„Wir müssen weg von der Debatte um den Gender Pay Gap“

Artikel vom 15.02.2024

Svenja Fleig

Alexandra Zykunov hat auf Einladung des Vereins Frauen und Wirtschaft eine Lesung in Oldenburg abgehalten. Bild: Piet Meyer

Warum der bereinigte Gender Pay Gap wenig aussagt, wie Algorithmen veraltete Rollenbilder zementieren und was passieren müsste, damit Frauen gleichberechtigt verdienen, erklärt die Autorin und Journalistin Alexandra Zykunov im Interview.

Warum Frauen in Deutschland faktisch noch nicht gleichberechtigt sind, hat die Autorin und Journalistin Alexandra Zykunov in zwei Bestseller-Büchern zusammengetragen. Bei einer Lesung auf Einladung des Vereins Frauen und Wirtschaft in Oldenburg und im Interview erklärt sie, woran das liegt und was sich ändern müsste.

Schon im Vorwort ihrer Bücher versprechen Sie Ihren Leserinnen und Lesern, dass sie von der Lektüre wütend werden. Warum?

Alexandra Zykunov: Mir schreiben Frauen, dass sie meine Bücher nicht vor dem Schlafengehen lesen können, weil sie Blutdruck bekommen und vor Wut nicht einschlafen können. Selbst wer sich schon mehr mit Gleichberechtigung beschäftigt hat, wird schockiert und eben wütend sein über die vielen noch unbekannten Gender Gaps, die es gibt. Mir ging das bei der Recherche für meine beiden Bücher auch so.

Welcher Satz in der Debatte um Gleichberechtigung macht Sie besonders wütend?

Alexandra Zykunov: Da gibt es viele. Aber im Grunde ist es: Ihr könnt doch schon Karriere machen, ihr könnt doch schon Kanzlerin werden, wenn ihr wollt. Was regt ihr euch denn noch auf?

Und was regt Sie auf?

Alexandra Zykunov: Auf dem Papier heißt es zwar, dass wir gleichberechtigt wären. In meinem Buch liefere ich auf 300 Seiten eine Gegenargumentation darüber, was noch alles nicht läuft. Dass Frauen zum Beispiel eine 32 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, auf einem Operationstisch zu sterben, wenn sie von einem männlichen Arzt operiert werden. Dass Alleinerziehende in Deutschland fast so hoch besteuert werden wie ein Single ohne Kind. Dass Algorithmen Frauen weniger hochbezahlte Jobs anzeigen als Männern. Dass in deutschen Großstädten 80 bis 90 Prozent der nach Menschen benannten Straßen nach einem Mann benannt sind. Oder dass keine einzige staatliche Universität in Deutschland nach einer Frau benannt ist. Haben wir 2024 oder 1904?

Auch 2024 werden Männer und Frauen in Deutschland nicht gleich bezahlt. Warum sind wir da nicht weiter?

Alexandra Zykunov: Wir haben in Deutschland ein sehr antiquiertes Bild von Frauen und Müttern, das in den 60er-Jahren hängengeblieben ist. Da schneiden wir auch im Vergleich mit unseren Nachbarländern schlecht ab. Während der Gender Pay Gap in der EU bei durchschnittlich 13 Prozent liegt, dümpeln wir seit Jahren bei 18 Prozent herum. Wir sind auch eins der Schlusslichter, wenn es darum geht, dass Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten und wenn es darum geht, wie wenig Frauen zum Haushaltseinkommen beitragen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen, auch wegen des Fachkräftemangels. Es ist fatal, die Hälfte der Bevölkerung nicht als Wirtschaftskraft zu sehen.

Wenn es um die Gehaltsunterschiede von Frauen und Männern geht, wird oft auf den deutlich niedrigeren bereinigten Gender Pay Gap verwiesen. Wie aussagekräftig ist dieser?

Alexandra Zykunov: Gar nicht. Er wird gern genommen, um den Gender Pay Gap zu negieren und ins Lächerliche zu ziehen: Die in Vollzeit arbeitende Verlagsleiterin ohne Kinder verdient nur sieben Prozent weniger als der in Vollzeit arbeitende Verlagsleiter ohne Kinder. Aber erstens wird diese bereinigte Lücke seit Jahren nicht kleiner, sondern größer. Zweitens verdient die Frau im Schnitt auch beim bereinigten Gap aufs ganze Leben bezogen immer noch 120.000 Euro weniger. Und drittens ist es völlig absurd, die eigentlichen Gründe für den Verdienstunterschied aus der Rechnung zu streichen: Die Wurzel des Gender Pay Gaps liegt ja gerade darin, dass in heterosexuellen Beziehungen meist die Frau ihre Arbeitszeit reduziert, um die Kinder zu betreuen oder die kranke Schwiegermama zu pflegen.

Inzwischen nehmen auch Väter häufiger Elternzeit. Kann das finanzielle Ungleichgewicht dadurch abgemildert werden?

Alexandra Zykunov: Obwohl mehr Väter Elternzeit nehmen, sind es aktuell immer noch nur 42 Prozent. Und selbst davon nehmen drei Viertel nur die obligatorischen zwei Monate. Die Auswirkungen sind also eher gering. Noch niedriger sind die Werte bei der Teilzeitquote. Dabei weisen Modelle ganz klar darauf hin, dass einer der größten Hebel zur Bekämpfung des Gender Pay Gaps die Bekämpfung des Gender Care Gaps ist.

Was würde also helfen, um die Verdienstlücke zu schließen?

Alexandra Zykunov: Erstens müssen wir weg von der Debatte um den Gender Pay Gap. Wir müssen weg von dem Momentum und uns stattdessen anschauen, was Frauen am Ende ihres Erwerbslebens blüht. Eine Frau die heute 30 ist und Kinder hat, wird am Ende eine Einkommenslücke von 40 bis 60 Prozent verglichen mit ihrem männlichen Partner haben. Zweitens müssen wir an die Wurzel des Problems heran: den Gender Care Gap. Wir brauchen viel mehr Anreize, dass Männer länger und öfter in Elternzeit und anschließend in Teilzeit gehen. Dafür müsste das Elterngeld endlich angehoben werden, was übrigens seit seiner Einführung 2007 nicht ein einziges Mal passiert ist. Wir müssen zu einem Modell kommen, bei dem es sich Familien leisten können, dass Männer und Frauen gleich viel reduzieren und gleichberechtigt Elternzeit nehmen.

Tragen neben den politischen Rahmenbedingungen auch Algorithmen dazu bei, dass sich Geschlechterunterschiede verfestigen?

Alexandra Zykunov: Auf jeden Fall. Zum Beispiel kam vor einiger Zeit heraus, dass Google bestimmte hochbezahlte Jobs seltener angezeigt hat, wenn eine Frau die Suchanfrage gestellt hatte. Der Algorithmus hatte gelernt, dass er das Ergebnis einer Alexandra nicht anzuzeigen braucht, weil sie wahrscheinlich sowieso bald Kinder bekommen und in Teilzeit gehen wird. Er zeigte den Job stattdessen einem Alexander, einem „Karriere-Mann“, der seine Familie ernähren muss. Das sind Klischees, die wir an Algorithmen weitergeben. Solche Probleme werden zwar behoben, aber dafür müssen sie erst einmal aufgedeckt werden. Und das ist doch absurd: Dass Diskriminierungen aus der analogen Welt in die digitale übertragen werden und dort weiter grassieren, bis sie jemand entdeckt.

Quoten sind ein Instrument, um Diskriminierung abzubauen. Was bringen solche Regelungen für Unternehmensvorstände?

Alexandra Zykunov: Sie bringen Unternehmen dazu, genauer hinzuschauen: Wie divers ist unsere Führungsetage aufgebaut? Dabei geht es nicht nur um Frauen, sondern auch um Menschen mit verschiedenen Hautfarben, Geschlechtsidentitäten, körperlichen Einschränkungen und Nachnamen. Und Quoten sorgen dafür, dass sich Unternehmen um diese Menschen bemühen müssen. In Bezug auf Frauen müssen sie sich fragen: Gibt es eine betriebsinterne Kita? Bieten wir auch auf den höheren Ebenen Job-Sharing oder Teilzeit an? Dürfen nach 16 Uhr keine Konferenzen mehr stattfinden? Sind unserer Führungsetage Unconscious Gender Bias oder die Gläserne Decke ein Begriff?

Und wenn sie diesen anstrengenden Weg und die Kultur-Innenschau durchlaufen haben, winkt ihnen ja Gutes: Aus Untersuchungen wissen wir, dass Unternehmen mit divers aufgestellten Führungsetagen am Ende des Jahres 25 bis 30 Prozent profitabler sind.

Zur Person

Alexandra Zykunov schreibt für die Brigitte und auf Instagram über feministische und gesellschaftliche Themen. Ihr erstes Sachbuch „Wir sind doch alle längst gleichberechtigt!“ erschien 2022, im November 2023 legte sie mit „Was wollt ihr denn noch alles?!“ nach.

Zur Lesung in Oldenburg hatte der Verein Frauen und Wirtschaft anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Existenzgründungsagentur für Frauen (EfA) und der Koordinierungsstelle für Frauen und Wirtschaft (KOS) eingeladen. Der Verein ist in der Stadt und im Landkreis Oldenburg, in Delmenhorst und in Stuhr aktiv.


 

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