Kühner Wurf nach über 250 Jahren

Artikel vom 06.10.2021

von Horst Hollmann

MENSCHEN IN AUFRUHR, REVOLUTION DEUTET SICH AN: DAS ENSEMBLE VON „LES BORÉADES“ AUF DER BÜHNE BILD: STEPHAN WALZL

Staatstheater bewältigt mit Rameau-Oper „Les Boréades“ ein Riesen-Unterfangen mit Bravour

Mit Boreas, dem Gott der Nordwinde, ist nicht gut Kirschen essen. Königin Alphise von Baktrien hat es mit ihm verdorben. Folglich lässt er fast eine Viertelstunde lang ein Unwetter mit Hagel, Starkregen, Sturm, Blitz und Donner durchs Staatstheater toben. Hat das Große Haus das in solch zerstörerischer Wucht schon einmal erlebt? Das ­Wetterchaos bildet einen der Höhepunkte in der gran­diosen Neuinszenierung der Oper „Les Boréades“ von ­Jean-Philippe Rameau in ­Oldenburg.
Das Werk

Rameau (1683-1764) hat seine letzte Oper um 1760 kurz vor seinem Tod komponiert. Die Proben wurden früh abgebrochen, möglicherweise auch wegen des als aufrührerisch zu deutenden Librettos. Erst 1975 gab es die erste konzertante Aufführung in London, 1982 die komplette szenische Uraufführung in Aix-en-Provence. Oldenburg stellt drei Stunden lang die deutsche Erstinszenierung auf die Bühne. Es ist ein Riesen-Unterfangen.

Die Musik

In dieser Tragédie lyrique führt Rameau viele seiner bis in die Moderne reichenden Entwicklungen zusammen. Nie war er in seiner Charakterisierung der Figuren, der oft aufeinanderprallenden Harmonien und der Zuspitzung von Gefühlen kühner. Trauer und Glück stoßen direkt aneinander.

Die Handlung

Königin Alphise (Elena Harsányi) weigert sich, der Konvention entsprechend einen der beiden Söhne von Boreas/ Borée (Joao Fernades) zu heiraten. Sie zieht den nicht standesgemäßen Abaris (Mathias Vidal) dem dumm-brutalen Borilée (Kihun Yoon) und dem schöngeistig abgedrehten Calisis (Sébastian Monti) vor. L’Amour (Bogna Bernagiewicz) gibt den Liebenden ein ewiges Licht mit auf den Weg. Der führt über brachiale Widerstände zum Happy End. Dass Apollon (Leonardo Lee) Abaris dann als seinen Sohn enttarnt, erleichtert die Sache.

Inszenierung/Bühne

Regisseur Christoph von Bernuth rückt umstürzlerische Tendenzen nach vorn. Dass sich das Volk gegen Feudalismus auflehnt, dass sich eine Revolution andeutet, lässt er spüren. Wenn himmlisches Licht hereinbricht, die Menschen aber nur Schattenrisse bilden, zeichnet das ein starkes Bild. Überaus gelungen wirkt die Verknüpfung der ­gesellschaftlichen Tendenzen mit der reinen Liebesgeschichte. Auf der Bühnenebene (Oliver Helf) bilden nur Stühle die Kulissen, für die Balletteinlagen bleibt somit Platz. Im Hintergrund verbreiten sich von einer Projektionswand wirr Parolen von „Freiheit“ bis zu „Wissen ist Macht.“ Von oben nähert und entfernt sich ein mit Kratern übersäter Planet.

Sängerinnen/Sänger

Elena Harsány, sehr seelenvoll, Mathias Vidal, sicher mit seinem hoch gelegten Tenor, erfüllen die horrenden Anforderungen ihrer Rollen perfekt. Um Hoffnung, Trauer, Hochgefühl und Verzweiflung winden sie Girlanden. Alle anderen Stimmen zeichnen die Charaktere ihrer Rollen sehr persönlich. Und der Chor (Einstudierung Thomas Bönisch) besticht nicht nur, wenn er im Unwetter geduckt seine Angst in Töne fasst.

Das Orchester

Das in historischer Spielpraxis versierte Staatsorchester lässt sich von der Barock-Größe Alexis Kossenko (Zweitdirigat Felix Pätzold) anstacheln und spielt fantastisch. Mit Hörnern, Holzbläsern, Streichern und speziellem Schlagwerk (Michael Metzler) taucht es ­hinunter bis in die spezielle Psychologie dieser tiefsinnig üppigen Musik.

Die Aufnahme

Im voll besetzten Haus steigert sich der Beifall zum Sturm. Es ist der zweitstärkste des Abends. Der Orkan aus dem dritten Akt ist nicht zu übertreffen. Les Boréades Tragédie von Jean-Philippe Rameau (in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln). Weitere Aufführungen im Oktober am 6., 8., 9., 12., 28., 29. und 31.

Mehr Informationen unter: www.staatstheater.de


 

Liveticker

Blaulicht-Ticker

Weitere interessante Artikel

Geburt mit einer „Dienerin der Frau“

Eine Doula begleitet eine Mutter vor, während und nach der Geburt. Auch in Oldenburg gibt es das Angebot. Eine Konkurrenz zu Hebammen soll es nicht sein. Doulas haben einen anderen ...

Seniorenakademie startet erstmals

Wie hieß gleich nochmal der Schauspieler aus dem Film letzten Samstag? Was wollte ich noch einkaufen? Wohin wollten die Nachbarn nochmal in den Urlaub fahren? Warum höre ich immer ...

Wo Gräber auf ewig angelegt sind

Eine halbhohe Backsteinmauer umfriedet den jüdischen Friedhof im ­Oldenburger Stadtteil Osternburg. Viele Jahre fuhr Martin Schmid an dem Friedhof in der ...

Fünf Kindertageseinrichtungen gehören ab Januar zu Ekito

Bei fünf Kindertagesstätten in Oldenburg gibt es einen neuen Träger. Für die Mitarbeiter der Einrichtungen werde sich dadurch nichts ändern, heißt es Mit einem ...

Viel mehr als kalter Kaffee

2010 hatte Achim Barghorn zum ersten Mal eine Kaffeepflanze in der Hand: Der Beginn einer Leidenschaft, die in zwei Cafés und einer eigenen Rösterei mündete Der Mittagsschnack vom ...

Rumänienhilfe bittet um Unterstützung

Die Situation in Rumänien ist durch die Pandemie noch angespannter geworden. Die Rumänienhilfe Oldenburg-Rastede hofft, dass sich viele Menschen an der Nikolaus-Aktion beteiligen Der ...

Was Oldenburgensien mit Grünkohl gemein haben

Schriftsteller Klaus Modick ist ein großartiger Erzähler. Das beweist der 70-Jährige in seinem neuen Sammelband über die Kindheit und das Schülerleben in Oldenburg – ...

Auch ohne Augenlicht genießt Hans-Joachim Seweron das Radfahren

Nach einer OP war Hans-Joachim Seweron plötzlich blind. Nun fährt er wieder Fahrrad – auf einem Parallel-Tandem. Die Reaktionen der Autofahrer auf seine breites Gefährt haben ihn ...

„Frau Gunstmann“ zieht in den „Pott“

Ein junges Kneipen-Projekt hat am vergangenen Freitag im ehemaligen „Magee’s“, in dem davor lange der „Pott“ war eröffnet. Das relativ neue Döner-Lokal ...

Jungunternehmer erobern mit „Neotaste“ die Gastro-Szene

Sie wollen mit ihrer App die Oldenburger Gastronomen- und Gästewelt erobern: die Neotaste-Gründer Tobias Düser und Hendrik Sander. Angst vorm Scheitern haben die beiden ...

Oldenburger ist der jüngste Waisenhausgründer der Welt

Im Jahr 2014 flog der Student Paruar Bako in den Nordirak, um gegen den IS zu kämpfen. Dann fand der Oldenburger eine andere Bestimmung. Mit 21 Jahren gründete er ein Waisenhaus in der ...

Von 2 G über 007 bis zum Wüstenplanet

Der „Casablanca“-Geschäftsführer Tobias Roßmann spricht über die Anwendung der neuen 2G-Regel und wie sie bisher von den Gästen des Oldenburger Kinos ...