Traumatische Erlebnisse verarbeiten

Bei der Mediation in Strafsachen gehe es um Befriedung der verletzten Gefühle, um Bedürfnisse und Interessen, um Verantwortungsübernahme für sich selbst, sagt Veronika Hillenstedt vom Verein Konfliktschlichtung. Foto: Konfliktschlichtung e.V.

Oldenburg/red – Abends, kurz nach ihrem Dienstantritt, wird die Mitarbeiterin einer Tankstelle von einem jungen maskierten Mann überfallen und mit einem Messer bedroht. Der Forderung nach der Herausgabe der Tageseinnahmen kommt die Mitarbeiterin nach, anschließend verschwindet der Täter.

Alltag in Deutschland, für das Opfer jedoch ein einschneidendes Erlebnis. Nach dem Vorfall hat sich das Leben der Tankstellen-Mitarbeiterin komplett verändert. Sie hatte nicht allein ihre gewohnte Sicherheit verloren, auch war sie nicht mehr arbeitsfähig.

Persönliche Aussprache

Dem Täter kam die Polizei auf die Spur; nach der Eröffnung des Strafverfahrens kommt es unter Beteiligung des Oldenburger Vereins „Konfliktschlichtung“ zu einem Täter-Opfer-Ausgleich. Beide Beteiligten wollten  eine persönliche Aussprache.

In dem gemeinsamen Gespräch, unterstützt durch eine Mediatorin, konfrontiert die Frau den Täter mit den Folgen der Tat und stellt ihm viele Fragen. Der Täter realisiert das Ausmaß der von ihm zugefügten Schädigungen, möchte Verantwortung dafür übernehmen und wiedergutmachen.

Er entschuldigt sich aufrichtig bei der Frau, beantwortet – so gut es ihm möglich ist – ihre Fragen und zahlt ihr ein angemessenes Schmerzensgeld.

Die Frau fühlt sich verstanden und in ihrer persönlichen Stabilität wiederhergestellt. „Ohne das gemeinsame Gespräch mit dem Täter hätte ich wahrscheinlich immer noch Angst und könnte meiner Arbeit nicht nachgehen. Das hat sich nach dem Gespräch verändert“, sagt die Frau anschließen dem Verein Konflikschlichtung. „Es war sehr schlimm für mich, in welche Situation der Täter mich gebracht hat, aber ich konnte alles loswerden an die Adresse, die es angeht. Dieses Gespräch war sehr wichtig für mich, und ich fühlte mich verstanden.“

Auch der Täter fühlt sich durch die Mediation erleichtert: „An dem Tag des Vorfalls hatte ich keinen guten Start und alles ging schief, was schiefgehen konnte. Ich brauchte dringend Geld, um Schulden zu begleichen. Jetzt im Nachhinein ist es mir äußerst peinlich, es ist mir wichtig, dass die Frau weiß, dass ich sie nicht persönlich gemeint habe und es Zufall war, dass es sie getroffen hat. Es tut mir alles sehr leid. Ich kann es nicht ungeschehen machen, aber zumindest einen Teil wiedergutmachen. Ich bin froh, dass ich den Täter-Opfer-Ausgleich gemacht habe, vorher wusste ich gar nicht, dass es so etwas gibt.“

Der Täter-Opfer-Ausgleich im Strafverfahren ist ein Schwerpunkt der Tätigkeit des Vereins, den es in Oldenburg seit 1987 gibt und der im gesamten Oldenburger Land (Landgerichtsbezirk Oldenburg) zuständig ist. Der Ausgleich ist ein Angebot an Beschuldigte und Geschädigte, die erlebte Straftat und ihre Folgen mit Hilfe eines neutralen Vermittlers oder einer neutralen Vermittlerin eigenverantwortlich zu bearbeiten.

Jede Person, die sich in einem strafrechtlichen Konflikt befindet, kann sich jederzeit an den Verein wenden. Dabei können Betroffene einer Straftat im freiwilligen Verfahren Ängste und traumatische Erlebnisse verarbeiten. „Es geht um Befriedung der verletzten Gefühle, Bedürfnisse und Interessen, Verantwortungsübernahme für sich selbst“, beschreibt Veronika Hillenstedt, Geschäftsführerin des Vereins, das zentrale Anliegen der Kon-fliktbeteiligten in der Mediation in Strafsachen.

Breites Spektrum an Fällen

Im Jahr 2019 hat der Verein mit 724 Konfliktbeteiligten im Täter-Opfer-Ausgleich gearbeitet. Davon waren 625 direkt und 99 indirekt Konfliktbeteiligte.

Von den 625 Konfliktbeteiligten waren 284 Beschuldigte und 341 Geschädigte. Die indirekten 99 Konfliktbeteiligten verteilten sich auf Familienangehörige und Personen des nahen sozialen Umfelds.

Am klassischen Täter-Opfer-Ausgleich haben 291 Beschuldigte und 314 Geschädigte teilgenommen. Das Angebot der Wiedergutmachungskonferenzen wurde von 30 Beschuldigten, 21 Geschädigten und sieben Beteiligten aus dem sozialen Umfeld wahrgenommen.

In 64 Prozent der Fälle kam es zu einer konstruktiven Begegnung zwischen den Beteiligten. In 36 Prozent wurden die Beteiligten nicht erreicht oder das Angebot von mindestens einer der beteiligten Parteien nicht angenommen.

Bearbeitet wurde ein breites Spektrum an Fällen. Körperverletzungen machen den größten Anteil der Fälle aus, gefolgt von häuslicher Gewalt, Eigentumsdelikten, Raub, Bedrohung, Beleidigung, Hausfriedensbruch und Verleumdung.

In der Bearbeitung der Fälle mit Jugendlichen bei Mobbing- und Chatkonflikten gebe es zunehmend schwierigere Fallkonstellationen, hat der Verein festgestellt. Insbesondere bei solchen Fällen, die mit einer Strafanzeige verbunden sind, zeige sich, dass die Einbindung der Eltern wichtig ist.

Mit Hilfe des Landes und der Kommunen, Spenden, Geldbußen und nicht zuletzt durch Fördermitgliedschaften besitzt der Verein eine finanzielle Basis, die noch ausbaufähig ist. Daher werden interessierte Fördermitglieder gerne aufgenommen.
Der gemeinnützige Verein Konfliktschlichtung (www.konfliktschlichtung.de) ist unter Telefon 0441/27293, und per E-Mail an info@konfliktschlichtung.de erreichbar.


 

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