Im neuen Leben die alte Heimat nicht vergessen

Von Holger Geisler

Gemeinsam mit Mayan Khatune und Mir Hazem war Sozan Al Haji Al Shaekh bei Ministerpräsident Stephan Weil (2.v.l.) zu Gast.  BILD: STAATSKANZLEI

OLDENBURG – Sozan Al Haji Al Shaekh hat in Oldenburg fraglos ihr Glück gefunden. 2015 musste die junge Jesidin vom dem sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) aus dem Irak flüchten. Über Umwege kam sie mit ihrer Familie nach Oldenburg und stand eigentlich vor dem Nichts.
Statt das Abitur abzulegen - der IS hatte ihr das verwehrt - musste sie sich ohne fundierte Deutsch-Kenntnisse auf dem hiesigen Arbeitsmarkt behaupten. Die junge und ehrgeizige Jesidin wollte sich allerdings nicht tatenlos treiben lassen. Vielmehr fand sie eine Praktikumsstelle beim Oldenburger Personaldienstleister „Orizon GmbH“. Aus dem Praktikum wurde eine Einstiegsqualifikation und mittlerweile ging es für Sozan direkt ins zweite Lehrjahr.

Mit der bestandenen Ausbildung wäre auch der Realschulabschluss verbunden. Neben Deutsch musste sie dafür Englisch und Niederländisch büffeln. Das ist natürlich nicht so einfach in einer noch immer relativ neuen Welt. Deshalb ist die junge Jedzidin auch dankbar, dass sie von ihrem Niederlassungsleiter Mirko Backhaus und ihrem Ausbilder Anton Nikonenko so unterstützt wird. Dies gilt nicht nur für den Berufssektor, sondern auch für ihr Ehrenamt bei und für die Jesiden, denn ihre Heimat hat sie nicht vergessen und damit auch nicht die vielen Probleme, die die Menschen dort haben oder mitbringen.  In politischen Gesprächen versucht die junge Frau viel für das gebeutelte Volk zu erreichen.

Dabei folgt Sozan großen Spuren. Ihr Großvater war Baba Sheikh Eliays, religiöses Oberhaupt der Jesiden. Ihm gelang es durch kluges Taktieren, den Jesiden im Irak des Saddam Hussein das Überleben zu sichern.
Auch die Mutter der Neu-Oldenburgerin, eine Lehrerin, war lange politisch aktiv und setzte sich in der männerdominierten Welt gegen mächtige Strömungen durch, ehe der IS alles zunichte machte. Beide, Mutter und Großvater, leben nicht mehr, deren Engagement setzt Sozan allerdings fort. Sie kämpft für bessere Lebensbedingungen der Geflüchteten, setzt sich für die Waisenkinder ein und möchte besonders begabten Jugendlichen ein Stipendium ermöglichen.

„Die beiden besten Abiturienten im gesamten Irak waren ein Mädchen und ein Junge aus den Zelten der jesidischen Flüchtlingscamps. Was könnten die beiden unter besseren Bedingungen alles erreichen“, fragt sie. Eine solche Frage übermittelte sie vor wenigen Tagen im persönlichen Gespräch an Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil. Diesen besuchte sie, gemeinsam mit dem weltlichen Oberhaupt der Jesiden Mir Hazem und seiner Frau Mayan Khatune.

Sie berichteten über die Lage im Irak, über die fortwährende Diskriminierung, auch über fehlende Zukunftsperspektiven und baten um Unterstützung bei der Errichtung einer Schutzzone. Darüber hinaus brachten die drei aber auch Religionsunterricht für Jesiden in Deutschland und die vielfältigen Aufgaben bei der Integration der fast 100.000 neu angekommenen Jesiden ins Gespräch.

Bereits 2019 beeindruckte Sozan in Brandenburg den damaligen Staatssekretär Andreas Büttner mit ihrem Detailwissen und guten Ratschlägen zur Sonderaufnahme von IS-Opfern.. Einer politischen Delegation aus Deutschland zeigte sie die Missstände im Nordirak. Mit dem Bundestagsabgenordneten Stephan Albani (CDU)und dem Landtagsabgeordneten Ulf Prange (SPD) ist sie im ständigen Austausch und findet dort immer wieder offenen Ohren und echte Hilfe. Sie ist also gut vernetzt und weiß was sie will. Mögen die Spuren, denen sie folgt, auch groß sein- Sozan hat ein Ziel vor Augen. Sie will jenen helfen, die weniger Glück hatten als die junge Oldenburgerin. 


 

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