„Wir sollten uns große Sorgen machen“

Artikel vom 22.11.2021

Friederike Liebscher

Birgit Voß, Leiterin des Evangelischen Zentrums für Bildung in der Pflege, in einer der aktuellen Ausbildungsklassen. Bild: Friederike Liebscher

Über Berufe in der Pflege wird in Pandemiezeiten viel gesprochen. Die Leiterin des Evangelischen Zentrums für Pflege in Oldenburg über einen Job, der immer noch viel Idealismus braucht

„Es muss erst eine Pandemie geben, damit den Leuten klar ist, wie wichtig Pflegeberufe in unserer Gesellschaft eigentlich sind. Ich finde das peinlich.“ Birgit Voß ist Leiterin des Evangelischen Zentrums für Bildung in der Pflege in Oldenburg. Sie hat einen direkten Einblick in die Entwicklungen eines Berufsstandes, über den in den vergangenen Monaten sehr viel geredet wurde. Ihre Prognose ist düster. „Auch wenn an der Struktur der Ausbildung jetzt einiges geändert wurde, sind die Arbeitsbedingungen die gleichen geblieben“, sagt sie.

Die Landesregierung in Niedersachsen hat im vergangenen Jahr beschlossen, die drei Pflegeberufe Krankenpflege, Kinderkrankenpflege und Altenpflege in einer gemeinsamen Ausbildung zusammenzufassen. Damit sollte die Attraktivität der Berufe gesteigert werden, da der Wechsel zwischen den drei Sparten erleichtert wird.

Große Personalnot

Birgit Voß hat nicht den Eindruck, dass die Bewerberzahlen durch die Reform steigen. „Die Personalnot ist in der Altenpflege am größten. Dort sind aber auch die Arbeitsbedingungen am schlechtesten. Wenn sich die Auszubildenden am Ende entscheiden können, in welchem Bereich sie arbeiten möchten, werden sie sich den attraktivsten aussuchen. Und das wird nicht die Altenpflege sein“, befürchtet die Leiterin.

Der Personalnotstand werde durch die geänderten Ausbildungsrichtlinien nicht abgewendet. „Die Pflege hat große Imageprobleme. Das wurde durch die Corona-Krise noch verschärft, der Personalmangel und die schlechte Vergütung werden in der Öffentlichkeit oft betont“, findet sie. „Da überlegen sich viele dreimal, ob sie den Beruf ergreifen möchten.“ Sie habe großen Respekt für alle, die momentan während der Pandemie unter härtesten Bedingungen in den Heimen arbeiten. „Die Mitarbeiter machen trotz der Pandemie einen qualitativ hochwertigen Job“, so Voß.

Job mit Verantwortung

Trotz des verbesserungswürdigen Images von Pflegeberufen finden sich am Evangelischen Zentrum für Bildung in der Pflege jedes Jahr viele motivierte junge Leute, die die dreijährige Ausbildung beginnen. Ihre Beweggründe sind unterschiedlich. „Oft hatten sie schon private Berührungspunkte mit dem Thema Pflege. Andere, und das beeindruckt mich sehr, sehen es einfach als ihre soziale Verantwortung an, Menschen zu pflegen. Und natürlich kann man sich eine Ausbildung in der Pflege auch aussuchen, weil es ein sehr krisensicherer Beruf ist“, berichtet Birgit Voß. „Fachkräfte werden händeringend gesucht, man kann sich seinen Job aussuchen. Es gibt auch wirklich gute Aufstiegschancen.“

60 bis 70 Schülerinnen und Schüler in drei Jahrgängen lernen jedes Jahr am Evangelischen Zentrum für Bildung in der Pflege. Die Einrichtung ist die zweitälteste in Niedersachsen und Mitglied im Diakonischen Werk. In der Ausbildung kooperiert die Schule unter anderem mit dem Klinikum. „Wir haben hier begeisterte Absolventen, die ihren Job mit Leidenschaft machen. Aber ich höre auch von Menschen, die der Pflege den Rücken kehren“, berichtet die Schulleiterin. „Das sollte Anlass zu großer Sorge geben. Aber die gesamtgesellschaftliche Relevanz von Pflegebedürftigkeit ist immer noch nicht erkannt.“


 

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