Wo Gräber auf ewig angelegt sind

Artikel vom 23.10.2021

Hans Begerow

Autor Martin Schmid vor der Trauerhalle auf dem Jüdischen Friedhof Oldenburg-Osternburg Bild: Hans Begerow 

Eine halbhohe Backsteinmauer umfriedet den jüdischen Friedhof im ­Oldenburger Stadtteil Osternburg. Viele Jahre fuhr Martin Schmid an dem Friedhof in der ­Dedestraße/Dragonerstraße täglich vorbei, bis der 54­Jährige im Jahr 2008 an einer Führung zum „Tag des offenen Denkmals“ teilnahm, um sich anzuschauen, was sich hinter der Mauer befindet.

Die mehr als 200 Jahre alte Anlage mit ihrer Trauerhalle, der einzigen auf einem jüdischen Friedhof weit und breit, beeindruckten Schmid so stark, dass er nach Literatur über den Friedhof suchte. Es gab freilich nur wenig, weshalb Schmid sich auf eine zehnjährige Recherche nach der Geschichte des jüdischen Friedhofs in Osternburg machte. Das Ergebnis kann man nun in dem Buch „Bet Olam – Haus der Ewigkeit“ (Isensee-Verlag) nachlesen.

Schmid dokumentiert darin die Geschichte des Friedhofs, der zugleich die Geschichte der Juden im Oldenburger Land erzählt: Vom ­Zuzug der ersten Juden im ausgehenden 17. Jahrhundert in Jever, Oldenburg oder Varel, den Beschränkungen und ­Diskriminierungen, denen sie unterlagen, über die Emanzipation zur Mitte des 19. Jahrhunderts sowie die Verfolgung, Entrechtung und Vernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus.

Ein Friedhof je Gemeinde

Jede eigenständige Synagogengemeinde im Oldenburger Land musste einen eigenen Friedhof vorweisen. Oft gab es jüdische Friedhöfe, noch bevor es Synagogen gab (zum Beispiel in Varel oder Oldenburg). Auch hat das mit dem jüdischen Glauben zu tun, denn die Errichtung eines Friedhofs gehört zu den dringlichsten Aufgaben einer neuen Gemeinde, weil jüdische ­Gräber „auf ewig“ angelegt sind.

Die dauerhafte Totenruhe ist ein zentrales Moment des jüdischen Glaubens. „Lebenshoffnung und Auferstehung sind Ausdruck jüdischen Lebens“, sagt Autor Martin Schmid. Das kommt auch in den hebräischen Namen für das Wort Friedhof zum Ausdruck: „Beth ha-qewaroth“ (Haus der Gräber), „Beth ha-chajjim“ (Haus des Lebens) oder „Beth olam“ (ewiges Haus).

Die Ehrfurcht vor dem Tode und den Toten sei kennzeichnend für das Judentum, schreibt der Präsident des Landesverbands der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst: „Niemand ist tot, solange man über ihn spricht.“

Die Geschichte des Friedhofs dokumentiert auch die Stellung der Juden in Deutschland und ihre fehlende Akzeptanz in der christlichen Bevölkerung. Weil der Friedhof bald zu einem „Tummelplatz der muthwilligen Straßenjugend“ wurde, dachte man in der ­Oldenburger Synagogengemeinde bald über eine Umfriedung mit einer Mauer nach. Die 1814 angelegte Hecke reichte nicht mehr aus. Die Gemeinde stellte 1866 einen Antrag auf Bau einer Friedhofsmauer, die den 1814 angelegten und 1862 erweiterten Friedhof schützen sollte.

Und noch ein Indiz für die fehlende Akzeptanz der Juden in der Oldenburger Bevölkerung: Am Grab des langjährigen und beliebten Landesrabbiners Bernhard Wechsler, der 1874 nach 33 Amtsjahren verstorben war, durfte der mit Wechsler befreundete evangelische Kirchenrat Carl Hermann Späth nicht sprechen. „Der Oberkirchenrat verbat sich die Trauerrede“, hat Schmid herausgefunden. Die „Nachrichten für Stadt und Land“, die (damals dreimal in der Woche erscheinende) Zeitung für Oldenburg und umzu, schrieben von einem „Akt kirchlicher Engherzigkeit“.

Keine Urnenbestattung

Eine interessante Debatte hat Autor Schmid in seinem Buch aufgegriffen: Urnenbestattungen wurden auch von Juden nachgefragt, was nach orthodoxer jüdischer Vorstellung nicht zu befürworten war, denn durch die Verbrennung sei die Auferstehung der Toten nicht mehr möglich. Er werde jedenfalls bei Urnen­bestattungen keine Amtshandlung vornehmen, teilte Landesrabbiner Dr. David Mannheimer (1864-1919) mit.

Die Einäscherung jüdischer Leichen sei der denkbar größte Verstoß gegen das jüdische Religionsgesetz. Es sei nicht nachzuweisen, aber er gehe davon aus, dass sich doch einige Urnen auf dem jüdischen Friedhof in Osternburg befinden, sagt Autor Schmid. Einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren jedenfalls im Verein für Feuerbestattung Mitglied.

Zur Erinnerung an seinen 1918 verstorbenen Sohn Arthur stiftete der Kaufmann Leiser Trommer (1851-1934) eine Trauerhalle für den Friedhof. Den Entwurf lieferte der Oldenburger Architekt Heinrich Biebel, das Glasfenster der Glasmaler Georg Rohde. Es entstand ein achtseitiger Kuppelbau, der einen vierseitigen Unterbau hat. 1921 wurde das Bauwerk eingeweiht, das als einzige Einrichtung einer jüdischen Gemeinde im Oldenburger Land auch nach dem Terror der Nazi-Zeit seinem Zweck entsprechend genutzt wurde.

Aber auch dieses Gebäude spiegelt das Verhältnis zwischen der, nennen wir sie einmal ungeliebten Minderheit und der christlichen Mehrheit wider. Ein jahrelanges Hickhack um die Kostenübernahme verhinderte nach dem Krieg die sofortige Instandsetzung der 1938 zer­störte Inneneinrichtung und des Buntglasfensters. Auch die Rückübertragung des Grundstücks an die Synagogengemeinde zog sich hin. Ebenso die Entfernung des 1943 auf dem Friedhof angelegten Luftschutzbunkers (er wurde erst 1960 gesprengt).

Geschändete Gräber

Die geschändeten Gräber und die Wiederaufstellung der Grabsteine zog sich über viele Jahre hin. In der hergerichteten Trauerhalle wurde 1952 zur Erinnerung an die „Märtyrer des Landes Oldenburg 1933 - 1945“ eine hölzerne Tafel angebracht. Darauf ist der Satz aus den Klageliedern zu lesen: „Groß wie das Meer ist deine Wunde, wer wird dich heilen?“

Diese Frage lässt sich auf die Friedhofsgeschichte anwenden, zu der leider Schändungen und Schmierereien in der Nachkriegszeit zählen, ebenfalls Missverständnisse und Unkenntnis über den ­jüdischen Glauben (zum Beispiel der fehlende Blumenschmuck auf jüdischen Friedhöfen).


 

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