Die zwei Seiten einer Urlaubssaison in Greetsiel

Artikel vom 27.07.2022

Peter Saathoff

Freitagmittag in Greetsiel: Der Hafen ist belebt, aber gut überquerbar. Lange Schlangen gibt es hier nicht. Bild: Saathoff

Wie läuft die Touristen-Saison 2022 in der Gästehochburg Greetsiel? Die Touristik ist zufrieden, andere weniger. Denn die Antwort auf die Frage hängt sehr vom Gesprächspartner ab.

Fiasko oder erstaunlich gut? Die Antwort auf die Frage nach einer Zwischenbilanz der touristischen Saison 2022 in der Gäste-Hochburg Greetsiel liegt wohl irgendwo dazwischen und ist auch abhängig vom Gesprächspartner. Die Krummhörner Touristiker sind jedenfalls mit dem bisherigen Verlauf durchaus zufrieden.

20 Prozent mehr Übernachtungen

Wolfgang Lübben, Marketingchef der Touristik, unterstreicht diese allgemeine Einschätzung mit Zahlen. Im ersten Halbjahr 2022 lagen die Übernachtungszahlen bei rund 334.000. Das sind fast 60.000 mehr als im gleichen Zeitraum im Jahr 2019, also vor der Corona-Pandemie. In den Corona-Jahren lagen die Zahlen deutlich schlechter, 2020 waren es nur 184.000, 2021 sogar nur rund 125.000 Übernachtungen. Diese Zahlen sind wegen Lockdown und Co. aber nur bedingt aussagekräftig. So oder so: Die Übernachtungszahlen lassen also eine überaus gute Saison erwarten. Eine entsprechende Einschätzung hätten auch Gespräche mit Hoteliers ergeben, sagt Lübben. Der Charme eines Hotelurlaubs in Greetsiel scheint ungebrochen.

Es gibt aber andere Seiten, etwa Ferienwohnungsbetreiber, Gastronomen, Einzelhändler. Und dort will sich keine richtige Euphorie einstellen. Dort reicht die Spannweite vom mäßigen „geht so“ bis zu „nah am Fiasko“. Auch die üblichen Merkmale einer hohen Auslastung wie Warteschlangen vor den Restaurants, überfüllte Parkplätze oder wildwüchsig abgestellte Fahrräder sind 2022 nicht annähernd ein Thema wie noch in den vergangenen Jahren.

Umsatzrückgang: 25 Prozent

Tankstellenbetreiber und Fahrradverleiher Eduard Poppinga nennt Zahlen und spricht von einem Umsatzrückgang im ersten Halbjahr in Höhe von rund 25 Prozent. „Aber immerhin: Es steigt langsam wieder an.“ Einen durchwachsenen Eindruck hat auch Jürgen Müller gemacht. Müller, in der Greetsieler Ferienwohnungsszene wahrlich kein Unbekannter, will bei seinen Streifzügen durch die Ferienhaus-Siedlungen viele heruntergelassene Rollos und wenig stehende Autos bemerkt haben. „Bei manchem liegt das vielleicht an der Hitze, aber sicherlich nicht bei allen. Da ist schon weniger los.“ Die auffällige Menge von freien Ferienwohnungs-Annoncen in sozialen Netzwerken bekräftigt die Theorie der durchwachsenen Saison.

Ein Erklärungsansatz, den sowohl das Duo Poppinga und Müller sowie die Touristik liefern: Es liegt an Corona auf der einen und an den Kostensteigerungen auf der anderen Seite. Wie das sein kann, erklärt sich so: In den vergangenen beiden Jahren hat die Pandemie den Inlandstourismus erheblich beflügelt, sagt Lübben. Die Sicherheit vor Ort, die medizinische Versorgung und einfache Stornomöglichkeiten seien Gründe gewesen, aus denen sich in den Corona-Jahren viele Menschen für Nord- und Ostsee-Urlaub entschieden hätten. Nun kehre sich dieser Effekt um: Die Sehnsucht nach entfernteren Urlaubszielen sei gewachsen. In Zahlen betrachtet, drohe durch diesen Effekt allein ein Rückgang um 25 Prozent beim Inlandstourismus, hätten Experten berechnet, erzählt Lübben.

Sorgen vor der Abwärtsspirale

Jetzt kommt noch ein weiterer Effekt hinzu, und das sind die annähernd acht Prozent Inflation. Die Urlaubskasse schrumpfe, parallel dazu steige die Sorgen vor weiter explodierenden Kosten. „Was soll man da einem Familienvater aus Süddeutschland sagen, wenn er für 400 Euro pro Person eine Woche all-inklusiv Urlaub mit Flug in der Türkei machen kann, während hier alles immer teurer wird?“, fragt Müller, „weil die Dienstleister auch immer stärker steigende Kosten haben.“ Ein plastisches Beispiel zu den Folgen dieser Entwicklung: Familien bestellten inzwischen eine Portion Pommes mit vier Gabeln statt noch vier Portionen, habe ihm ein befreundeter Imbissbesitzer erzählt. Andere sparen sich den Gang in Restaurants gleich komplett und kochten in der Ferienwohnung.

Im Zuge dieser Gemengelage ärgert sich Müller über die zuletzt beschlossenen Steuererhöhungen der Gemeinde. Der Effekt höherer Gewerbe- und Grundsteuern auf die touristischen Dienstleister: Sie müssen noch mehr Kosten auf ihre Kunden umlegen, die Preise steigen – und die Spirale dreht sich weiter.


 

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