Gleich elf Steine erinnern in der Osterstraße 28

Artikel vom 17.10.2021

Stephanie Schuurman

Verlegen Stolpersteine: Die BBS II-Schüler Julian Tebben und Aaron Stözle mit BEE-Mitarbeiter Karl-Heinz Giesen. Bild: Hasseler

Mit der Stolperstein-Verlegung am Dienstag wird in Emden jetzt 357 Opfern des Nazi-Regimes gedacht. Es sind aber noch viele Namen übrig, die auf Messing-Tafeln gepresst werden müssen

Vor dem Haus Nummer 28 in der Osterstraße glitzert das frisch polierte Messing auf dem Boden ziemlich geballt. Dort liegen jetzt, auf zwei Stellen verteilt, gleich elf Stolpersteine zwischen den gewöhnlichen im Gehwegpflaster. Alle elf Namen der Inschriften auf den Messingtafeln enden auf den Namen van der Walde. Zwei jüdische Familien, die hier, an der ehemaligen Kleinen Osterstraße 5 gelebt haben, sind an dieser Stelle von den Nazis systematisch verfolgt, verschleppt und getötet worden.

Wer dort jetzt entlangläuft, soll nicht unbedingt stolpern. Aber vielleicht einen Moment lang innehalten. Genauso wie an den anderen vier Standorten in der Stadt, an denen am Dienstag wiederum 24 dieser Erinnerungssteine an Opfer des Nazi-Regimes verlegt wurden.

Erstmals verlegten Schüler die Steine

Es war die inzwischen 14. Verlegungs-Aktion in Emden, insgesamt gibt es schon 357 Stolpersteine. Es war allerdings die erste Aktion, die nicht durch den Erfinder der Stolpersteine, den Künstler Gunter Demnig ausgeführt wurde. Erstmals übernahmen die praktische Arbeit hierfür Schüler der Bautechnik-Klasse der Berufsbildenden Schulen. Unterstützt wurden sie dabei außerdem von BEE-Mitarbeiter Karl-Heinz Giesen, der teilweise tags zuvor noch Verkehrsschilder umgesetzt hatte, damit die Steine gut sichtbar platziert werden konnten.

Demnig gilt eigentlich als sehr eigen, was die Verlegung dieser Steine betrifft. Doch nicht zuletzt durch die Corona-bedingte Pause staut sich mancherorts die Verlegungsplanung. In vielen deutschen Kommunen und ganz Europa wird inzwischen auf diese Weise an die NS-Opfer erinnert. „Die jetzt verlegten Steine warten seit eineinhalb Jahren“, sagte Edda Melles vom Emder Arbeitskreis Stolpersteine.

So lange soll es bis zur nächsten Verlegung in Emden nicht wieder dauern. Sie ist für den März 2022 geplant. Wieder persönlich durch Demnig, der sich dann über die sachgemäße Umsetzung der letzten 24 Steine überzeugen kann. BBS II-Schulleiter Gero Conring indes sieht gerade in der praktischen Umsetzung durch seine Schüler einen großen Mehrwert. Die Schüler werden auch ihren Freunden von den verlegten Steinen berichten, so seine Hoffnung. „Mit diesem Vormittag haben wir ihr Interesse für die Stolpersteine geweckt“, sagte Conring. „Sie werden sich auch die Homepage mit den Biografien ansehen.“

Noch 180 jüdische und politische Opfer übrig

Und während die sieben angehenden Bautechniker die mit den Messingtafeln versehenen Steine ins Pflaster verlegten, verlasen wie gewohnt andere Schüler die Biografien, die hinter den Namen stehen. Das übernahmen Schülerinnen und Schüler des Beruflichen Gymnasiums der BBS II, der Integrierten Gesamtschule und des Max-Windmüller-Gymnasiums.

Und so erfuhren die 50 Teilnehmer der Aktion, dass beide Familien van der Walde auf zwei 1811 erstmals unter diesem Namen gemeldeten Brüder zurückgehen. Das hatte Stadtarchivar Dr. Rolf Uphoff herausgefunden, der wieder viele der Biografien zusammengestellt hat. Und noch viele in Arbeit hat. „Wir haben noch so viele Opfer hier in Emden“, sagte Edda Melles. „Allein 180 Juden, an die wir noch erinnern wollen. Die politisch Verfolgten und Kranken kommen noch dazu.“

Ein Stolperstein kostet im Übrigen 120 Euro. Alle Seine werden durch Spenden finanziert.

BIOGRAFIEN - IN KURZFORM

Am Hinter Tief 2 Valk Gossels, Auguste Gossels und Tochter Friederike Gossels - hatten eine Schlachterei und Zuchtviehhandlung. Valk starb 1942 im Ghetto Lodz/Litzmannstadt, Auguste noch vor Kriegsausbruch, Tochter Friederike gelang die Flucht nach England.

Am Anker Eike Gerdes starb 1938 im KZ Buchenwald. Der 12-fache Vater war ein Freigeist und deshalb politisch verfolgt.

Breusing-Promenade Karoline van der Walde, Witwe eines Schuhmachermeisters, wurde mit Tochter Henriette 1942 nach Riga deportiert, wo sie gleich nach der Ankunft ermordet wurden. Die Kinder Emilie und Werner van der Walde gelang die Auswanderung nach Palästina.

Martin-Faber-Straße Solomon Wolff und Fanny Wolff betrieben ein Geschäft für Damen-, Herren- und Kinderbekleidung dort, wo jetzt das Wasser- und Schifffahrtsamt sitzt. Salomon starb 1942 in Varel, kurz vor seiner Deportation nach Theresienstadt. Fanny starb 1943 in Theresienstadt. Tochter Recha Sternberg emigrierte mit ihrem Mann Leo und ihrer Tochter Irmgard 1937 in die USA.

Osterstraße 28 Die Eisenwarenhandels-Familie Max und Karoline van der Walde wurde mit ihren Söhnen Simon und Raphael am 8. November 1941 nach Minsk deportiert und dort drei Tage später ermordet.

Osterstraße 28 Jacob van der Walde, Bruder von Max, wurde gemeinsam mit seiner Frau Fanny und Sohn Bernhard 1942 in den Osten deportiert. Vermutlich sind die drei im Vernichtungslager Sobibor in der Slowakei ums Leben gekommen. Die Kinder Henriette, Kela und Hermann überlebten zunächst das Lager Westerbork und KZ Bergen-Belsen. Hermann starb kurz nach der Befreiung. Bruder Meier war schon vorher nach Palästina in Sicherheit gebracht worden, wohin die Überlebenden auch gingen.

Biografien Die Schicksale sind nachlesbar auf der Internetseite der Stadt Emden unter Stolpersteine.

Die Aktion Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen Stolpersteine in 1265 Kommunen Deutschlands und in 21 Ländern Europas.


 

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