Leuchtturmwärter von Wangerooge überrascht vom Trubel über seinen Job

Artikel vom 08.04.2024

Antje Hagemann

Stelle frei geworden: Jan Gerdes, Leuchtturmwärter auf Wangerooge, ist mit 67 Jahren in Ruhestand gegangen. Hunderte Bewerbungen für die Nachfolge sind auf der Insel eingegangen. Bild: Antje Hagemann

34 Jahre lang hat Jan Gerdes im Leuchtturm auf Wangerooge gearbeitet. Der 67-Jährige war Hausmeister, Ticketverkäufer und Museumswärter. Das riesige Interesse an der Aufgabe verwundert den Insulaner.

Wangerooge - Jan Gerdes hätte sich bis vor einigen Wochen nicht vorstellen können, so viel Aufmerksamkeit zu erregen und über die deutsche Landesgrenze hinaus ein bekanntes Gesicht zu werden: Der 67-jährige Friese ist derzeit wohl der berühmteste Leuchtturmwärter a. D. des 21. Jahrhunderts. „Dabei habe ich nur meinen Job gemacht“, so Gerdes kopfschüttelnd. Im Grunde habe er 30Jahre lang als Hausmeister und Ticketverkäufer gearbeitet, untertreibt der bescheidene Ruheständler. Denn tatsächlich hat er in 30 Jahren 1,2 Millionen Besucher betreut, das Treppenhaus mit seinen 163 Stufen sechsmal gestrichen, mindestens einmal täglich durchgefegt, 30 Mal sämtliche Exponate im Museum geputzt und in Summe mindestens fünf Millionen Treppenstufen bestiegen.

1990 gab’s zwei Bewerbungen

Der Wangerooger absolvierte nach seiner Insel-Schulzeit eine Ausbildung auf dem Festland zum Bankkaufmann und kam 1979 mit seiner Frau zur Insel zurück. Als im Januar 1990 im Wangerooger Inselboten die Stellenausschreibung zum Leuchtturmwärter erschien, beschloss er, die Vermietung einer Ferienwohnung seiner Frau zu überlassen und sich anstellen zu lassen. Mit ihm bewarb sich ein anderer Insulaner. „Das war’s. Der andere ist woanders untergekommen, da haben sie mich genommen“, fasst Gerdes den Prozess zusammen. Am 19. März 1990 hatte er seinen ersten Arbeitstag. Der damalige Bürgermeister Rainer Balsmeier habe ihm gesagt: „Schwimmen Sie sich frei“, eine Stellenbeschreibung gab es nicht.

Betrieb neu organisiert

Er habe es dann so gemacht, wie er dachte und es im Laufe der Zeit als „seinen Betrieb“ gesehen. „Der Tresor war ein alter Nachttisch mit einer Schublade, die ein Schloss davor hatte“, erinnert sich der 67-Jährige. „Ich habe versucht, es ein bisschen fortschrittlicher zu machen.“ So habe er auf eine Registrierkasse umgestellt mit verschiedenen Warengruppen für Erwachsene, Kinder, Schulklassen und Souvenirs. Dadurch mussten die teuren Eintrittskarten aus Papier nicht mehr eingekauft werden. Irgendwann kamen der PC, eine Homepage für den Leuchtturm und ein digitaler Terminkalender für die Anmeldung der vielen Schulklassen. Zudem erstellte er eine Datenbank für die über 1000 Museums-Exponate. „Ich hatte den Ehrgeiz, immer alles zu finden, wenn mal die Eigentümer der Leihgaben oder Interessierte nachfragten.“

Seine wichtigste Neuerung war neben Gruppen-Angeboten wie „Leuchtturmwärter-Patente“ und „Knoten-Kurse“ die Idee, in der ehemaligen Wächterstube ein Trauzimmer einzurichten. „Die haben mich erstmal abgewiesen und die Idee Heiraten im Leuchtturm für ‚bekloppt‘ gehalten. Dann hat meine Frau noch vorgesprochen als zweite Vorsitzende des Verkehrsvereins, da mussten sie mal genauer hinhören“, erzählt der ruhige Friese.

Traustube eingerichtet

Am 15. März 1996 gab sich das erste Paar im Leuchtturm das Jawort – laut Gerdes die erste Leuchtturmtrauung in Deutschland überhaupt. Die Traustube haben er und viele Helfer selbst ausgebaut, die antiken Möbel von 1856 hat Hans-Jürgen Jürgens gespendet, das Sofa wurde neu gepolstert und bezogen – zeitgemäß zur Historie des Turms. Oft seien seine Frau und er in den ersten Jahren als Trauzeugen eingesprungen, sagte Gerdes. Im ersten Jahr zählte er 180 Trauungen, später bis zu 400 im Jahr. Die anderen Inseln zogen nach, auch in sämtlichen Leuchttürmen an der Küste heiraten heute Paare. Eine Hochzeit mit den Gästen und „allem Drum und Dran“ sei ein Wirtschaftsfaktor.

Turm seit Corona geschlossen

Jan Gerdes ist seit dem 1. Oktober 2022 im Ruhestand. Sein letzter Arbeitstag im Leuchtturm war im März 2020 – nach der Schließung wegen Corona. Bis heute ist der Turm wegen Brandschutzauflagen geschlossen – derzeit wird er frisch gestrichen. Die letzten drei Jahre arbeitete er in der Kurverwaltung, bei der er seinerzeit eingestellt wurde, offiziell als Gärtner. Die zahlreichen Überstunden habe er gerade in den ersten sieben Jahren geleistet, als er an sieben Tagen in der Woche arbeitete. „So sah es bei mir nie aus“, das tue ein bisschen weh, verrät Gerdes mit Blick auf den aktuellen Zustand am Leuchtturm. Aber darum werde sich bald jemand anders kümmern müssen. Den wird er dann mal besuchen – vielleicht bei schlechtem Wetter, wenn er nicht mit seinem Hobby, dem Katamaran, beschäftigt ist, sagt Gerdes.


 

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