„Tägliche Trennung erzeugt bei Kleinkindern Stress und Ängste“

Artikel vom 25.04.2022

Hergen Schelling

Erika Butzmann Bild: Bettina Pflaum

Für die meisten Kinder unter zweieinhalb Jahren kommt eine Krippenbetreuung zu früh, meint die Wildeshauser Erziehungswissenschaftlerin Erika Butzmann. Sie warnt vor Spätfolgen.

Dr. Erika Butzmann steht einer Krippenbetreuung von Kleinkindern kritisch gegenüber. Warum sie das so sieht, erklärt die Wildeshauserin in einem VHS-Vortrag – und in einem Gespräch mit unserer Zeitung.

Frage: Ihr Vortrag trägt den Titel: „Geht es meinem Kind in der Krippe gut?“ Die Fragestellung impliziert eher ein „Nein“ als ein „Ja“. Warum sehen Sie das so?

Butzmann: Es ist weder ein Nein noch ein Ja, weil genau geschaut werden muss, ob es dem Kind wirklich gut geht. Denn es gibt viele Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen mit der Fremdbetreuung besonders in den ersten zwei Jahren massiv überfordert sind. Einem Teil der Kinder macht es jedoch nichts aus. Dies herauszufinden, ist Inhalt des Kurses.

Frage: Welche Folgen sehen Sie, wenn Kleinkinder so früh in eine Betreuung gegeben werden?

Butzmann: Die Bindungsentwicklung ist erst gegen Ende des zweiten Lebensjahres einigermaßen stabil, so dass die täglichen Trennungen vorher stresserzeugende Verlassenheitsängste hervorrufen, die von Erzieherinnen nicht wirklich aufgefangen werden können. Aus Studien ist bekannt und das deckt sich mit meinen Erfahrungen, dass später Angststörungen, hohe Unruhe, starke Widerständigkeit und erhöhtes aggressives Verhalten auftreten.

Frage: Aber wirken die Begegnung und der Austausch mit anderen Kindern nicht anregend, auch schon für Kleinkinder?

Butzmann: Das ist nur dann der Fall, wenn sie mindestens zweieinhalb Jahre alt sind und es den Kindern durchweg gut geht, was in den Krippen allein schon durch den derzeitigen Personalmangel kaum möglich ist.?

Frage: Ist es für Kinder aus sozial schwierigen Familienverhältnissen nicht eher fördernd, in einer Krippe betreut zu werden?

Butzmann: Studien zufolge ist es für diese Kinder nur dann fördernd, wenn die Bedingungen in den Krippen optimal sind. Das wäre möglich, wenn insgesamt erheblich weniger Kinder in den Krippen betreut würden.

Frage: Und was ist mit den Kindern aus Migrantenfamilien: Für die Sprachentwicklung und das Kulturverständnis kann es doch keinen besseren Lernort geben als Krippe und Kindergarten...

Butzmann: Das trifft nur auf den Kindergarten zu, wenn diese Kinder ihre Muttersprache beherrschen und dann gut die neue Sprache lernen können. Eine Krippenbetreuung vor zweieinhalb Jahren ist für diese Kinder nicht zu empfehlen.

Frage: Die Krippe ist ja nicht nur fürs Kindeswohl gedacht, sondern auch als eine Unterstützung zur schnelleren beruflichen Wiedereingliederung von Vätern und vor allem Müttern...

Butzmann: Sie sagen es: Die Krippe ist nicht fürs Kindeswohl gedacht. Also stellt sich doch die Frage, ob das Kindeswohl einfach zu Gunsten der beruflichen Wiedereingliederung der Eltern missachtet wird, wenn die Kinder in der sensibelsten Lebensphase in die Fremdbetreuung müssen. Eine Auszeit von zwei bis drei Jahren dürfte für die meisten machbar sein, wenn die Arbeitgeber einbezogen werden. Ich verstehe die Nöte von Alleinerziehenden. Aber für die Mütter, die arbeiten müssen, wäre eine finanzielle Unterstützung möglich, wenn die Kosten eines Krippenplatzes auf sie entfallen würden. Das sind 1000 bis 1500 Euro pro Monat.

Frage: Ihre Theorie würde insbesondere jungen Frauen, die gut ausgebildet sind, die Karriere verbauen...

Butzmann: Es dürfte kaum eine Verbauen der Karriere sein, wenn diese Frauen etwas später mit der Karriere beginnen.

Frage: Aber in der Praxis bekommen viele Frauen heute erst mit 30 oder noch später Kinder, vorher sind sie oft schon beruflich erfolgreich. Wollen Sie denn das „Heimchen am Herd“ wiederhaben?

Butzmann: Davon kann keine Rede sein. Aber es ist nun mal so, dass Kinder in den ersten zwei Lebensjahren sehr auf die Mutter fixiert sind. Das hat auch mit der Schwangerschaft und dem Stillen zu tun. Natürlich müssen sich entsprechend den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder auch die Väter einbringen. Und schließlich sind vor allem die Arbeitgeber gefordert: Es gibt inzwischen viele Firmen, die Frauen in der Erziehungsphase sehr gute Angebote machen.


 

Blaulicht-Ticker

Weitere interessante Artikel

Regen und Paten fehlen zum Bienenglück

Die Bedingungen für den Start in die neue „Bienenglück“-Saison könnten günstiger sein. Trotzdem geht das Artenschutz-Projekt in Ganderkesee ins vierte Jahr. Wann ...

Kostenlos parken beim MPS in Rastede

Anzeige

Großparkplatz Hasenbült, 1500 Parkplätze

„Wir sind da wirklich mit dem Herzen dabei“

Tradition trifft auf risikoreiche Zeiten: Im Gartencenter Melle in Ganderkesee ist der Verkauf der Sommerblumen gestartet. Doch der ist nicht die Haupteinnahmequelle des Betriebs.

Rotary und Co. machen Appetit auf Natur

Zum zweiten Mal stellt der Rotary-Club Wildeshausen eine „Nahtour“ auf die Beine. Mehrere Organisationen unterstützen die Aktion. Die „Nahtour 2019“ organisierte der ...

Kultusminister verleiht Titel „Plattdüütsch School“

Platt ist für die Schülerinnen und Schüler der Grundschule Habbrügge alles andere als uncool: Das stellen sie seit vielen Jahren regelmäßig unter Beweis. Dafür gab ...

Zuverlässigkeit und Seriosität haben hier höchste Priorität

Anzeige

Im Schottenrock über die Insel

Es geht wieder los: Thomas und Katharina Logemann aus Aschenstedt nehmen an der Rallye „Knights of the Island“ teil. Dabei sammeln sie auch Geld für den guten ...

Sekretärin nach mehr als 30 Jahren verabschiedet

Nach mehr als 30 Jahren als Schulsekretärin am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Ahlhorn ist Helga Dolata in den Ruhestand verabschiedet worden. Sie war für die Schüler das „Herz ...

Wiederholungstäter und Neulinge machen mit

Rund 60 Teilnehmer machten beim Auftakt der NWZ-Trainingsaktion „Lauf geht’s“ in Sandkrug mit. Darunter entdeckte die Redaktion auch einige Wiederholungstäter. In sechs ...

Im Klinikum Oldenburg macht man Lust auf Pflege

Anzeige

Seit nunmehr 181 Jahren steht das Klinikum Oldenburg für qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung, beste Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen und eine ...

Warum Landwirte nicht einfach mehr Getreide anbauen können

Durch den Krieg in der Ukraine fehlt es auf dem Weltmarkt an Getreide. Warum die Landwirte nicht einfach die Produktion hochfahren können, erklärte ein Landwirt aus Elmeloh jetzt der ...

Waldschüler rennen 7665 Runden

Aus Solidarität zu den ukrainischen Menschen hat die Waldschule am Freitag einen großen Sponsorenlauf veranstaltet. Etwa 700 Schüler machten mit. Starter Hans-Gerd Cordes brachte ...

Gilde bereit für das große Fest zu Pfingsten

Im Vorfeld der Feierlichkeiten hat die Wildeshauser Schützengilde ihren Schießplatz im Krandel hergerichtet. Auch die Gewehre sind in einem „tadellosen Zustand“. Die letzten ...

Hoch hinaus mit reicher Ernte

Anzeige

Kein Bücken, sondern komfortabel im Stehen gärtnern: Aussäen, Pflanzen, Harken, Jäten und Ernten im Stehen statt über dem Boden, das Gärtnern im Hochbeet ...

Wie Yoda, Rosi und Co. Verantwortung lehren

Verantwortung und ein Bewusstsein für die Herkunft von Lebensmitteln bekommen Mädchen und Jungen aus dem Ganderkeseer Kindergarten Birkenhof auf besondere Weise vermittelt: mit Hilfe von ...