App-Sturz im Spätherbst

Artikel vom 03.12.2021

Robert Otto-Moog

Sascha Franke ist einer der beiden Gründer von ClubHero. Wir begleiten die junge Firma ein Jahr lang in unserem Start-up-Check. Bild: Robert Otto-Moog

Eigentlich wollten die Gründer von ClubHero mit frischem Geld kräftig wachsen. Doch der Deal ist geplatzt, die geplante Expansion liegt vorerst auf Eis. Wie stecken die beiden Emder den unerwarteten Rückschlag weg?

Für Sascha Franke und Robin Dünnwald sollte das kommende Jahr den Durchbruch bringen. Die beiden Start-up-Gründer wollten bis zu eine Million Euro von Investoren einsammeln und damit expandieren. Ihre App ClubHero, eine Art Betriebssystem für Sportvereine, wollten sie erst deutschlandweit ausrollen, später dann auch im Ausland. Doch die Jungunternehmer aus Emden wurden ausgebremst. Und das liegt nicht an der vierten Welle der Coronapandemie. „Unsere Finanzierungsrunde ist geplatzt“, sagt Franke. „Das kam für uns völlig überraschend.“

Mit ClubHero bieten Franke und Dünnwald individuelle Apps für Vereine an, die ehrenamtliche Mitarbeiter entlasten und die Vereinsangehörigen besser einbinden sollen. Mitglieder können ihre Daten selbst verwalten, die Kommunikation mit dem Verein kann über das Smartphone laufen. ClubHero hat bereits erste Kunden gewonnen, vor allem Vereine im Nordwesten nutzen die App. Auch mehrere Einzelinvestoren, sogenannte Business Angels, haben die Gründer vom Potenzial ihres Angebots überzeugt. Nun hätte der nächste große Schritt folgen sollen.

Die Absage hat die Gründer kalt erwischt. „Das tut richtig weh“

Seit April hatten Franke und Dünnwald mit einem Venture-Capital-Fonds verhandelt, einem größeren Investor. Auch die Business Angels saßen dabei mit am Tisch. Sie wären bereit gewesen, weiteres Geld zu investieren. Der Großteil der Finanzspritze hätte aber von dem Fonds kommen sollen.

In den Verhandlungen ging es um kleinste Details, sagt Franke. Erst habe es gut ausgesehen, doch dann zogen sich die Gespräche in die Länge. Immer wieder mussten Kleinigkeiten abgeklärt werden. Statt im Sommer sollte das Geld schließlich im Spätherbst fließen.

„Wir hatten ein Ergebnis, mit dem alle zufrieden waren“, sagt Franke. Doch das, was die Verhandler des Fonds ihren Entscheidern präsentierten, schien dort nicht gut anzukommen. „Das Gremium hat uns abgelehnt – für uns total überraschend“, sagt Franke. „Das tut schon richtig weh.“ Auch wenn ihnen bewusst gewesen sei, dass solche Rückschläge zum Gründen dazugehören, habe die Absage die beiden Emder unerwartet hart getroffen. „Wenn man das Ganze dann wirklich erlebt, ist das noch einmal eine ganz andere Sache“, sagt Franke.

Franke ärgert sich: Sie hätten nicht nur mit einem Investor sprechen dürfen

Weder die Gründer noch Weggefährten oder die Einzelinvestoren hätten verstanden, wie das passieren konnte. „Keiner hat das wirklich begriffen“, sagt Franke. Schließlich sei alles ausgehandelt gewesen.

Auf die Absage folgten viele Gespräche. „Wir haben uns gefragt, wie das passieren konnte, was wir falsch gemacht haben und was wir beim nächsten Mal besser machen wollen.“ Denn ein nächstes Mal soll es definitiv geben. Im kommenden Jahr wollen die Gründer eine neue Finanzierungsrunde versuchen. Dann allerdings breiter aufgestellt. „Wir haben den Fehler gemacht, nur mit einem größeren Investor zu verhandeln“, sagt Franke. Als der wegbrach, fehlten die Alternativen.

Neue Mitarbeiter sollen Schwung bringen. Das Geld dafür ist vorhanden

Ganz auf dem Trockenen sitzen die beiden aber auch nicht. Das Geschäftsmodell trägt sich bereits – nur den ganz großen Schritt wird es nun nicht so schnell geben, wie geplant. „Auch unsere Business Angels haben uns angeboten, finanziell einzuspringen“, sagt Franke. Darauf wollen die beiden Gründer allerdings erst zurückgreifen, wenn es wirklich nötig wird. Bis dahin soll ClubHero trotzdem wachsen. „Wir suchen unbedingt Verstärkung“, sagt Franke. Eine Stelle in der Unternehmensentwicklung soll besetzt werden. Auch mit Blick auf den Vertrieb. Zudem sollen zwei bis drei Werkstudenten helfen, weitere Neukunden zu gewinnen.

Der Plan laut Franke: Mehr „Traction“ entwickeln, also einen weiteren Beleg für die Nachfrage erbringen. „Wir wollen so noch attraktiver werden, um im nächsten Sommer den nächsten Anlauf mit einer Finanzierungsrunde zu versuchen“, sagt Franke. Denn genau da sei der Großinvestor nicht überzeugt gewesen. Unter anderem sei die Frage aufgekommen, ob sich kleinere Vereine den App-Preis von 100 Euro im Monat leisten können. „Dafür planen wir ja ein werbefinanziertes Gratismodell“, sagt Franke. „Das hat am Ende aber auch für Unsicherheit gesorgt.“

Wer weiß, sagt Franke, vielleicht hatte die Absage auch ihr Gutes

Franke und Dünnwald sind sich aber sicher, dass ihr Plan funktioniert. „Wir haben noch einmal alles durchdacht“, sagt Franke. Trotz des Rückschlags hätten sich keine generellen Zweifel eingeschlichen. „Sonst würden wir nicht einstellen.“

Und vielleicht, sagt Sascha Franke, war die Absage auch gar nicht schlecht. „Wenn eine Verhandlung so ewig lang läuft, dann passt es vielleicht am Ende gar nicht“, sagt er. Mit dem Investment erkaufen sich Business Angels und Venture-Capital-Fonds auch Mitspracherecht. „Wenn die Investoren selbst solche Zweifel haben, kann es eben auch passieren, dass an den falschen Stellen Einfluss genommen wird“, sagt Franke. „Vielleicht sollte es einfach nicht sein.“

START-UP-CHECK: DIE SERIE

Was heißt es, Unternehmer zu werden? Wie kommen Gründerinnen und Gründer zu ihrer Geschäftsidee? Wo finden sie Investoren? Wie verarbeiten sie Misserfolge? Was treibt sie an? Solchen Fragen gehen wir in unserer Reihe Start-up-Check auf den Grund. Jeweils ein Jahr lang begleiten wir dazu ein Gründerteam. Alle zwei Monate berichten wir über die jungen Firmen – über Fortschritte genauso wie über Rückschläge.

In der ersten Staffel haben wir 2017/18 über Garvin Hinrichs berichtet. Er hat mit Meinmarktstand.de den Wochenmarkt ins Internet geholt und behauptet sich bis heute gut damit. Weniger erfolgreich lief es für Angela Wilde und Daniela Gröger, die Teilnehmerinnen von Staffel zwei 2018/19. Sie haben ihre Firma Wilgro zumindest vorerst auf Eis gelegt: In der Coronakrise haben sie keine Möglichkeit gesehen, ihr System zur motorischen Förderung von Babys und Kleinkindern weiterzuentwickeln. Die Oldenburger CSX Academy, ein Anbieter von Onlineschulungen, haben wir in Staffel drei begleitet. In der aktuellen Staffel geht es um ClubHero aus Emden. Dies ist der vierte Artikel über das Start-up aus Ostfriesland.


 

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