Ehrenamtliche Müller halten Zwischenahner Mühle am Laufen

Artikel vom 10.08.2023

Kerstin Schumann

Mit Mühlen kennen sie sich aus (von links): Doris Schröder, Heiko Koch und Henrik Bischoff. Bild: Kerstin Schumann

In der Zwischenahner Mühle werden regelmäßig Führungen angeboten. Möglich machen das Ehrenamtliche, die eine Ausbildung absolviert haben. Was gehört alles dazu?

Bad Zwischenahn - Sie fällt mit ihren Flügeln, die sich am Ufer des Zwischenahner Meeres in den Himmel recken, sofort ins Auge und wird von Touristen gerne besucht: die Zwischenahner Mühle. Ehrenamtliche kümmern sich um den Betrieb des Galerieholländers und die sind vom Fach, denn sie haben eine Ausbildung zum Freiwilligen Müller absolviert. Auch in anderen Mühlen im Ammerland sind solche Ehrenamtlichen aktiv, bieten Führungen an und setzen die Mühlen zu Schauzwecken in Betrieb. Doch meist sind es nur noch wenige ältere Vereinsmitglieder, die sich kümmern. Ziehen sie sich irgendwann zurück, steht die Mühle still.

Erfahrungswerte wichtig

Solche Nachwuchssorgen hat der Heimatverein Bad Zwischenahn nicht. Henrik Bischoff (33) und Doris Schröder (38) gehören zu den Jüngeren im siebenköpfigen Team der Müller und haben ihre Ausbildung schon vor elf Jahren absolviert. Sie sei schon lange Vereinsmitglied und handwerklich geschickt, erzählt die Freiwillige Müllerin. Als nach Kursteilnehmern gesucht wurde, habe sie sich entschlossen, mitzumachen. Mit dabei war Henrik Bischoff. Als Maschinenbauer habe ihn die alte Technik fasziniert, beschreibt er seine Motivation. „Damals wurde das Wissen weitergegeben. Erfahrungswerte spielten beim Bauen einer Mühle eine große Rolle“, beschreibt er die Unterschiede zu heute, wo alles exakt am Computer berechnet werde.

Die Faszination der Mühlen hat Heiko Koch (60) schon als Kind für sich entdeckt. „Wenn ich aus dem Fenster sah, habe ich auf eine Mühle geguckt“, erinnert sich der gebürtige Wangerländer. Bei Urlauben in Kanada habe ihn die lebendige Museumskultur beeindruckt. Deshalb habe er sich im Heimatverein Bad Zwischenahn als ehrenamtlicher Müller engagieren wollen, um hier einen Beitrag zu leisten.

Heiko Koch machte 2012 ebenfalls die Ausbildung. Und diese war, wie sich die drei Freiwilligen Müller erinnern, gar nicht so einfach. In einem Kursus, der mit einer Prüfung in der Mühle in Logabirum endete, lernten sie Theorie und Praxis kennen: ob Wetter- oder Getreidekunde, das Ingangsetzen der Mühle und vieles andere mehr. „Fast jedes Holzstück und jeder Hebel hat seinen eigenen Namen“, sagt Heiko Koch. Steht die Mühle still, hat auch die Flügelposition ihre Bedeutung. So gibt es beispielsweise eine Pausen-, Feierabend-, Geburts- oder Trauerstellung. „Damit wurden Nachrichten im Dorf verbreitet“, erklärt Doris Schröder.

In der Winterzeit standen Reparaturen an. „Die tonnenschweren Mahlsteine müssen nachgearbeitet werden“, nennt Henrik Bischoff ein Beispiel. Die Rillen und Furchen seien beim Mahlen wichtig für die Kühlung des Mehls, das sonst beim Mahlen zu heiß werde und schnell verderbe.

Alle Fachbegriffe und jedes kleinste Detail einer Mühle kennen die Ehrenamtlichen inzwischen ganz genau und erzählen Interessierten gerne von ihrem Hobby.

Bei den Führungen geht es auch hinauf auf die Galerie, wo die Besucher einen tollen Blick aufs Zwischenahner Meer genießen können. Hier befindet sich der Steert, ein langer Balken zum Ausrichten der Flügel per Hand. Gleichzeitig gibt es aber zusätzlich eine Windrose, die das automatisch erledigt. „Das ist etwas Besonderes. Es wurden Teile von zwei Mühlen verbaut“, erklärt Koch.

Für die Freiwilligen Müller geht es manchmal auch ganz hinauf bis in die Kappe, wo Besuchern der Zutritt nicht gestattet ist. Die Ehrenamtlichen sind schwindelfrei und klettern in Windeseile die schmalen Stufen empor und wieder hinunter. Im Inneren des Galerieholländers imponieren die Mechanik und das riesige Räderwerk, das durch den Wind und die drehenden Flügel in Bewegung gesetzt wird. Allerdings ist aktuell ein Flügel defekt, sodass die Besucher diese Funktion vorübergehend nicht erleben können. Die dazugehörige Ölmühle, mit der früher Leinsamen, Raps und anderes gepresst wurde, ist schon länger nicht mehr in Betrieb. Trotzdem gibt es einiges zu entdecken. Auch kleine Handmühlen und andere Gerätschaften sind im Inneren des Galerieholländers aufgebaut.

Mühle geöffnet

Die Mühle steht auf dem Gelände des Freilichtmuseums und ist in der Saison unter der Woche von 14 bis 17 Uhr und am Wochenende von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Infos und Ausbildung

Die Mühlenvereinigung Niedersachsen/Bremen sammelt Infos rund um die noch intakten Mühlen, koordiniert Aktivitäten und unterstützt den Erhalt des Kulturgutes. Laien, die sich für die verschiedenen Mühlentypen interessieren, können auch Kartenmaterial nutzen. Unter anderem kann die Mühlenstraße abgefahren werden, auch Wanderrouten werden regional angeboten.

Damit das Wissen des alten Handwerks nicht verloren geht, gibt es Kursangebote, beispielsweise in Zusammenarbeit mit den Volkshochschulen. Die Ausbildung zum Freiwilligen Müller oder zur Freiwilligen Müllerin umfasst 160 Stunden. Dabei steht die praktische Tätigkeit im Vordergrund. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen lernen den Umgang mit der Technik in einer historischen funktionsfähigen Mühle zu allen Jahreszeiten und bei unterschiedlichen Witterungsbedingungen. Aber auch die Theorie gehört zur Ausbildung. Dabei geht es nicht nur um die Technik, sondern unter anderem auch um Getreideverarbeitung, Wetterkunde, Reparaturen und Arbeitsschutz. Nach rund einem Jahr wird eine Prüfung abgelegt.

Angeboten werden solche Kurse beispielsweise von der Volkshochschule Leer in Zusammenarbeit mit der Mühlenvereinigung Niedersachsen-Bremen.

Die Ausbildungsmühle befindet sich in Logabirum. Die Plätze sind jedoch begehrt. Der nächste Kursus ist bereits ausgebucht.


 

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