Verschieben wir das Jahr 2020

von Sönke Manns

Ob als Stirnband, Haube, oder Halsschmuck: Hat die Mund-Nase-Maske das Zeug zum modischen Accessoire auch nach der Corona-Krise? Fotos: Manns/Model: Gabi

Nordwesten – Ob Kino oder Konzert, ob Café oder Theater, ob Vereinsleben oder der Besuch der Großeltern – seit Wochen geht nichts mehr. Neulich habe ich mit einem Bekannten telefoniert. Auch sprachen wir über seine Frau, die im sechsten Monat schwanger ist. „Marianne geht es gut“, berichtete mir mein Gesprächspartner, „aber die Geburt ist wegen Corona aufs nächste Jahr verschoben worden.“ Derbe Scherze in Krisenzeiten. Auch wenn die Geburt des Kindes meines Bekannten wohl nicht dazu zählen wird, werden tatsächlich viele der in diesem Jahr geplanten Ereignisse auf das kommende Jahr verschoben, so die Fußball-EM oder Olympia oder Musikfestivals. Warum also nicht einfach das ganze Jahr 2020 ausfallen lassen?!

Mal im Ernst: Lassen Sie uns das Jahr 2020 vergessen, 2020 wird gestrichen. 2021 ist das neue 2020. Sämtlche Veranstaltungen, die 2020 hätten stattfinden sollen, werden 1:1 auf 2021 verlegt. Also das Konzert, das an diesem ersten Maiwochenende hätte stattfinden sollen, wird auf das erste Maiwochenende in 2021 verschoben. Und der Kinobesuch, zu dem Sie am kommenden Dienstag verabredet waren, findet am dritten Dienstag im Mai 2021 statt. Eigentlich ganz einfach.

Wenn uns dann die Enkelkinder eines Tages nach dem Jahr 2020 fragen werden und warum es in den Geschichtsbüchern nicht auftaucht, verweisen wir auf Bielefeld, das es bekanntlich auch nicht gibt, obwohl jeder davon gehört hat. „Das Jahr 2020?“, antworten wir dann, „Das wurde gebielefeld“. Dann lernt der Nachwuchs auch gleich etwas zur Bielefend-Verschwörung.

Wenn wir 2020 streichen, würden selbstverständlich auch die Geburtstage gestrichen. Die können in Zeiten der Kontaktsperren ohnehin nicht gefeiert werden. Dann werden Sie erst im kommenden Jahr so alt, wie Sie in diesem Jahr sind. Ein Jahr geschenkt, eine Verjüngungskur der besonderen Art.

Ärgerlich allerdings für diejenigen, die am 29. Februar Geburtstag hatten – da hat man schon nur alle vier Jahre einen Grund zum Feiern und dann fällt gleich das ganz Jahr aus?! Wenn wir allerdings das Jahr 2020 konsequent auf das Jahr 2021 verschieben, würde der 29. Februar selbstverständlich stattfinden, auch wenn 2021 kein Schaltjahr ist: Der 29. Februar fällt 2021 auf den letzten Februarsamstag, wie 2020 auch. Das wäre dann der 27. Februar.

Tatsächlich war am 29. Februar 2020 die Welt in Europa noch weitgehend in Ordnung, Corona ein Problem der Chinesen. Da konnten die Schaltjahr-Kinder feiern, was das Zeug hält – zumal der 29. eben ein Samstag war. Die Schaltjahr-Kinder hatten also bereits ihren Spaß. So schnell kann sich die Welt ändern.

Zugegeben, wenn wir 2020 streichen, würden wir uns der Gelegenheit berauben, unseren Enkeln von Corona und den weltweiten Folgen zu berichten. Schließlich leben wir in geschichtsträchtigen Zeiten, Und so viele „Wir waren dabei“-Geschichten gibt es ja nun auch nicht zu erzählen. Zumindest nicht aus meinem bisherigen Leben.

Wenn wir 2020 streichen, würde zugleich die urige Kultur des Mund-Nase-Schutzes aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen. Dabei beginnen die Masken gerade erst von einem nützlichen Utensil zum modischen Accessoire zu werden. So wie sich die Krawatte aus dem Halstuch eines kroatischen Reiterregiments entwickelte, könnte auch eine Modifikation des Mund-Nase-Schutzes modische Karriere machen. Ich bin gespannt auf die nächsten Haute Couture-Schauen.

Also, wissen Sie, wenn ich es mir recht überlege, lassen Sie uns das Corona-Jahr feiern! Die Erfahrungen, die wir – auf uns allein zurückgeworfen oder mit unseren Mitbewohnern – machen, können eine wahre Bereicherung sein. O.k., in China ist die Scheidungsrate nach der Zurücknahme der Maßnahmen gegen die Corona-Krise sprunghaft angestiegen. Aber mit Corona bricht ja vielleicht eine neue Zeitrechnung an. 2021 könnte das Jahr 1 nach Corona (n.Co.) werden. Statt zu jammern sollten wir uns vielleicht einfach einmal der historischen Bedeutung bewusst werden – schließlich sind wir Zeitzeugen.


 

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