Auch ohne Augenlicht genießt Hans-Joachim Seweron das Radfahren

Artikel vom 09.10.2021

Patrick Buck

Touren gemeinsam auf einem Parallel-Tandem durch die ganze Region: Hans-Joachim Seweron, der sein Augenlicht weitgehend verloren hat, und seine Frau Monika Seweron. Bild: Patrick Buck

Nach einer OP war Hans-Joachim Seweron plötzlich blind. Nun fährt er wieder Fahrrad – auf einem Parallel-Tandem. Die Reaktionen der Autofahrer auf seine breites Gefährt haben ihn überrascht

Wenn Hans-Joachim und Monika Seweron Fahrrad fahren, dann fallen sie auf. Denn statt jeweils auf zwei Rädern unterwegs zu sein, teilen sie sich gemeinsam drei Räder: Sie sitzen nebeneinander auf einem sogenannten Parallel-Tandem. Sie lenkt, er fährt mit. Andersherum wäre es ungünstig, denn Hans-Joachim Seweron ist weitgehend blind.

Im Juni vergangenen Jahres wachte der 72-Jährige nach einer Operation fast ohne Sehvermögen auf. Die Ursache ist nicht wirklich geklärt, der Fall noch nicht endgültig aufgearbeitet.

Der Schock war natürlich groß. Von jetzt auf gleich änderte sich das Leben der Sewerons komplett. Es brauchte Monate, bis das Ehepaar nicht nur seinen Alltag neu geordnet hatte (mit viel Hilfe von Freunden und Familie sowie des Blindenvereins), sondern auch das seelische Gleichgewicht wiederfand. Vorher übliche Ablenkungen waren nicht mehr möglich. „Ich war seit dem Vorfall nicht mehr in meiner Werkstatt im Keller“, sagt der handwerkbegeisterte 72-Jährige.

Zurück aufs Rad

Da half es, dass das Ehepaar den Weg zurück auf die Radwege und Straßen fand. Vor der OP waren die Oldenburger regelmäßig mit ihren E-Bikes unterwegs, auf Tour mit Freunden oder im Fahrradurlaub in den Niederlanden. In diese Richtung wollten sie zurück – und kamen auf die Idee, Tandem zu fahren.

Das klassische Tandem, bei dem die beiden Fahrer hintereinander sitzen, kam allerdings nicht infrage. „Das konnte ich nicht fahren“, stellte die 73-jährige Monika Seweron bei einem Test fest. Bei einem Fachhändler in Bremen fanden sie dann das E-Dreirad mit den beiden Sitzen nebeneinander.

Hans-Joachim Seweron war von der Idee grundsätzlich sofort überzeugt, war aber skeptisch ob der Umsetzung. „Ich dachte, dass die Ausmaße des Rads uns Probleme machen.“ Schließlich ist das Gefährt rund 1,10 Meter breit.

Tatsächlich ist das Ehepaar bis auf ganz wenige Ausnahmen aber überall durchgekommen – wenn auch manchmal sehr knapp. Was eher Schwierigkeiten macht, ist der Zustand vieler Radwege. „An der Alexanderstraße fahren wir schon gar nicht mehr entlang“, sagt Monika Seweron. Und negativ aufgefallen ist den Oldenburgerin zudem die seitliche Neigung vieler Routen. Auf drei Rädern lässt sich das nicht ausgleichen. Dasselbe Problem haben Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Rollator.

Daumen hoch

Daher weicht das Ehepaar häufig auf die Straße aus – und ist angenehm überrascht von den positiven Reaktionen der anderen Verkehrsteilnehmer. Kein Hupen. Kein Schimpfen. Stattdessen beweisen Auto-, Bus- und Lkw-Fahrer Geduld, reagieren gar mit einem Winken oder dem Daumen nach oben, loben sie. Bei rund 2500 Kilometern, die sie seit Mai in Oldenburg, dem Ammerland und der Wesermarsch gefahren sind, sind das schon sehr eindrucksvolle Erfahrungswerte.

Es sind diese Erlebnisse und die daraus folgenden Begegnungen, die für das Ehepaar das Zeichen dafür sind, richtig gehandelt zu haben: nicht zu hadern mit dem Schicksal, sondern wieder aufs Rad zu steigen. „Das“, sagt Hans-Joachim Seweron, „bringt so viel Lebensqualität“.


 

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