Gefahr in den eigenen vier Wänden – So gefährdet sind Frauen und Kinder

Artikel vom 24.11.2022

Chelsy Haß

Im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Oldenburg wurden 2021 insgesamt 3898 Fälle von häuslicher Gewalt angezeigt. Die Polizei geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Bild:  Alex Green/Pexels 

Häusliche Gewalt darf kein Tabu mehr sein, sagt Anja Kröber vom Autonomen Frauenhaus Oldenburg. Sie weiß, wie traumatisierend Unterdrückung und Gewalt für Frauen und Kinder sind.

„Du bist selbst schuld, dass ich so wütend geworden bin.“ Diesen Satz hat Anja Kröber vom Autonomen Frauenhaus in Oldenburg so oder in abgewandelter Form schon oft gehört. Für viele Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, gehören solche Aussagen zum Alltag.

Jede vierte Frau

Statistisch gesehen wird in Deutschland jede vierte Frau mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren Partner. Um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und an die Opfer zu erinnern, ist der 25. November seit 1999 der Gedenk- und Aktionstag zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

Es könne nicht oft genug auf häusliche Gewalt und dessen Auswirkungen aufmerksam gemacht werden, erklärt Kröber. Denn das Thema sei immer noch ein großes Tabu. „Was zu Hause im Privaten passiert, kriegen nicht viele Menschen mit. Dabei wird den betroffenen Frauen ein eigenständiges Leben abgesprochen und ihr Selbstwertgefühl zerstört“, sagt sie.

 Frauenhaus-Plätze

Im Autonomen Frauenhaus in Oldenburg gibt es Platz für zwölf Frauen und zehn Plätze für Kinder. Die Frauen, die dort unterkommen, haben zuvor oftmals in einer Atmosphäre von Gewaltandrohungen und Kontrolle gelebt. Nicht immer bleibe es jedoch bei psychischer Gewalt.

Viele Frauen haben körperliche und sexualisierte Gewalt erlebt und sind von den Erfahrungen, die sie machen mussten, traumatisiert. „Vor allem die psychosoziale Beratung und die Stabilisierung der Frauen und Kinder nimmt viel Zeit in Anspruch“, erklärt Kröber.

Im Durchschnitt bleiben die Frauen sechs Monate im Frauenhaus. Die Dauer habe sich im Vergleich zu früheren Jahren quasi verdoppelt, sagt Kröber. Das liege unter anderem darin, dass die Wohnungssuche immer schwieriger geworden ist. Das Autonome Frauenhaus muss jedes Jahr viele Betroffene abweisen. Während 2021 insgesamt 56 Frauen und 46 Kinder im Frauenhaus lebten, konnten 146 Frauen und 255 Kinder nicht aufgenommen werden. „Wenn eine Frau anruft und gerade alle Zimmer belegt sind oder es zum Beispiel keinen Platz für die Kinder gibt, müssen wir ihnen absagen“, sagt Kröber.

In Oldenburg gibt es derzeit noch zu wenig Frauenhaus-Plätze. Laut Istanbul-Konvention, dem internationalen Abkommen zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und Mädchen, bräuchte es in einer Stadt wie Oldenburg 17 Plätze für Frauen und 34 für Kinder.

Anzeigen bei Polizei

Im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Oldenburg sind die Fälle von häuslicher Gewalt in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen – waren es 2016 noch 2982 Fälle, wurden 2021 insgesamt 3898 Fälle von häuslicher Gewalt gemeldet. In der Stadt Oldenburg gab es im vergangenen Jahr 378 Fälle. Dabei werden jedoch bei weitem nicht alle Fälle bei der Polizei angezeigt. Die Beamten gehen daher von einer hohen Dunkelziffer aus.

Hilfe für Betroffene

Anja Kröber betont, dass die Stadt Oldenburg im Vergleich zu anderen Kommunen gut aufgestellt sei. Um in Oldenburg konkrete Verbesserungen zu erzielen, hat der Stadtrat im September 2020 einen „Kommunalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen* und Häusliche Gewalt“ verabschiedet. So gibt es beispielsweise Planungen für ein weiteres Frauenhaus.

Wo bekommen Betroffene, Angehörige oder Unterstützer Hilfe? Was können sie tun? In jedem Fall empfiehlt Anja Kröber das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Unter der kostenlosen Rufnummer 08000 116 016 gibt es rund um die Uhr und in 18 verschiedenen Sprachen Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen. Ansonsten könne man auf das Angebot in der Stadt verweisen (siehe Infobox). Kröber ist sich sicher: Nur durch konsequentes Handeln und permanente Aufmerksamkeit könne man die Situation verbessern.

ANLAUFSTELLEN

Hilfe für Betroffene von häuslicher Gewalt gibt es in Oldenburg an mehreren Stellen.

BISS: Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (0441/2353798)

Olena: Beratungsstelle für gewaltbetroffene Frauen mit Migrationshintergrund und geflüchtete Frauen (olena.beratung@web.de, 0441/2352490)

Wildwasser: Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt an Mädchen und Frauen (www.wildwasser-oldenburg.de, 0441/16656)

Frauenhaus: Autonomes Frauenhaus Oldenburg (www.frauenhaus-oldenburg.de, 0441/47981)

Trans-Beratung: Beratung rund um geschlechtliche Identität (weser-ems@trans-recht.de, 0160/5889070)


 

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