Damit Frauen nach Gewalterfahrungen besser Hilfe finden

Artikel vom 05.01.2022

Anke Brockmeyer

Hilfsmaßnahmen gegen häusliche und geschlechtsspezifische Gewalt sollen in Oldenburg noch stärker vernetzt und ausgebaut werden. Symbolbild: Pixabay

Wenn Frauen Gewalt erlebt haben, können sie sich an verschiedene Stellen wenden. Mit einer neuen Koordinierungsstelle will Oldenburg Hilfsangebote nun besser vernetzen – und konkrete Wege aufzeigen.

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter: Nicht nur häusliche Übergriffe sind ein großes gesellschaftliches Problem, geschlechtsspezifische Gewalt macht sich in zahlreichen Lebensbereichen bemerkbar – am Arbeitsplatz, im digitalen Raum, in Sportvereinen. Laut Studien erlebt jede dritte bis vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexualisierte Gewalt. Damit sich jene Hilfsorganisationen, die Frauen einen Ausweg aus der Bedrohung bieten, noch besser vernetzen können und in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, hat die Stadt Oldenburg jetzt eine Koordinierungsstelle „Geschlechtsspezifische Gewalt“ eingerichtet. „Oldenburg steht im Vergleich mit anderen Kommunen schon sehr gut da“, betont deren Leiterin Johanna Reimann. „Aber wir möchten das Zusammenspiel noch optimieren.“

Aktionsplan

Mit der neuen Koordinierungsstelle nimmt Oldenburg deutschlandweit eine Vorreiterrolle unter den Kommunen ein. Ihre vorrangige Aufgabe ist es, den „Kommunalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen und Häusliche Gewalt“, der 2020 vom Rat verabschiedet wurde, umzusetzen. Er beinhaltet rund 90 konkrete Maßnahmen, darunter die Einrichtung von Übergangswohnungen mit ambulanter Unterstützung oder die Schaffung einer Beratungsstelle für Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Immer im Fokus: den Betroffenen Hilfen in einer scheinbar ausweglosen Situation aufzuzeigen.

Präventionsarbeit

Zudem nimmt die Präventionsarbeit in Form von Sensibilisierung und Aufklärung einen großen Teil ein. „Der Aktionsplan macht meine Aufgabe sehr greifbar und zeigt, welche Potenziale es in Oldenburg noch gibt“, so Johanna Reimann. Doch wie so oft in der sozialen Arbeit mangelt es auch hier am Geld. „Es ist immer ein Kampf um die Mittel. Wir würden uns eine auskömmliche Finanzierung wünschen.“ Denn: Eine zeitnahe Beratung und Betreuung ist Dreh- und Angelpunkt für ein Gelingen des Hilfsangebotes. Dafür aber müssen die Beratungsstellen über genügend Personal verfügen.

Unterstützung holen

Auch wenn von „geschlechtsspezifischer Gewalt“ gesprochen wird, sind es ganz überwiegend Frauen, die darunter leiden. Der Begriff der sexualisierten Gewalt wird weit gefasst: Sie beginnt dort, wo Grenzen überschritten werden, wo Frauen nicht wagen, sich zu widersetzen, oder ein Nein nicht akzeptiert wird. Und auch die häusliche Gewalt fängt schon weit vor der körperlichen Misshandlung an – oft mit finanzieller Abhängigkeit. Männer, die das Handy der Partnerin kontrollieren, ihr den Hausschlüssel abnehmen – all dies seien Fälle, in denen sich die Frauen Unterstützung holen sollten, empfiehlt Johanna Reimann. Und zwar wenn möglich nicht kopflos, sondern geplant. „Wer die Trennung vom gewalttätigen Partner langfristig vorbereitet, hat viel bessere Chancen“, betont die 30-Jährige. Verletzungen gerichtsfest dokumentieren, den Ausweis griffbereit haben, im besten Fall etwas Geld beiseitelegen – all das erleichtert den Start in ein neues gewaltfreies Leben. „Und es gibt eine Menge Anlaufstellen, die genau dabei helfen“, betont sie. Ihr Wunsch: „Auch Männer sollten sich mit diesen Frauen solidarisieren, sie unterstützen und ihren Geschlechtsgenossen signalisieren, dass ihr Verhalten inakzeptabel ist“, sagt die Diplom-Verwaltungswirtin und Pädagogin.


 

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