Baugrund Süd, die den Bohrer bereitstellt, habe er erst dreimal beauftragt. Meist genüge Bauherren ein einfacherer Wärmetauscher, aber die seien eben immer gefragter. Fast 50 Prozent seines Umsatzes beim Heizungsbau erziele seine Firma mittlerweile mit diesen Geräten. „Bei Neubauten sind es fast 100 Prozent.“ Gerade aktuell habe er zwei weitere Aufträge im Raum Emden erhalten.

Von den Unwägbarkeiten in der Tiefe kann auch André Heinecke einiges erzählen. Er ist der Leiter des Bohrtrupps und zeigt gerne den massigen Bohrmeißel, der sich an der Spitze des Gestänges mit Hilfe von Zähnen und starkem Wasserdruck durch den Boden frisst. In Hinte erwartet André Heinecke nach den Ergebnissen der vorherigen Untersuchung kein Problem: Bis 18 Meter Tiefe gibt es nur Humus, also organisches Material, danach kommt vor allem Sand. Mitunter liegt aber ein Findling im Weg, erzählt der Geräteführer. Dann wird die Bohrspitze abgelenkt oder bohrt sich einfach durch, wenn der Felsen zu mächtig ist. „Dann dauert es eben länger.“ Für die 130 Meter in Hinte sollte ein Tag Arbeit genügen.

Das Ehepaar Caprino hofft, dass ihr Haus im kommenden Jahr fertig wird. „Wir hoffen, dass die Lieferfristen eingehalten werden“, sagt die Ehefrau. Dann bietet das Eigenheim der Familie noch ein Schmankerl, ebenfalls umweltfreundlich mit einer Wärmepumpe samt Photovoltaikanlage beheizt: ein kleiner Swimmingpool im Garten.


 

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