Buntes Leben hinter alten Mauern

Wo früher Alkohol gebrannt wurde, arbeiten nun Künstler und Kunsthandwerker in 30 Ateliers: die Alte Brennerei Hilbers in Etzhorn.   BILD: RUHSAM

OLDENBURG – Man stelle sich vor, das Angebot des Abbruchunternehmens, das Johann Hilbers, genannt Hans-Gerd 2006  angefordert hatte, wäre günstiger gewesen. Dann würde die Alte Brennerei Hilbers heute nicht mehr stehen – viele Oldenburger Künstler und Kunsthandwerker hätten kein Zuhause und die Kunst- und Kulturszene wäre um ein Kleinod ärmer. Zum Glück entschied sich der heute 74-Jährige anders und wo früher einmal in großem Stil Alkohol gebrannt wurde, ist heute Platz für Kunst und Kunstgewerbe.

Familientradition

Bis 2004 wurde hier gebrannt, dann fiel das Branntweinmonopol für gewerbliche Brennereien, der Betrieb drohte unrentabel zu werden. Die Schließung des Familienunternehmens war kein einfacher Schritt, immerhin endete ein über 160-jähriger Betrieb, erst in einer kleiner Brennerei, ab 1885 im heutigen Gebäude. „Meine Vorfahren haben bei unseren Nachbarn gesehen, dass die Brennerei ein lukratives Geschäft ist“, sagt Hilbers lachend mit dem Blick auf die Brennerei Hullmann nebenan, in der bis heute Korn gebrannt wird. Das zweite Standbein der Familie, die Landwirtschaft, ist übrigens weitaus älter als die Brennerei. Vor mehr als 500 Jahren wurden der Hof erstmals urkundlich erwähnt. Bis heute, mittlerweile in der 17. Generation ist er in Familienbesitz. „Als Kolumbus Amerika entdeckte, wurde hier schon Landwirtschaft betrieben“, sagt Hans-Gerd Hilbers. Neben 300 Milchkühen werden auf dem Hof auch Pferde gehalten. Die Alte Brennerei ist weiter das dritte Standbein der Familie, wenn auch nun eben durch die Kunst.

Neues Leben in alten Mauern

Ganz klar war es nicht, wie es nach dem Ende der Brennerei mit dem Gebäude weitergehen sollte. „Der Abbruch war eine Option“, blickt Hans-Gerd, eigentlich Johann Gerhard Hilbers, zurück. Doch das Angebot war ihm schlicht zu teuer.
Viele historische Fabrikgebäude hat er seinerzeit besichtigt und was er dort sah, ließ bei ihm den Entschluss reifen, in Oldenburg einen Platz für Künstler und Kunsthandwerker zu schaffen. Kleine Werkstätte, kleine Ateliers, die Leben ins das alte Gebäude bringen sollten – so sollte es auch kommen.  „,Du bist ja verrückt‘ haben viele Freunde damals zu mir gesagt, als ich von den Plänen berichtete“, sagt Hilbers. Beirren ließ er sich nicht und ist heute froh darüber. „Es ist einfach spannend“, sagen Hans-Gerd Hilbers und seine Ehefrau Anke übereinstimmend. Missen möchten sie die vergangenen 15 Jahre nicht.
Besondere Besucher hat es viele gegeben. NDR-Moderatorin Heike Götz war mit der Sendung „Landpartie“ (und dem obligatorischen Fahrrad) war eine von ihnen. Die lange Geschichte ist übrigens bis heute sichtbar und lebendig. Denn im Umbaukonzept legte Hans-Gerd Hilbers gemeinsam mit dem Architekten fest, dass kleine und große Elemente erhalten blieben, wie die große Siemens-Elektroschalttafel und der alte Brennapparat im Eingangsbereich, die noch heute an die frühere Nutzung als Brennerei erinnern.

Treue Mieter

Am Anfang war Platz für 15 Künstler, im Laufe der Jahre sind weitere 15 Räumlichkeiten hinzugekommen, die zum Teil auch von mehreren Personen genutzt werden. Auch ein Café ist entstanden, in dem es zu den regelmäßigen Öffnungen an jedem ersten Sonntag im Monat Kaffee und Kuchen gibt.
Der erste Mieter war der Kunstschmied Siebelt Lengert. Er schuf die Verbindung zu anderen Künstlern, viele von ihnen arbeiten noch heute in der Alten Brennerei. „Es sind ganz unterschiedliche Richtungen vertreten. Manche arbeiten hauptberuflich, andere nur nebenberuflich“, berichtet Hilbers. Fotografen sind dabei, Malerinnen und Maler, ein Grafiker, Bildhauerinnen, ein Holzkünstler, Keramikerinnen, ein Ofensetzer und viele andere. Manche nutzen die Räume für ihre Arbeit, andere für Ausstellungen oder für Kurse.
An diesem Wochenende wird nun das 15-jährige Bestehen des Künstlerhauses gefeiert (siehe Infokasten).  Für die Fortsetzung ist übrigens gesorgt: „Mein Sohn kümmert sich bereits um einen Teil der Mieter“, sagt Hans-Gerd Hilbers. Ein neues Projekt hat er bereits auf die Beine gestellt: In einem Gemeinschaftsgarten arbeiten zehn Familien  aus Etzhorn gemeinsam.  

Mehr Infos unter www.altebrennerei-hilbers.de.

GEÖFFNET SIND die Ateliers in der Alten Brennerei Hilbers, Butjadinger Straße 346, an diesem Samstag und Sonntag, jeweils von 14 bis 18 Uhr.

DIE AUSSTELLUNG „Kunst im Kesselhaus“, in der alle Künstler zu einem gemeinsamen Thema ausstellen, steht in diesem Jahr unter dem Motto „Begegnungen“ und findet in den einzelnen Ateliers statt.

UM 16 UHR  gibt es an beiden Tagen eine Führung über den mehr als 500 Jahre alten Hof Hilbers mit geschichtlichem Hintergrund.

FÜR BESUCHER gilt die 3G-Regel: Sie müssen genesen, geimpft oder getestet sein.


 

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