Auch ohne bunte Farben gibt es noch keine Schwarzmalerei

Artikel vom 09.01.2022

Lisa Kim Hentschel

Die Arbeit muss weitergehen: Mohamad Nasser von „New Pain“ (rechts) tätowiert Kundin Nicki nun erstmal nur noch mit Schwarz und Weiß. Bild: Lisa Kim Hentschel

Obwohl das neue Jahr für Tattoo-Studios ganz anders als sonst startete, bleiben Tätowierer in Oldenburg optimistisch. Die Branche will weitermachen, wenn auch erst einmal ohne bunte Farben.

Nun ist es da: das europaweite Verbot von Tätowierfarben. Vor einer Woche trat die neue Verordnung der Europäischen Union (Reach-Verordnung) in Kraft. Somit öffneten am 4. Januar sämtliche Tattoo-Studios nur noch mit den Farben Schwarz und Weiß im Angebot. Im Studio „New Pain“ an der Donnerschweer Straße beispielsweise stehen zwar noch Farbflaschen im Regal, tätowiert wird damit jedoch nicht mehr. Ein zunächst derber Schlag für die Künstlerbranche, doch die Oldenburger Tätowiererinnen und Tätowierer lassen sich nicht unterkriegen und schauen nach vorne.

Laut einer Statistik aus dem Jahr 2021 sind etwa 14 Prozent der Deutschen tätowiert, jeder Zehnte schmückt seinen Körper mit mehreren Motiven. Bisher beliebig groß, klein oder fein, rabenschwarz oder tuschkastenbunt.

Einmal Glück

Wie farbenfroh es in Zukunft wird, ist ungewiss, aktuell sind bunte Tattoo-Farben kaum verfügbar. Lediglich Schwarz und Weiß konnten rechtzeitig an die Tattoo-Studios in Oldenburg geliefert werden. Unter den befragten Studios hatte lediglich das „Farbrausch“ Glück mit einer Bestellung einer kleinen Auswahl an EU-konformen bunten Farben. Wann sie allerdings nachbestellen können, sei ungewiss, sagt Inhaberin Marina Scholl. Zudem waren die Farben „fast doppelt so teuer“ wie das vorherige Material.

Dies bestätigen auch weitere Studios, wie „Hardline Tattoo“, „OL-Ink“ und „Ewig Dein“. Der Preisunterschied gilt dabei nicht nur für bunte Farben. Auch Schwarz und Weiß kosten nun mehr. Überdies müssen die alten Farben entsorgt werden, womit große Summen im Müll landen. „Ich habe Farben im Wert von rund 3000 Euro wegwerfen müssen“, sagt Manuel „Manü“ Schuhmacher von „Hardline“.

Anschaffungskosten neuer Farbe und der vorläufige Verzicht auf Bunt ist nur das eine Problem. Aktuell gebe es nur einen Hersteller, der Reach-konforme Farben herstellt. Das bedeutet für die Tätowierer etwaige Umstellungen betreffend der Konsistenz und der Arbeit damit. Bislang hatte jeder Tätowierer seine Lieblingsmarke. Damian Hardys von „OL-Ink“ erzählt: „Die neuen Farben sind sehr flüssig, ich kann damit gut arbeiten. Jetzt ist abzuwarten, wie die Tattoos abheilen.“ Er habe sich selbst vor ein paar Tagen mit Schwarz tätowiert und sei nun auf das Ergebnis gespannt.

Zu schwammig

Gegen sichere, unschädliche Farben haben die Tätowierer in Oldenburg nichts, das Gegenteil sei der Fall. Jedoch sei ihnen die Beweislage über eventuelle Gesundheitsschädigungen zu schwammig. Es gebe kaum eindeutige wissenschaftliche Nachweise. „Ich tätowiere seit zwölf Jahren und keiner meiner Kunden hatte jemals Probleme mit Hautreizungen oder anderen Reaktionen der Haut“, sagt Hardys. Insgesamt hätten sich die Studios mehr Zeit gewünscht für die Entwicklung von alternativen Farben.

Die Zukunft für die Tattoo-Studios wird anders. In Gefahr ist sie aber offenbar nicht. „Ich habe bisher überwiegend mit Farbe gearbeitet, aber auch schon immer mit Schwarz, Weiß und Grau. Das ist genauso gefragt“, sagt Sarah Coopers vom Studio „Ewig Dein“. Existenzängste habe in Oldenburg aus ihrer Sicht niemand, dafür sei die Nachfrage nach Tattoos einfach zu groß.

PLÖTZLICH KEINE FARBEN MEHR

Die REACH-Verordnung ist eine EU-Chemikalienverordnung, die am 1. Juni 2007 in Kraft getreten ist. REACH steht für Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals, was etwa bedeutet „Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien“. Als EU-Verordnung besitzt REACH gleichermaßen und unmittelbar in allen Mitgliedstaaten Gültigkeit.

In der Tattoo-Branche hat die REACH-Verordnung am 4. Januar dazu geführt, dass unzählige der zuvor zugelassenen Farben nicht mehr benutzt werden dürfen, da einige Konservierungsstoffe auf der „verbotenen Liste“ stehen. Auf dem deutschen Markt verfügbare Farben entsprechend der EU-Verordnung sind Schwarz, Grau und bestimmte Weißtöne.

Tätowierer, die trotzdem Farben nutzen, die nicht den REACH-Regeln entsprechen, riskieren strafrechtliche oder ordnungswidrigkeitsrechtliche Konsequenzen. Mehr Informationen gibt es auch online unter www.bundesverband-tattoo.de.


 

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