Luftnummern auf Weltniveau

von Sönke Manns

Lisa Rinne und Andreas Bartl sind sowohl Bühnen- als auch Lebenspartner. Foto: Nicole Oesterreich

Großenkneten – Bei der Abschlussvorstellung der Hochschule für Circus und Performance Art im niederländischen Tilburg, an der Lisa Rinne vier Jahre lang studiert und mit dem Bachelor abgeschlossen hat, präsentiert die Artistin ihre spektakuläre Nummer „Fallen“, eine von der Künstlerin selbst konzipierte Kombination aus artistischer Strickleiter und Schwungtrapez. Pascal Jacob, Leiter des renommierten  ‚Festival Mondial du Cirque de Demain‘ in Paris, war von der Vorführung derart begeistert, dass er die junge Artistin zum 33. Nachwuchs-Festival in die französische Hauptstadt einlädt. Lisas erster Auftritt vor großem Publikum. Die akrobatische Innovation beeindruckt auch in Paris: Lisa Rinne erhält für ihre Darbietung die Silber-Medaille. Das war im Januar 2012. Seitdem ist es quasi amtlich: Lisa Rinne gehört zu den besten Artisten unter der Zirkuskuppel. Weltweit.

Und so mag es nicht wundern, dass weitere Auszeichnungen folgten, so unter anderem  der „Silberne Elefant“ beim  Internationalen Zirkus-Festival in Moskau oder „Gold“ beim ‚European Youth Circus Festival‘ in Wiesbaden.

Schon in Paris war Andreas Bartl an Lisas Seite, ebenfalls ein Artist mit hochkarätiger Ausbildung, die er unter anderem an der Hochschule für Zirkuskünste (ESAC) in Brüssel absolvierte. Während Andreas bei den Solo-Auftritten an der Longe für Lisas Sicherheit sorgt, präsentieren sie gemeinsam unter der Marke „Circus unARTiq“ als Duo am schwingenden Trapez zwischen Akrobatik, Jonglage und Balanceakt Artistik auf höchstem Niveau (www.circus-unartiq.de).

Vor rund einem Jahr sind die beiden Künstler nach Großen-kneten gezogen. Für Lisa ist es die Rückkehr in ihre Heimat, ist die 31-Jährige doch in Sandkrug, wo heute noch ihre Eltern leben, aufgewachsen. Hier hat sie auch das erste Mal Bühnenluft geschnuppert, war Mitglied der Showakrobatikgruppe „Green Spirits“ der TSG Hatten-Sandkrug und hat dem Nachwuchs der Oldenburger Zirkusschule Seifenblase die akrobatischen Grundlagen vermittelt.

Nach dem Abitur stand sowohl Lisa Rinne als auch Andreas Bartl die Welt offen. „Ich hätte werden können, was ich wollte“, schreibt Andreas Bartl in einer Kurzbiografie. „Anwalt oder Arzt, aber glücklicherweise habe ich mich für einen seriösen Job entschieden und wurde Circus-Artist.“
Vorgezeichnet war das übrigens nicht. Zwar hatte Andreas, der über den Schulsport zur Akrobatik kam, schon mit Freunden während seiner Jugendzeit kleine artistische Nummern einstudiert, mit denen die Clique ihr Taschengeld aufbesserte. Aber eigentlich ist der aus Bayern stammende Artist nach Brüssel gegangen, um sein Französisch zu perfektionieren. Denn ursprünglich wollte Andreas Bartl in die Fußstapfen seiner Eltern treten und Lehrer werden. Allerdings nicht, ohne zuvor noch Lebenserfahrungen sammeln.

Und die sammelte er nicht nur in der Hochschule für Circus, an der er nach seinem Examen auch lehrte, sondern auch als Sozialzirkus-Trainer: In Westafrika, Südafrika, Kongo und dem Libanon half Andreas Projekte zu installieren, mit denen Straßenkinder über die Zirkusarbeit in die Gesellschaft integriert werden sollen.

Das anschließende Studium der Sozialanthropologie und Pädagogik, das Andreas in  Köln absolvierte, finanzierte er über Auftritte als Artist. Das hat ihn zurück in die Manege gebracht. Hier beeindruckt er bis heute nicht nur mit Handstand-Akrobatik, sondern auch am Chinesischen Mast.

Auch Lisa Rinnes Weg war nicht so gradlinig vorgezeichnet, wie er sich heute darstellt: Eigentlich zog es die Sandkrugerin nach dem Abitur mit ‚Work and Travel‘ in die Welt – als ihre eher spontane Bewerbung an der Circus-Hochschule jedoch angenommen wurde, entschloss sie sich ebenso spontan zum Studium in Tilburg.

Das Artistenpaar versucht, sein  künstlerisches Spektrum bereitgefächert zu halten. So gastieren sie sowohl in klassischen Zirkussen wie Krone, Roncalli oder Flic Flac als  auch zum Beispiel auf zeitgenössischen Straßentheater-Festivals wie La Strada in Bremen. Der letzte große Auftritt vor der Corona-Zwangspause war beim „Internationalen Circus-Festival von Monte-Carlo“, dem wohl berühmtesten Zirkusfestival der Welt – nur ein Indiz dafür, wie hochkarätig das Programm ist, das die Beiden präsentieren.

Mit dem sechsköpfigen Kollektiv ‚Common Ground‘ sind Lisa und Andreas zudem mit einer Mischung aus Akrobatik, Circus und Straßentheater unterwegs, einem gesellschaftspolitischen Projekt, das das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft thematisiert.
„Wir sind keine Leistungssportler, wir sind Künstler“, sagt Lisa Rinne auf die Frage, wann ein Artist zu alt für die Manege wird, selbstbewusst. Artisten könnten bis ins hohe Alter arbeiten, wissen die Beiden.

Eigentlich war der Circus UnARTiq für dieses Jahr ausgebucht – doch Corona und die Ungewissheit, wie zukünftig Zirkus-Veranstaltungen aussehen werden, bereiten den beiden Artisten existenzielle Sorgen. Und so hat sich das Duo bereits überlegt, sich ein zweites Standbein als Industriekletterer aufzubauen.  Diese Option wäre allerdings nur der Not gehorchend – denn tatsächlich wollen die Beiden zurück auf die Bühne, die für sie die (Zirkus-)Welt bedeutet.


 

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