Wo ein Kranich wieder laufen lernte

Artikel vom 04.01.2023

Frank Jacob

Wird in Rastede wieder aufgepäppelt: ein Kranich, der völlig entkräftet in der Wildtierauffangstation aufgenommen wurde Bild: Frank Jacob

Intensive Pflege in der Wildtierauffangstation Rastede war nötig, um einen entkräfteten Kranich wieder aufzupäppeln. Das ist nur eine von mehreren außergewöhnlichen Geschichten aus diesem Jahr.

Die Wildtierauffangstation in Rastede arbeitet weiter an der Belastungsgrenze. Noch immer gilt: „Zu viele Tiere – zu wenig Personal“. Waren im vergangenen Jahr 2065 Tiere aufgenommen worden, sind es dieses Jahr noch einmal mehr, nämlich 2110, wie Stationsleiter Klaus Meyer berichtet. Rund 200 Tiere müssen im Tagesschnitt in der Station versorgt werden. Aktuell sind deshalb auch zwei Stellen für Fachangestellte für Zootierpflege ausgeschrieben. Eher ungewöhnlich war in diesem Jahr die Aufnahme von 400 Goldfischen, die sich in einem Naturteich vermehrt hatten. Dort hatten sie jedoch als invasive Art entnommen werden müssen. Die 400 Fische kommen zu den 2110 aufgenommenen Tieren noch hinzu. Klaus Meyer weiß im Rückblick auf das Jahr aber noch weitere außergewöhnliche Geschichten zu erzählen.

Der Kranich

Für Meyer war es ein absolutes Erfolgserlebnis: Nach drei Wochen intensiver Pflege konnte ein völlig geschwächter Kranich, den er in der Wildtierauffangstation aufgenommen hatte, zum ersten Mal wieder aufstehen. Bis Vechta war das Jungtier gekommen, vermutlich hatte es sich von Norwegen aus auf den Weg in Richtung Süden begeben.

Die Untersuchung durch einen Tierarzt ergab, dass der Kranich von Würmern und Parasiten befallen war, die auch das Nervensystem angreifen. Er konnte nicht mehr stehen und wollte nicht fressen. „Der Kranich lag nur auf dem Bauch, bewegte sich robbend vorwärts. Es war eine Quälerei“, sagt Meyer. Mit Sondennahrung wurde das Tier durch einen Schlauch künstlich ernährt.

Inzwischen steht und frisst der Kranich wieder selbst. Einige Zeit wird er noch in der Auffangstation bleiben, vermutlich im Frühjahr soll er dann ausgewildert werden, sagt Meyer.

Weißbüscheläffchen

Aus illegalem Tierhandel konnte in diesem Jahr ein Weißbüscheläffchen gerettet werden und kam im Juli in die Wildtierauffangstation. „Normalerweise nehmen wir keine Affen auf“, sagt Meyer über den ungewöhnlichen Gast, der in Brasilien heimisch ist und auch Pinselohräffchen genannt wird. Für das vier Jahre alte Männchen aus der Gattung der Krallenäffchen machte er eine Ausnahme. Der Hamburger Tierschützer Stefan Klippstein hatte das Weißbüscheläffchen gerettet, als er im Juni in Sachsen-Anhalt eine verdeckte Tierschutzkontrolle durchführte. „Weder hatte ich eine Genehmigung zur Haltung des Tieres, in meinem Bundesland dürfen Affen nicht gehalten werden, noch wurde eine Genehmigung eingefordert oder nach einem Personalausweis gefragt“, berichtete Klippstein damals und stellte fest: „Es ist leichter, einen Affen mit drei Mausklicks zu kaufen, als einen Handyvertrag abzuschließen – und günstiger als jeder Hundewelpe.“ Einige Zeit später gelangte ebenfalls über Klipp- stein ein zweites Weißbüscheläffchen in die Station. Die beiden Tiere werden dort nach wie vor betreut und sollen möglichst an einen Zoo vermittelt werden.

Der Seeadler

Bereits vor zwei Jahren konnte Meyer einen Seeadler auswildern, den er über GPS bis heute im Blick behält. Dass der Vogel überhaupt wieder fliegen kann, grenzt an ein Wunder. Er war mit einer dreifachen Flügelfraktur eingeliefert worden. Zwei der Brüche konnten mit Schienen gerichtet werden, von denen sich eine noch immer im Körper des Seeadlers befindet. Und auch der dritte Bruch, eine Splitterfraktur, heilte wieder. „Einer der Brüche war sehr gelenknah“, sagt Meyer. Deshalb war auch unklar, ob der Seeadler überhaupt wieder wird fliegen können. Doch die fast schon unmögliche Operation war erfolgreich, der Vogel, ausgestattet mit einem GPS-Sender, schwang sich wieder in die Lüfte, als er in Dangast ausgewildert wurde. „Wir wissen, dass er sich immer im Bereich des Jadebusens aufhält“, sagt Meyer. Er hofft nun, dass das geschlechtsreife Tier dort brüten und im neuen Jahr Nachwuchs bekommen wird.


 

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