Impfprozedur überfordert Senioren

Impfzentrum für den ganzen Landkreis: der frühere  Elektronikmarkt am Westring in Wildeshausen. Foto: Christoph Koopmeiners

Landkreis – Schon um 8 Uhr am Morgen klingelte am Montag bei Jürgen Lüdtke das Telefon – wieder mal. „Wie und wo kann ich mich und meine Frau für eine Corona-Schutzimpfung anmelden, wir sind 82 und 81, leben noch im eigenen Haus, sind aber nicht mehr mobil“, bat ein Ganderkeseer den Vorsitzenden der Seniorenvertretungen im Kreis Oldenburg und in der Gemeinde Ganderkesee um Auskunft. Fragen rund ums Impfen sind laut dem 73-jährigen Lüdtke derzeit bestimmendes Thema des „Sorgentelefons“, das der Heider zu Beginn der Pandemie für ältere Landkreisbewohner eingerichtet hat.

Weiter Weg zur Impfung

Lüdtke: „Es taucht vor allem immer wieder eine Sorge auf – wie kommen Hochbetagte, die noch selbstständig in eigener Wohnung leben, an ihre Impfung?“ Denn während Bewohner von Altenheimen von mobilen Impfteams aufgesucht werden sollen, seien noch weitgehend selbstständig lebende Senioren gezwungen, ihre Versorgung mit dem Impfstoff selbst zu organisieren. Lüdtke: „Auch, wenn sie noch so alt sind und möglicherweise bereits im Rollstuhl sitzen, müssen sie ins zentrale Impfzentrum nach Wildeshausen kommen.“ Gerade für Betroffene mit kleiner Rente könne das rasch zum finanziellen Kraftakt werden. „Aus Ganderkesee wären das mit dem Rollstuhl-Taxi etwa 20 Kilometer pro einfacher Fahrt“, so der Chef der beiden Seniorenvertretungen.

Zunächst aber müssten Betroffene überhaupt erst an einen Impftermin kommen. Das sei wegen langer Wartezeiten an der Hotline ebenfalls eine Herausforderung. „Ich frage immer, ob es Familienangehörige gibt, die bei der Terminvereinbarung oder beim Fahren helfen könnten“, sagt er. Nicht selten jedoch stünden Senioren ganz allein vor dem bürokratischen Akt, eine Impfung zu erhalten.

Auch in Sachen Impfberatung liege noch viel im Argen. Lüdtke: „Es herrscht große Unsicherheit unter den Älteren, die impfwillig sind.“ Aufgrund vieler Telefonate wisse er, dass auch das Gesundheitsamt oder die Impf-Hotline nicht immer helfen könnten. „Soll ich abwarten? Gibt es Nebenwirkungen? Kann ich mich mit meinen Vorerkrankungen überhaupt impfen lassen?“ Solche Fragen könne die Seniorenvertretung nicht beantworten. Dazu sei der Hausarzt besser geeignet. Offenkundig stehe allen Widrigkeiten voran zu Beginn der Impfkampagne im Kreis ein ganz anderes Problem: „Es gibt zu wenig Impfstoff, selbst wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen priorisiert werden.“ Allein in der Gemeinde Ganderkesee gebe es rund 9000 Einwohner, die älter als 60 Jahre sind.

Freiwilligkeit wichtig

Entscheidend für eine hohe Impfbereitschaft hält Lüdtke die Freiwilligkeit einer Schutzimpfung. „Obwohl es ein Aufwand ist, etwa die vorherige schriftliche Zustimmung von Heimbewohnern einzuholen, das macht Sinn.“ Keinesfalls dürfe eine Impfpflicht durch die Hintertür kommen. Lüdtke: „Mich haben Heimbewohner angerufen, was denn sei, wenn sie keine Impfung wollten, ob das Heim sie dann von der Teilnahme am Gemeinschaftsleben ausschließen kann.“ Darauf habe er aber keine Antwort geben können.

Unter Telefon ?04221/924?2904 hat Lüdtke in der Corona-Pandemie ein „Sorgentelefon“ für Senioren eingerichtet.

Nähere Informationen online unter www.seniorenvertretung-kreisoldenburg.de


 

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