Wie Graffiti Schulverweigerer zurückholen

Artikel vom 12.11.2021

Karoline Schulz

Ein bunter Container und noch viel mehr ist das Ergebnis eines Projekts, in dem Graffiti-Künstler Leon Bohlsen (4. von links) mit Achtklässlern der Oberschule Ganderkesee gearbeitet hat. Bild: Karoline Schulz

Was tun, wenn sich Jugendliche immer weiter von ihrer Schule entfernen? Identifikation schaffen: In Ganderkesee geschah das jetzt über ein Graffiti-Projekt

Schule sei heute weitaus mehr als ein Ort der Wissensvermittlung, ist Ingo Voss, Leiter der Oberschule Ganderkesee, überzeugt: im Idealfall Identifikationsobjekt für die Schüler, ein Schutzraum, ein zweites Zuhause. Wenn Jugendliche dieser Institution fern bleiben, gelte es schnell zu handeln. In diesen Fällen wird den Familien auf freiwilliger Basis sozialpädagogische Unterstützung angeboten.

In Voss’ Schule wurde jetzt Kunst als Mittel gewählt, um besagte Identifikation mit der Schule zu schaffen: Im Graffiti-Projekt „Spray Your Way“ haben sich von der Schulverweigerung bedrohte Jugendliche zusammen mit leistungsstarken Schülerinnen und Schülern unter Anleitung des professionellen Graffiti-Künstlers Leon Bohlsen aus Bremen eine Woche lang künstlerisch betätigt.

Eigentlich hatte das Projekt schon vor mehr als zwei Jahren laufen sollen, doch die Pandemie führte dazu, dass es wieder und wieder verschoben werden musste und am Ende insgesamt vier Förderanträge gestellt werden mussten. Finanziert wurde es je zur Hälfte aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landkreises Oldenburg.

Ist Schulverweigerung ein lokales Problem ?

Schulverweigerer gibt es in allen Kommunen im Landkreis Oldenburg. Ganderkesee ist – neben Ahlhorn und Wildeshausen – im Rahmen des Schulverweigerer-Programms „Jugend stärken im Quartier“ (JUSTiQ) als einer der „Brennpunkte“ definiert worden, in denen so genannte Mikroprojekte installiert wurden, um dem Problem zu begegnen. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass hier offenbar besonders sorgfältig hingeschaut wird: „Die Ganderkeseer Schulen sind sehr zuverlässig beim Melden, das treibt die Fallzahlen natürlich in die Höhe“, machte Julia Indorf vom Schulamt der Gemeinde Ganderkesee am Montag bei der Projektvorstellung an der Oberschule Ganderkesee deutlich.

„Man hat in Ganderkesee das Gefühl, dass hier kein Schüler verloren geht“, lobte auch Jost Friedebold von der VHS Hatten Wardenburg, die JUSTiQ für den gesamten Landkreis Oldenburg koordiniert.

Was sind die Gründe für Schulverweigerung?

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen hätten die Zahl der Jugendlichen, die der Schule fernbleiben, stark ansteigen lassen, sagte Dirk Bald, der das Schulverweigerer-Programm seitens des Kreisjugendamts betreut. Er selbst spricht lieber von „Schulabsentismus“, statt von „Schulverweigerung“, denn die Gründe, weshalb Jugendliche nicht zum Unterricht erscheinen, seien vielfältig und würden nicht immer in eine Verweigerungshaltung münden, erklärte der Diplom-Sozialpädagoge. So könnten etwa psychische Probleme dahinter stecken oder es komme auch vor, dass Eltern ihre Kinder von der Schule fernhielten – aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Welche Funktion hatte das Graffiti-Projekt?

Eine Woche lang hat der Bremer Graffiti-Künstler und Kunstpädagoge Leon Bohlsen mit zehn Achtklässlern – sowohl aus dem Haupt- als auch aus dem Realschulzweig der Oberschule Ganderkesee – daran gearbeitet, gemeinsam einen in die Jahre gekommenen Lager-Container am Rande des Schulgartens zu einem bunten Blickfang zu machen. Doch das sichtbare Ergebnis des Workshops ist nur ein Effekt: „Es ging vor allem um Dinge wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Kontinuität und sozialen Umgang“, erklärte der 26-Jährige.

Auch Jugendliche, die vorher nie Berührungspunkte gehabt hätten, seien beim Sprayen als „Crew“ zusammengewachsen, hat Schulleiter Voss beobachtet. Dazu gehöre auch die Lektion, einander zu respektieren – in beide Richtungen – und auf Augenhöhe zu interagieren. „Wer Respekt haben möchte, muss Respekt geben“, betonte Voss. Wichtig sei es, als Schule auch Input von außen zu erhalten.

Der kam mit Leon Bohlsen – und zwar mit messbarem Erfolg: So seien alle Projektteilnehmer immer anwesend gewesen, sogar am – eigentlich schulfreien – Samstag, berichtete der Schulleiter zufrieden. „Am Ende wurde Leon Bohlsen von den Schülern gefragt, ob er nicht hier bei uns Lehrer werden möchte.“

Eine Wiederholung des Graffiti-Projekts ist für das kommende Frühjahr geplant – dann mit Schülern des 9. Jahrgangs.


 

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