„Ich hätte die Impfung gebrauchen können“

von Chelsy Haß

FÜR SCHWANGERE KANN EINE INFEKTION MIT DEM CORONAVIRUS BESONDERS GEFÄHRLICH SEIN. DESHALB WOLLEN SICH VIELE IMPFEN LASSEN. BIld: MART PRODUCTION VON PEXELS (Symbolbild)

In ihrer Schwangerschaft habe Oldenburgerin vergeblich versucht, sich impfen zu lassen

Als dürfe sie nicht mehr über ihren eigenen Körper entscheiden, so fühle sich die aktuelle Situation an. Als eine junge Oldenburgerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, sich in ihrer Schwangerschaft gegen Covid-19 impfen lassen wollte, stieß sie auf eine Absage nach der anderen. „Scheinbar sind nur eine geringe Anzahl an Ärzten bereit, die Impfung vorzunehmen“, sagt die 30-Jährige. Denn auf der Suche nach einem Arzt, der sie impfen würde, wurde sie nicht nur von ihrem Hausarzt, sondern auch vom Frauenarzt und vom Impfzentrum abgewiesen. Der Grund dafür ist unter anderem, dass die Ständige Impfkommission (Stiko) bisher noch keine generelle Impfempfehlung für Schwangere gegeben hat.

Schwangere schützen

Mittlerweile hat sie ein gesundes Baby zur Welt gebracht. Doch auch in der Stillzeit habe die Oldenburgerin keinen Arzt gefunden, der sie impft. „Die Stillzeit dauert bei vielen Frauen mindestens sechs Monate. Dabei hätte ich die Impfung schon in der Schwangerschaft gut gebrauchen können“, sagt die Oldenburgerin und meint damit, dass Schwangere ein besonders hohes Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs mit Covid-19 haben. „Ich finde das so unfair. Mit Sicherheit sind auch in Oldenburg viele werdende Mütter davon betroffen“, meint sie. Sie kenne zudem andere Frauen, die beispielsweise verschweigen, dass sie stillen, um eine Impfung zu erhalten.

Ärzte impfen bereits

Dr. Peter Cornelius arbeitet in Oldenburg als Arzt für Frauenheilkunde mit dem Schwerpunkt der Pränatalmedizin. Den Frust der jungen Oldenburgerin könne er durchaus nachvollziehen. Er ist jedoch der Meinung, dass es mittlerweile viele Ärzte gebe, die auch Schwangere impfen. „Mittlerweile sind auch viele Allgemeinmediziner gut informiert“, sagt Cornelius. Auch er habe bereits Impfungen vorgenommen. Momentan impfe er in seiner Praxis aufgrund der geringen Nachfrage jedoch nicht mehr gegen Covid-19.

Sein Standpunkt ist jedoch eindeutig: „Ich empfehle die Impfung für Schwangere und richte mich damit nach dem Positionspapier, das die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, gemeinsam mit vielen anderen Gesellschaften herausgegeben hat“, sagt Cornelius. Seine Patientinnen weise er auf dieses Positionspapier hin. „Einige entscheiden sich dann für und andere gegen eine Impfung“, so der Arzt.

Ganz ähnlich handhabt es Dr. Heike Wedeking-Schöhl in ihrer Praxis. Gemäß der Empfehlung der Fachgesellschaften impfe die Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe bereits seit Monaten.

Empfehlung überfällig

„Die Empfehlung der Stiko ist aus meiner Sicht längst überfällig“, meint Wedeking-Schöhl. Nach langen Bemühungen hat nun auch die 30-jährige Oldenburgerin ein Impfangebot bekommen. „Ende des Monats werde ich bei unserem Betriebsarzt geimpft“, erklärt sie erleichtert. So könne sie auch in der Stillzeit noch Antikörper an ihr Kind weitergeben.

„Ich würde mir wirklich wünschen, dass es bald eine generelle Empfehlung geben wird, so wie es nun auch bei den 12- bis 17-Jährigen der Fall ist“, sagt sie.

Die Vorteile überwiegen, meint Dr. Hamprecht

Für Schwangere und Frauen, die Stillen, gibt es von der Ständigen Impfkommission (Stiko) noch keine generelle Impfempfehlung. Dass sich das bald ändert, hofft der Oldenburger Virologe Prof. med. Dr. Axel Hamprecht. Er sagt, die Vorteile einer Impfung überwiegen ganz eindeutig.

Frage: Wie bewerten Sie es, dass die Stiko keine generelle Impfempfehlung für Schwangere ausspricht?

Dr. Axel Hamprecht: Hier muss man erstmal feststellen, dass die Stiko nicht prinzipiell von der Impfung in der Schwangerschaft abrät. Es gibt lediglich keine generelle Empfehlung dafür. Das kommt daher, dass Schwangere von der Teilnahme in den meisten klinischen Studien ausgeschlossen sind.

Bei bestimmten Risikogruppen und nach ausführlicher Aufklärung können aber schon jetzt nach Stiko Schwangere geimpft werden. Zudem gibt es viele Länder, die eine Impfung in der Schwangerschaft aus guten Gründen bereits seit einigen Monaten empfehlen. Das wären zum Beispiel die USA, Israel, Belgien oder Großbritannien. Inzwischen liegen immer mehr Studiendaten zur Impfung in der Schwangerschaft vor. Daher empfehlen neben den amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) auch viele Fachgesellschaften die Impfung – darunter auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Frage: Überwiegen die Vorteile einer Impfung?

Dr. Axel Hamprecht: Ja, nach unserem derzeitigen Wissensstand überwiegen die Vorteile klar! Denn was wir wissen ist, dass Schwangere ein sehr viel höheres Risiko haben, schwer an Corona zu erkranken als nicht Schwangere. Sie haben ein etwa sechsfach höheres Risiko, auf der Intensivstation zu landen und ein etwa 23-fach erhöhtes Risiko, eine Beatmung zu benötigen. Im Gegensatz dazu haben wir bisher keine Anhaltspunkte, dass die Impfung in der Schwangerschaft eine Gefahr darstellt – im Gegenteil. Sie ist zum einen ein Schutz der Schwangeren, die dadurch ein weniger hohes Risiko hat, schwer zu erkranken und ein Schutz des Kindes, weil es ein geringeres Risiko von Komplikationen und Frühgeburten gibt. Aber auch nach der Schwangerschaft schützt die Impfung. Denn durch die Muttermilch erhalten die Kinder Antikörper. Es gibt derzeit übrigens keinen Hinweis darauf, dass mRNA über die Muttermilch übertragen wird – eine Impfung ist also auch in der Stillzeit möglich.

Frage: Könnten Sie sich vorstellen, dass sich die Empfehlung noch ändert?

Dr. Axel Hamprecht: Ich hoffe, dass sich die generelle Empfehlung der Stiko ändert. Tatsächlich wird sie derzeit überarbeitet. Die neue Empfehlung der Stiko ist für Ende August angekündigt.


 

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