Warum es immer weniger junge Menschen ins Handwerk zieht

Artikel vom 30.12.2021

Stephanie Meyer

Jake Stolle (rechts) ist einer von insgesamt sechs Tischler-Lehrlingen in der Tischlerei H. Sandkuhl in Ganderkesee, die von Bastian Arndt (links) und Carsten Wichmann geleitet wird. Bild: Stephanie Meyer

Das Tischlerhandwerk bietet vielseitige Arbeitsplätze und Karrierechancen. Dennoch sinkt die Zahl der Auszubildenden in Ganderkesee. Woran das liegt und wie Betriebe die Ausbildung attraktiver machen.

Dass ein Tischler nicht nur Tische baut, sondern ein vielfältiges Arbeitsgebiet abdeckt, sei wenig bekannt, heißt es von der Tischler-Innung Delmenhorst/Oldenburg-Land. Kleiderschränke, Badmöbel oder Küchen: Tischler bauen nicht nur Möbel für Innenräume, auch Treppen, Türen und Fenster gehören zum Aufgabenbereich. Trotz des vielfältigen Berufs könnten sich immer weniger junge Menschen für eine Tischler-Ausbildung nach der Schule begeistern, heißt es von Sven Jochims, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Delmenhorst/Oldenburg-Land. Das macht sich auch in den Tischlereien in der Gemeinde Ganderkesee bemerkbar.

Welche Gründe gibt es für den Azubimangel ?

Die Anzahl an Bewerbern für eine Ausbildung zum Tischler sei in den letzten Jahren zurückgegangen und es werde immer schwieriger, heutzutage neue Azubis zu finden, sagt Carsten Wichmann, einer der Geschäftsführer der Tischlerei H. Sandkuhl in Ganderkesee. „Wenn früher pro Jahr um die 20 bis 30 Bewerbungen eingegangen sind, bewerben sich heute nur noch fünf bis sechs“, so Wichmann. Auch Holger Lintelmann, Inhaber der Tischlerei Warrelmann, teilt diese Auffassung. In seinem Betrieb in Ganderkesee ist derzeit ein Auszubildender beschäftigt. „Wir hätten auch gerne noch einen zweiten“, sagt er. Dafür fehle es derzeit aber an Bewerbungen.

Die Gründe für den Azubimangel sind so vielseitig wie der Beruf selbst: Der Beruf des Tischlers sei auf Dauer ein „Knochenjob“ und schrecke junge Menschen ab, sagt Lintelmann. Außerdem würden teilweise mathematische oder sprachliche Kenntnisse fehlen, die für den Tischler-Beruf grundlegend seien.

Wichmann vermutet, dass sich viele Eltern für die berufliche Zukunft ihrer Kinder lieber ein Studium oder Fachabitur als eine handwerkliche Ausbildung wünschen würden. Dabei gebe es nach der Lehre zum Tischler viele Möglichkeiten, sich weiterzubilden, so die Fortbildung zum Meister oder ein Architektur-Studium. Aufstiegsmöglichkeiten seien nicht ausführlich genug bekannt, sodass der handwerkliche Beruf ein eher negatives Bild bei jungen Menschen hätte.

Sven Graue, Tischlermeister in der Tischlerei Holscher in Elmeloh, begründet den Azubimangel mit dem gestiegenen Anteil an Gymnasiasten, die sich gegen eine handwerkliche Ausbildung entscheiden würden. Vermeintlich schlechte Bezahlung und körperliche Anstrengung würden zudem abschrecken.

Wie kann die Ausbildung attraktiv gestaltet werden?

„Junge Menschen müssen richtig über die Ausbildung und die Tätigkeiten eines Tischlers aufgeklärt werden“, meint Carsten Wichmann. Um den Beruf attraktiver zu machen, ist die Tischlerei H. Sandkuhl jährlich an einer Ausstellung der Tischler-Innung beteiligt: „Hier stellen frischgebackene Gesellen ihre Gesellenstücke vor. Wir wollen damit mögliches Interesse wecken und Unentschlossenen einen Einblick in das Handwerk geben“, sagt Wichmann. Mit zeitgemäßen Techniken und einer modernisierten Ausbildung werde der Beruf zudem für junge Menschen „aufgepeppt“.

In der Tischlerei Holscher wird Wert auf eine vielfältige Ausbildung gelegt: „Wir sind auf nichts spezialisiert und decken somit einen breiten Bereich ab“, sagt Sven Graue. So arbeiten die Azubis nicht nur mit Holz, auch mit Holzwerkstoffen, Glas und Kunststoff. Außerdem würden die Lehrlinge mit vielen Übungsaufgaben auf ihre Gesellenprüfung vorbereitet. Mit mehreren Praktikumsstellen im Jahr sollen Schüler zudem einen Einblick in den Beruf und Betrieb bekommen.

Was macht den Beruf des Tischlers besonders?

Geschäftsführer und Tischlermeister sind sich einig: „Wenn man am Ende des Arbeitstages sieht, was man gemacht hat, ist das am schönsten“, sagt Holger Lintelmann. Die Fähigkeit, eigene Möbelstücke oder Treppen zu bauen und dafür dann das Lob von Kunden zu bekommen, sei einer der Gründe, der den Tischler-Beruf attraktiv macht.

Auch die Vielfältigkeit von Holz und das Arbeiten mit verschiedenen Werkstoffen würden den Beruf interessant machen und zudem die Kreativität fördern, meint Carsten Wichmann. „Heutzutage gibt es noch immer eine starke Nachfrage an handwerklichen Arbeiten. Es gilt nur, wieder mehr Menschen für handwerkliche Berufe zu interessieren“, sagt der Geschäftsführer der Tischlerei H. Sandkuhl.


 

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