„Das Warum kann keiner beantworten“

Artikel vom 12.08.2022

Frank Jacob

Großaufgebot an Hilfskräften: Aus dem gesamten Umland waren nach dem schrecklichen Unfall am Bahnübergang Liethe Retter nach Rastede gekommen. Bild: Frank Jacob

Eine Woche ist seit dem tragischen Unfall am Bahnübergang Liethe vergangen. Ein 52-jähriger Lkw-Fahrer aus dem Ammerland war am Mittwoch ums Leben gekommen, als sein Fahrzeug von einem Zug der Nordwest-Bahn erfasst wurde. Die Ermittlungen, wie es zu dem Unglück kommen konnte, dauern an.

Zur Seite stehen

Unter den rund 170 Einsatzkräften und Helfern an der Unfallstelle war auch der Rasteder Hartmut Warsinski. Der 65-Jährige ist Notfallseelsorger, seine Aufgabe: Den Betroffenen in den ersten Momenten zur Seite stehen. Seit etwa fünf Jahren übernimmt er diese Tätigkeit. „Ich bin gesund in Rente gegangen und möchte den Menschen etwas zurückgeben“, sagt er.

Warsinski war als Berufssoldat beim Hubschraubertransportgeschwader und übernahm dort die Aufgaben eines Rettungssanitäters. 15 Jahre war er in Ahlhorn stationiert, danach 13 Jahre in Rendsburg. Als 1998 das schwere Zugunglück in Eschede geschah, flog auch Warsinski in den Landkreis Celle, um zu helfen und Patienten zu transportieren. Es war ein Einsatz, bei dem er immer wieder dachte: Lieber Gott, lass’ Abend werden.

101 Tote und 105 Verletzte waren damals zu beklagen. Solche Ausmaße hatte der Unfall in der vergangenen Woche in Rastede zum Glück nicht. Doch natürlich sei jeder Tote schlimm, und die Unfallstelle, der Aufmarsch der Hilfsorganisationen und Feuerwehren, das alles habe schon Erinnerungen an Eschede geweckt, sagt Warsinski.

Umgang mit dem Tod

Der Umgang mit dem Tod, das ist für viele ein sehr schwieriges Thema. Das ist auch für Warsinski nicht anders, aber er könne anders damit umgehen, sagt der Rasteder, der sich auch in der Hospizarbeit engagiert und im Wiefelsteder Trauercafé Menschen zur Seite steht, die einen Verlust zu beklagen hatten. „Ich kann den Menschen ihre Trauer nicht nehmen, aber ich kann ihnen zuhören und sie begleiten“, sagt Warsinski.

Über die evangelische Kirche machte er die Ausbildung zum Notfallseelsorger. Ein halbes Jahr lang standen an den Wochenenden Psychologie, Rollenspiele und Erfahrungsaustausch auf dem Programm.

Wird Warsinski zu einem Einsatzort gerufen, ist er nicht nur für an einem Unfall Beteiligte oder deren Angehörige da, sondern auch für die Helfer. Beim Bahnunfall in Liethe waren noch zahlreiche weitere Notfallseelsorger vor Ort, auch die Psychosoziale Notfallversorgung rückte an.

Ruhe bewahren

„Ich war im Garten am Rumwuseln, als ich den Anruf bekam“, berichtet Warsinski. Seine Nummer ist für solche Fälle bei der Großleitstelle hinterlegt. Der 65-Jährige schnappte sich seine lilafarbene Notfallseelsorgerweste und fuhr los. Eine halbe Stunde nachdem das Unglück geschehen war, traf Warsinski am Bahnübergang ein. Dort tat er das, was vielen in einer solchen Situation schwerfällt: Ruhe ausstrahlen. „Man muss ruhig und gelassen bleiben“, sagt Warsinski. Das sei die halbe Miete. Hektik zu verbreiten, das bringe gar nichts.

Später begleitete der 65-Jährige die Polizei, die den Angehörigen des verstorbenen Lkw-Fahrers die Todesnachricht überbringen musste. In solchen Situationen sei auch er angespannt, räumt er ein. Schließlich wisse man nie, wie die Familie reagiert, der von einer auf die andere Sekunde ein Angehöriger aus der Mitte gerissen wurde.

Es sind Szenen, die viele nur aus dem Fernsehen kennen, und die plötzlich zur schrecklichen Realität werden.

Klarheit schaffen

Im ersten Moment gehe es darum, das Unfassbare zu verstehen: Wie konnte das passieren? Doch: „Das Warum, das kann keiner beantworten. Aber ich versuche dabei zu helfen, die Gedanken zu sortieren“, sagt Warsinski und ergänzt: „Man sorgt für Klarheit. Obwohl das nicht immer einfach ist. Aber Wissen befreit von den Qualen der Unwissenheit.“

Und manchmal gehöre es in solchen Situationen auch dazu, das gemeinsame Schweigen auszuhalten.

Ihm selbst helfe es nach einem Einsatz, mit Leuten zu reden, die solche Situationen verstehen, sagt Warsinski und denkt noch einmal zurück an Eschede. „Da habe ich abends einen befreundeten Feuerwehrmann in Hamburg angerufen. Das war der erste Schritt, um wieder klar zu kommen.“


 

Blaulicht-Ticker

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