Von Bienen und Blumen

VON MERLE WERKMEISTER

Friederike Meyer auf der von ihr kartierten Wiese, vor ihr eine Ringelblume. BILD: WERKMEISTER

GANDERKESEE – Vegetationskundler gehören mittlerweile zu einer seltenen Spezies. Friederike Meyer ist zurzeit eine von ihnen. In ihrem vegetationskundlichen Praktikum dokumentiert sie die regionale Flora. Das Klemmbrett fest unter dem Arm, die Regenjacke bis unters Kinn gezogen. Es ist grau, doch der Regen lässt noch auf sich warten.

Friederike Meyer zieht drei Stöcke aus dem bunt bewachsenen Feld am Rande von Ganderkesee und stellt sie in einem Dreieck ein Stück weiter wieder auf. „Den letzten Stock denke ich mir dann immer“, erklärt die sympathische Vegetationskundlerin. „Das soll eigentlich ein Quadrat sein“, sagt sie, „in dem alle Pflanzen, die auf dem gesamten Feld vorkommen, am besten repräsentiert werden“. Die 25-jährige Studentin absolviert zurzeit ein Praktikum bei den „Ökologischen Gutachten“ von Privatdozent Dr. Klaus Handke in Ganderkesee und blüht darin vollkommen auf. „Gerade jetzt im Sommer macht es einfach Spaß, draußen in der Natur zu sein“, findet sie. Heute ist sie dafür zuständig, die Vegetation im Ganderkeseer „Bienenglück“ zu kartieren. Dafür benötigt sie nicht nur die drei Stöcke, sondern auch ihr Klemmbrett. „Hier dokumentiere ich jetzt alle Pflanzen, die ich in diesem Quadrat finden kann.“ Dafür gibt es verschiedene Skalen, die ihr dabei helfen, den Anteil einer Pflanze auf der Gesamtfläche zu schätzen. 16 verschiedene Pflanzen wachsen auf diesem Feld, das von Landwirt Onno Osterloh und Partnern vor zwei Jahren hier angelegt wurde.

Kennt die regionale Vegetation in- und auswendig

Die Kartierung der Pflanzen hilft den Vegetationskundlern rund um Meyer dabei, die perfekte Pflanzenmischung für diese Region zu finden, die gut und zuverlässig auf dem jeweiligen Boden wächst und auch für Insekten attraktiv ist. An sonnigen Tagen wird sogar erforscht, welche Pflanzen besonders von Insekten bestäubt werden und welche Pflanzen eher gemieden werden. 

„Einige Saat-Mischungen sind Mogelpackungen“, weiß Friederike Meyer, „da sind nämlich oft Samen von gefüllten Blüten ohne Nektar und Samen drin, die zwar toll blühen, für die meisten Insekten aber gar keine Nahrung liefern“. Das sei vor allem bei den Pflanzen der Fall, die eigentlich gar nicht im eigenen Garten heimisch sind. Ganz nach dem Motto „was die Biene nicht kennt, frisst sie nicht“ sind nämlich exotische Pflanzen gerade für das Gewohnheitstier Waldbiene unattraktiv. Außerdem lassen sich die exotischen Arten schlecht einschätzen: „Das Problem an exotischen Arten ist, dass man nicht einschätzen kann, ob sich die Pflanzen invasiv ausbreiten können und somit die heimische Flora verfälschen“, erklärt Meyer. Die Vegetationskundlerin empfiehlt für die Aussaat im eigenen Garten oder Feld regionale Pflanzen. Dazu gehören Rotklee, die Wiesen-Flockenblume, Kornblumen, Kamille, Rainfarn oder Meyers Favorit, die Wilde Möhre – die ist nämlich unter allen Insekten beliebt. 

Andere Pflanzen, wie zum Beispiel der Nachtschatten oder die Phacelia sind für Wildbienen vollkommen unattraktiv, für die „Alleskönner“ Honigbienen dagegen immer einen Ausflug wert. Damit aber auch die bedrohten Wildbienen Nahrung finden, sollte man sich beim Kauf von Samen-Mischungen immer gut informieren, was drin ist und „zum Beispiel auf das VWW-Regiosaaten-Zertifikat achten“, empfiehlt die Studentin. Friederike Meyer muss es wissen. Letztes Jahr hat sie ihren Bachelor in Bremen abgeschlossen und für ihre Abschlussarbeit alle Wildpflanzen auf dem Gelände der Universität kartiert. Deshalb kennt sie die regionale Vegetation nahezu in- und auswendig – inklusive botanischen Namen. 

Mittlerweile studiert sie im Master Landschaftsökologie in Oldenburg und freut sich schon darauf, sich nach dem Studium in die vegetationskundliche Arbeit zu stürzen. „Das wäre natürlich toll, einen Job in diesem Bereich zu finden“, träumt Meyer, Vegetationskundler werden allerdings immer seltener. Dabei zeigt sich gerade mit Blick auf das Bienensterben und die sinkende Biodiversität, wie wichtig diese Arbeit ist. „Wir sind ja auch nicht den ganzen Tag auf dem Feld“, lacht die Praktikantin. Alles, was sie handschriftlich auf ihrem Klemmbrett notiert, wird anschließend digitalisiert und analysiert. Neben dem „Bienenglück“ betreut die Studentin in ihrem Praktikum auch die Sandgruben und die Rotarywiese in Schierbrok, ihre Kollegen und Kolleginnen kümmern sich außerdem um Untersuchungen von Fledermäusen oder Amphibien und beobachten Störche im Raum von Windenergieanlagen.

„Langweilig wird das nie“, sagt Friederike Meyer und lächelt. Sollte es nach dem Master mit der Vegetationskunde nichts werden, hat sie schon einige Ideen, wie sie sich trotzdem einbringen kann: „Ich würde gerne Landwirte beraten“, erklärt sie, „denn gerade die Landwirte sorgen dafür, dass es mittlerweile immer mehr Wildwiesen wie diese hier gibt, die sehen nämlich das Problem jeden Tag“. Eine Zukunft als Beraterin für Landwirte, die auf ihren Feldern ebenfalls Wildpflanzen ansäen möchten, könnte sie sich gut vorstellen. „Vielleicht kann man dadurch den schlechten Ruf der Landwirte verbessern“, hofft sie.

Bis es soweit ist, kümmert sie sich aber erst einmal weiterhin um das Feld am Rande von Ganderkesee. Der Himmel ist wieder etwas heller geworden. Und Friederike Meyer stellt sich in das abgesteckte Quadrat, nimmt ihr Klemmbrett in die Hand und fängt an zu schreiben. 


 

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