„Die Geburtshilfe sollte zur Grundversorgung dazugehören“

Artikel vom 18.05.2022

Günther Gerhard Meyer

Blick in die Kinderstation in der Ubbo-Emmius-Klinik in Aurich.
Bild: privat

In Aurich soll die Ubbo-Emmius-Klinik nach 2028 als Geburtenhaus nachgenutzt werden, wenn die Zentralklinik in Aurich steht. Für die Hebammen und Mütter werden viele Vorteile gesehen.

In Aurich gibt es die Initiative für eine Geburtenstation als Nachnutzung für die Klinik. Der Landkreis Aurich will eine solche Station aber in die geplante Zentralklinik integrieren. Zwei solche Einrichtungen werden vom Landkreis Aurich und der Trägergesellschaft für die Zentralklinik für Aurich, Norden und Emden als nicht zielführend und „nicht realistisch“ gesehen. Doch wie ist die Sicht der Hebammen? Die NWZ sprach mit Veronika Buijny, Vorsitzende des Hebammenverband Niedersachsen.

Frage: Ist eine Geburtenstation überhaupt realistisch, wenn diese nur zehn Kilometer von einer Klinik mit einem eigenen Angebot entfernt ist?

Es handelt sich bei dem angedachten Angebot für Aurich um ein Geburtshaus, eine Einrichtung, die von Hebammen geführt wird und mit einem naheliegenden Krankenhaus eine gute Kooperation vorhalten muss, falls es doch zu einer Verlegung kommt. Unserer Auffassung nach sollte die Geburtshilfe zur Grundversorgung gehören und in 30 Minuten erreichbar sein.

Frage: Welche Auswirkungen hätte der Abzug der Einrichtung für Aurich?

Eine Stadt wie Aurich ohne jede Möglichkeit zur Geburt zurückzulassen, würde auch einen Abzug von Hebammen bedeuten, die sich häufig an geburtshilflichen Standorten sammeln. Diese würden durch weite Fahrzeiten zur Nachbetreuung nicht mehr zur Verfügung stehen. Es ist wirklich wichtig, ein ganzheitliches Konzept zu entwickeln. Die Stadt Aurich handelt hier sehr im Sinne der familienfreundlichen Kommune und zeigt sich weitsichtig. Den Ratsbeschluss unterstützen wir als Hebammenverband Niedersachsen e.V. sehr.

Frage: Ist ein Geburtshaus von den beteiligten Hebammen überhaupt zu stemmen?

Nur die frühzeitige Planung ermöglicht später die Umsetzung. Die Ausbildungszahlen gehen gerade nach oben, ein attraktives Angebot könnte eine Geburtsmöglichkeit, wie sie in Städten wie Oldenburg und Bremen längst selbstverständlich ist auch in Aurich etablieren. Genug Nachfrage von Seiten der Frauen gibt es bereits heute. In Bezug auf die Ortsbindung der Hebammen auch für die Betreuung der Frauen und Familien im Wochenbett hat es einen sehr positiven Effekt. Zur Frage der Versicherung: Der seit einigen Jahren ausgezahlte Sicherstellungszuschlag für die Geburtshäuser und Haus- und Beleggeburten ist eine derzeit tragfähige Lösung für die Hebammen.

Frage: Gibt es genug Hebammen für beide Einrichtungen, Zentralklinik und Geburtshaus?

Im Gesundheitsbericht des Landesgesundheitsamtes gilt Emden als eine Stadt mit sehr guter Hebammenversorgung, trotzdem wurde der Personalmangel zum Schließungsargument. Die Großklinik kann sicher durch attraktive Arbeitsplätze, gute Personalstrukturen und Bezahlung sowie eine flache Hierarchie ein bedeutender Arbeitgeber werden. Die Zusammenarbeit mit einer - doch recht kleinen - Geburtsabteilung in der Hand von Hebammen sollte als zusätzlicher Werbefaktor für eine frauenfreundliche Geburtshilfe auch der Großklinik zugutekommen, wenn diese die Kooperation aktiv unterstützt.

Frage: Was unterscheidet eine Geburtenstation von der Klinik?

Frauen haben unterschiedliche Ansprüche an die Unterstützung, die sie sich für die Geburt wünschen. Die Geburten in Geburtshäusern sind sicher, es liegen gute Zahlen vor, da jede Geburt gründlich ausgewertet wird. Manche Frauen möchten mehr Intimität, keine Krankenhausatmosphäre und eine dauerhafte Betreuung durch Hebammen. Das gibt ihnen die Sicherheit, ungestört zu gebären. Andere Frauen brauchen die Versorgung im Krankenhaus und das Wissen um die nahe Kinderklinik.

Frage: Was würden Sie dem Landkreis Aurich aus Hebammensicht raten?

Es sollte in einem so großen Landkreis möglich sein, den Wünschen der Frauen zu entsprechen und die freie Wahl des Geburtsortes, wie es per Gesetz (SGB V) festgeschrieben ist, auch vor Ort zu ermöglichen. Es geht im Einzugsbereich der Großklinik um mehr als 1000 Geburten. Das ist die häufigste Leistung, die diese Großklinik erbringen wird. Da ist es sicher auch angezeigt, den Frauen entgegenzukommen und nicht nur die eigene Ökonomie im Blick zu haben.

Zur Person

Veronika Bujny, geboren 1960, ist seit acht Jahren Vorsitzende des Hebammenverbandes Niedersachsen. Sie wohnt in Westoverledingen, ist verheiratet und hat vier erwachsene Söhne.

Beruflich kann sie auf eine Ausbildung als Krankenschwester und als Hebamme mit Bachelorabschluss verweisen.

In der eigenen Praxis hat sie viele Jahre Frauen von Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit betreut, einschließlich Beleg- und Hausgeburten.


 

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