Ein Termin beim Frauenarzt? So schnell nicht

Artikel vom 17.06.2022

Anja Biewald

Sie alle beraten Frauen und machen die gleiche Erfahrung, dass ein zeitnaher Termin bei einem Gynäkologen in Oldenburg nicht zu bekommen ist: (v.l.) Ulrike Kleen (Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberaterin der AWO), Katrin Boltes (Leiterin der Pro Familia Beratungsstelle Oldenburg), Christina Henkel (Schwangerschaftsberatung des SkF), Eva Langen (Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberaterin beim DRK) sowie Marina Tihen (Schwangerschaftsberaterin beim SkF). Bild: Anja Biewald

Sie telefonieren Praxis für Praxis ab. Und holen sich eine Absage nach der anderen: Die Frauenberaterinnen sind überzeugt, dass es in Oldenburg einen ausgeprägten Mangel an Gynäkologen gibt.

Sie alle beraten Frauen in allen Lebenslagen, sie alle sagen übereinstimmend das Gleiche: Einen kurzfristigen Termin bei einem Gynäkologen in Oldenburg zu bekommen oder als Patientin in einer Praxis neu aufgenommen zu werden, wird immer schwieriger und ist derzeit fast schon unmöglich.

Die Profis

„Wir stellen durch die Bank weg eine sehr schwierige Versorgungslage fest“, sagt Katrin Boltes, die die Pro Familia-Beratungsstelle in Oldenburg leitet. Ebenso wie ihre Kolleginnen aus verschiedenen weiteren Beratungsstellen hängt sie regelmäßig am Telefon und telefoniert Praxis um Praxis um Praxis ab, um für eine Klientin einen Termin zu ergattern – und holt sich dabei eine Absage nach der anderen.

„Wir telefonieren hinter den Praxen her und bekommen einfach keinen Termin, weil es keine Termine gibt“, sagt Boltes. Das gelte auch für dringliche Fälle und in Notsituationen, ergänzt Christina Henkel, die die Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) durchführt. „Uns macht diese Entwicklung Angst, Sorge und hilflos“, sagt Ulrike Kleen von der Schwangerschafts- und Schwangerschaftskonfliktberatung der AWO.

Betroffene Frauen

Die Anliegen der Frauen, die einen Arzt suchen und brauchen, sind dabei vielfältig: Bei einigen geht es um die gynäkologische Grundversorgung, Krebsvorsorge und Fragen der Verhütung. Andere Frauen sind schwanger und die Schwangerschaft muss ärztlich festgestellt werden, damit ein Mutterpass ausgestellt werden kann. Wieder andere Betroffene sind schwanger und ziehen einen Abbruch in Betracht und brauchen deshalb zeitnah einen Termin. „Auch wenn es selten ist, aber es gibt Frauen, die in der Schwangerschaft schon weit fortgeschritten sind und diese erst kurz vor der Geburt bemerken“, so Christina Henkel. So oder so: „Die Frauen können nicht wochenlang warten“, sagt Ulrike Kleen: „Die Praxen sind einfach voll, die kriegen keine Termine mehr rein, es ist den Arzthelferinnen oft unangenehm, aber die können teils ihre Regelpatienten kaum versorgen.“ Zwar gebe es die Möglichkeit, über die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN), telefonisch erreichbar unter der Hotline 116117, einen Facharzttermin vermitteln zu lassen, aber befriedigend sei das nicht, findet Marina Tihen, ebenfalls Beraterin beim SkF: „Ein einmaliger Termin in drei Wochen bei einem Frauenarzt in Garrel hilft einer Schwangeren in Oldenburg nicht, die einen Arzt für die gesamte Schwangerschaft braucht und nicht mobil ist.“

Dass die Frauen, die die Beratungsstellen aufsuchen, noch keinen angestammten Gynäkologen haben, hat vielfältige Gründe: Manche haben einfach keine Vorsorgeuntersuchungen beim Facharzt vornehmen lassen oder sind noch jung, andere – beispielsweise Studentinnen – leben noch nicht lange in Oldenburg und sind deshalb noch ohne ärztliche Anbindung.

Die Arzt-Quoten

Die Versorgungslage in Oldenburg scheint so schlecht zu sein, dass sich schon Frauen an die Beratungsstellen wenden, die ansonsten gar keinen Beratungsbedarf haben, so Boltes: „Die sind nur verzweifelt auf der Suche nach einem Frauenarzt und hoffen, dass wir ihnen helfen können.“

Die Erfahrungen der Beraterinnen stehen dabei im Widerspruch zu den Kennzahlen, die die Kassenärztliche Vereinigung zur frauenärztlichen Versorgung nennt: Demnach ist die Stadt Oldenburg sogar zu gut aufgestellt, der Versorgungsgrad liegt bei 125 Prozent. Auf 4991 Behandlungsfälle ist in Oldenburg jeder Frauenarzt im vergangenen Jahr gekommen – eine Zahl, die im niedersachsenweiten Vergleich im Mittelfeld angesiedelt ist, aber insgesamt regional starken Schwankungen unterliegt. So kommt in Cloppenburg ein Frauenarzt im Schnitt auf 2837 Behandlungsfälle und der im Landkreis Oldenburg auf 3535, während für einen Arzt im Ammerland 5843, 6917 im Heidekreis, 8996 in der Region Hannover und 12.536 in Salzgitter verzeichnet worden sind.


 

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