Über ein Leben als „Multi-Aktivistin“

Artikel vom 10.09.2021

Bei der Präsentation des Buches: Verleger Florian Isensee (von links), Hanno Klier, ehemaliger Mitstreiter von Nebel, Käthe Nebel, Autor Dirk Faß und Ernst Georg Lühring, ebenfalls ehemaliger Mitstreiter von Nebel.BILD: HEYKES

HUNTLOSEN/OLDENBURG – „Ich wusste was ich will, für was ich einstehe und das wollte ich tun“. So fasst die 90-jährige Käthe Nebel ihr bisheriges Leben zusammen, das jetzt in Form eines 143-seitigen Buches vom Autor Dirk Faß verfasst wurde. Der Titel: „Käthe Nebel – eine der mutigsten Aktivistinnen aus dem Oldenburger Land“.
Vor knapp einem Jahr begann das Projekt mehr zufällig. „Kurz vor dem 90. Geburtstag von Käthe habe ich sie in ihrer Wohnung in Oldenburg besucht und da fing sie an zu erzählen“, erinnert sich Faß und dachte sich, das ist Material für ein Buch. Bei einem zweiten Besuch hatte der Autor aus Sage bereits die ersten Zeilen verfasst, was eigentlich gar nicht nötig war. Denn die ehemalige Lehrerin hat in der Vergangenheit mehrere Briefe für ihre Verwandtschaft geschrieben. „Das war eine absolute Fundgrube“ sagt Faß.

1972 „aufgewacht“

Dabei fängt das Buch um die Zeit der Machtergreifung der Nazis sowie des Zweiten Weltkriegs an und erzählt über Nebels Vertreibung durch die Rote Armee. Sie landete in Oldenburg, wo sie für einige Jahre lebte. Im Anschluss ging es in den 60ern, nach dem bestandenen Staatsexamen 1964, nach Ahlhorn, wo sie bis zu ihrem 60. Lebensjahr unterrichtete.
In dieser Zeit fing Käthe Nebel an, sich für die Umwelt einzusetzen. „Völlig aufgewacht“ sei sie, nachdem sie „Die Grenzen des Wachstums“ gelesen hat. Der Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit ist eine 1972 veröffentlichte Studie zur Zukunft der Weltwirtschaft. „Sie entwickelte sich zu einer der ersten, Multi-Aktivistinnen’“, heißt es auf dem Buchrücken. In dieser Zeit gründete sie mit Mitstreitern auch die Gruppe Umweltschutz Wildeshauser Geest.

Die „Multi-Aktivistin“

Was „Multi-Aktivistin“ bedeutet, da wusste die heute 90-Jährige viele Beispiele, die sie mit Leidenschaft während der Buchvorstellung erzählte. So stand sie 1997 vor dem Amtsgericht Dannenberg, weil sie versucht hatte, mit einer Eisensäge eine Bahnschiene zu zersägen, um einen Castor-Transport zu verhindern. Dabei wollte sie die geforderte Geldstrafe nicht zahlen. „Ich wollte ins Gefängnis gehen“, sagt Nebel, weil sie wissen wollte, wie es ist, im Gefängnis eingesperrt zu sein. Am Ende wurde stattdessen ein Gerichtsvollzieher geschickt.
So ernst die Themen in dem Buch auch sind – darunter auch das Thema Sterbehilfe –, es gibt immer wieder witzige Stellen. Zum Beispiel, als Nebel vor Gericht stand: „Ich bitte auch dringlich um freundliche Rückgabe meiner beschlagnahmten Eisensäge. Ich brauche sie noch“, sagte sie dem Richter.
Auch in Oldenburg, in die sie als Rentnerin zog, ist sie keine Unbekannte. Unter anderem hat sie aus ihrem Keller heraus den Verschenkemarkt ins Leben gerufen.
Eine besondere Ehrung für ihr jahrelanges Engagement erhielt Nebel übrigens 2008, als ihr das Bundesverdienstkreuz verleihen wurde.


 

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