Oldenburg erinnert auf Augenhöhe an jüdische Opfer

Artikel vom 21.11.2021

Markus Minten

Michael Goldsmith trug sich im Alten Ratssaal in das Gästebuch der Stadt ein. Im Vordergrund die vier Erinnerungszeichen seiner ermordeten Familienmitglieder. Bild: Sascha Stüber

Erinnerungszeichen sollen an die jüdischen Opfer des Nazi-Terrors in Oldenburg erinnern. Die erste Stele wurde nun im Beisein eines ganz besonderen Gastes installiert

Erste Erinnerungszeichen auf Augenhöhe sind am Montag in Oldenburg der Öffentlichkeit übergeben worden. Mit ihnen soll fortan im Stadtbild sichtbar der von den Nationalsozialisten ermordeten Oldenburger Jüdinnen und Juden gedacht werden – initiiert und finanziert aus der Mitte der Stadtgesellschaft, umgesetzt durch die Bürgerstiftung Oldenburg.

„So können wir den Menschen zumindest symbolisch einen Platz in ihrer einstigen Heimatstadt zurückgeben, die sie nie wieder betreten sollten“, sagte Thomas Lechner bei einem Festakt im Ratssaal. Der Münchner Stadtrat war angereist, da die Ursprünge der Erinnerungszeichen in der bayrischen Landeshauptstadt liegen. Oldenburg ist die erste Stadt, die die Aktion übernimmt.

Hier wie da hatten sich die jüdischen Gemeinden gegen sogenannte Stolpersteine zur Erinnerung ausgesprochen, da diese mit Füßen getreten werden und schnell verdrecken. Als Nachgeborene hätten wir die Verpflichtung, für eine offene Gesellschaft zu kämpfen, so Lechner.

Gast aus den USA

Ehrengast der Veranstaltung war Martin Goldsmith, in den USA lebender Enkel des von Nationalsozialisten ermordeten Alex Goldschmidt. Für ihn sei es eine große Ehre, seine Familie in Oldenburg zu repräsentieren, eine Stadt, die sein Vater Günther geliebt habe. Am Mittwoch wird als weiteres Zeichen der Erinnerung im Staatstheater ein Pausen-Foyer im Großen Haus in Günther-Goldschmidt-Foyer umbenannt.

In dem Film „Winterreise“ mit Bruno Ganz, der derzeit erneut im Staatstheater zu sehen ist, hat Martin Goldsmith die Geschichte seines Vaters rekonstruiert. Der Flötist Günther Goldschmidt wuchs in Oldenburg auf, musste 1941 aber mit seiner Frau vor den Nationalsozialisten nach Amerika fliehen.

„Stadt der Täter“

Dietmar Schütz, als Vorsitzender der Bürgerstiftung Oldenburg, betonte die besondere Verantwortung einer „Stadt der Täter“.

Vielleicht etwas spät sei die Erinnerungskultur in Oldenburg erwacht, dafür sei sie besonders vielfältig. „Stadt und Zivilgesellschaft haben viele Impulse gesetzt.“ Er hob die besondere Teilhabe der Bürger hervor, die sich über die Stiftung an der Finanzierung beteiligen können, dieser aber auch Vorschläge für weitere Erinnerungszeichen machen können. Nur mit der Verantwortung und dem Engagement der Zivilgesellschaft könne das Fundament für eine hassfreie Gesellschaft gelegt werden.

Für Oberbürgermeister Jürgen Krogmann sind die Erinnerungszeichen „ein wichtiges Zeichen des individuellen Gedenkens“. Und die beste Erinnerung sei eine Erinnerung auf Augenhöhe.

ERINNERUNG

Weitere Stelen und Tafeln mit Porträts und Daten jüdischer Opfer sind bereits in Vorbereitung und sollen noch in diesem Jahr installiert werden. Ein zweiter Schwung soll im Frühling folgen. Die Initiatoren haben bisher 176 Personen und 48 Orte im Blick.

Weitere Informationen zu Möglichkeiten der Unterstützung finden sich unter https://oldenburger-buergerstiftung.de/


 

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