Herzstillstand auf dem Fußballplatz – heute spielt er mit Defibrillator

Artikel vom 19.11.2021

Carmen Böhling

Normalerweise trägt Lukas Smit seinen Defibrillator-Schutz, der im „Vital-Zentrum Glotz“ in Stuttgart hergestellt wurde, unter dem Trikot. Bild: Eric Hasseler

Der 19-jährige Lukas Smit aus Riepe im Kreis Aurich hatte einen Herzstillstand auf dem Fußballplatz. Ein Ersthelfer reanimierte ihn noch auf dem Feld. Nach drei Tagen im Koma wachte Lukas im Krankenhaus auf

Bei der Europameisterschaft hat das Schicksal vom dänischen Nationalspieler Christian Eriksen, der auf dem Spielfeld einen Herzstillstand erlitt und kollabierte, die Fußballwelt in Schock versetzt. Der 19-jährige Lukas Smit aus Riepe brach ebenfalls während eines Fußballspiels zusammen. Ein plötzlicher Herztod kostete ihn fast das Leben. Doch Reanimierungsmaßnahmen auf dem Feld retteten den Fußballer, der damals noch das Trikot der A-Junioren vom BSV Kickers Emden trug. Heute spielt Lukas mit einem Defibrillator für die Sportvereinigung Aurich und redet im Gespräch mit dieser Zeitung offen über seinen Schicksalsschlag. Lukas hat darum gebeten, ihn im Interview zu duzen.

Frage: Hallo Lukas. Magst Du mir erzählen, wie es dazu gekommen ist, dass Du heute mit einem Defibrillator spielst?

Lukas Smit: : Ich bin bei einem Spiel gegen den TuS Weene plötzlich umgekippt. Damals habe ich noch für die A-Jugend von Kickers gespielt. Das war der 20. Februar 2020. Von dem Tag weiß ich selbst nicht mehr viel. Aber es war so, dass mir Helge de Buhr, der Vater von unserem Torwart, als Ersthelfer durch Reanimierungsmaßnahmen auf dem Platz und die Emder Notärzte das Leben gerettet haben. Ich wurde mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht, lag dort auf der Intensivstation und bin nach drei Tagen aus dem Koma aufgewacht. Später kümmerte sich die Kardiologieabteilung, insbesondere Dr. Stein, um mich

Frage: Das war bestimmt auch für Deine Familie ein riesengroßer Schock. Waren Deine Eltern vor Ort, als das passiert ist?

Lukas Smit: Meine Eltern waren beide nicht bei dem Spiel, sind aber dann natürlich schnell nachgekommen. Mein Zwillingsbruder Simon stand zu dem Zeitpunkt, als das passiert ist, mit mir zusammen auf dem Platz. Er wusste direkt, was los ist. Es war ja nicht mal eine richtige Spielsituation. Unser Torwart hat gerade einen Abschlag gemacht und ich bin einfach umgekippt. Kein Gegenspieler war in meiner Nähe. Ein Jahr vorher bin ich im Training schonmal umgekippt, an dem Tag war es sehr heiß. Ich war dann aber direkt wieder bei Bewusstsein.

Frage: Bei dem Testspiel war das leider nicht der Fall. Du bist nicht wieder zu dir gekommen. Wie hat Dein Zwillingsbruder die Situation wahrgenommen?

Lukas Smit: Für Simon war es das Schlimmste, was er erlebt hat. Er hat quasi in meine halboffenen und toten Augen geguckt. Aber für alle aus meiner Familie war die Zeit hart, als ich danach im Koma lag.

Frage: Wie ist es Dir ergangen, als Du im Krankenhaus dann aufgewacht bist?

Lukas Smit: Am Anfang war mein Kurzzeitgedächtnis sehr eingeschränkt. Das wurde mit der Zeit aber besser. Heute bin ich nur noch ein bisschen vergesslich. Damals konnte ich mich aber nicht mehr an viel erinnern. Aber meine Familienmitglieder habe ich direkt erkannt, nachdem ich aufgewacht bin. Ich habe dann auch gleich ein paar Scherze mit ihnen gemacht. Da war meine Familie natürlich sehr erleichtert.

Frage: Konnte im Krankenhaus eine Ursache für den plötzlichen Herztod gefunden werden?

Lukas Smit: Nein. Eine Ursache, warum genau das passiert ist, konnte nicht klar festgestellt werden. Es ist nur klar, dass mein Herz aus dem Rhythmus gekommen ist. Das Kammerflimmern hat dann zu einem plötzlichen Herztod geführt.

Frage: Wie ging es danach für Dich weiter?

Lukas Smit: Meine Familie hat zu mir gesagt, dass es vielleicht so kommen könnte, dass ich nicht wieder Fußballspielen kann. Aber sie haben mich auch unterstützt, als ich mich dazu entschieden habe, weiterzuspielen.

Frage: Heute stehst Du wieder auf dem Platz. Wann hast Du diesen Entschluss gefasst?

Lukas Smit: Ich persönlich hatte nie den Gedanken im Kopf, mit dem Fußballspielen aufzuhören. Für mich stand immer fest, dass ich auf jeden Fall wieder spielen werde.

Frage: Hat das in Dir selbst keine Unsicherheit ausgelöst, wieder auf dem Platz zu stehen?

Lukas Smit: Nicht wirklich. Ich habe danach mit einer „LifeVest“ gespielt und schnell gemerkt, dass es wieder geht. Das ist eine Weste mit integrierten Elektroden vorne auf der Brust und hinten auf dem Rücken und einem Akkugerät, was sich in einer Tasche befindet.

Frage: Wie genau funktioniert eine solche Weste?

Lukas Smit: Bei erhöhtem Puls hat das Gerät gepiept. Dann musste ich signalisieren, dass es mir gut geht und auf einen Knopf drücken. Wenn man nicht auf den Knopf drückt, bekommt man einen kleinen Schlag, quasi wie von einem Defibrillator.

Frage: Heute spielst Du nicht mehr mit dieser Weste, sondern mit einem Defibrillator. Wie ist es dazu gekommen?

Lukas Smit: Es war eine sehr schwere Entscheidung für mich, mir einen „Defi“ einsetzen zu lassen. Ich habe mir den Defi einsetzen lassen, weil ich durch viele Gespräche mit Ärzten, Familie und Freunden zu dem Entschluss gekommen bin, dass es das Beste für mich ist. Und wie sich später rausgestellt hat, war das auch die richtige Entscheidung.

Frage: Die richtige Entscheidung? Inwiefern?

Lukas Smit: Der Defibrillator hat mich im Training vor erneutem Kammerflimmern geschützt, ist einmal angesprungen und hat mich gerettet. Damit hatte ich dann auch die Gewissheit, dass er funktioniert und mich schützt. Ein anderes Mal hat mich der „Defi“ geschockt, weil mein Puls sehr hoch war. Ich bin dann ins Krankenhaus gefahren, da wurde er neu eingestellt. Jetzt passt wieder alles und in den letzten sieben Wochen hatte ich keine Probleme mehr.

Frage: Merkst Du denn einen Unterschied, seitdem Du mit Defibrillator spielst?

Lukas Smit: Mit dem Defibrillator war es zu Beginn durch den Protector etwas ungewohnt zu spielen, aber daran habe ich mich schnell gewöhnt.

Frage: Wie genau funktioniert dieser Protector?

Lukas Smit: Das ist ein Schutz aus Hartplastik, den ich mir mit einem Gurt unter dem Trikot anlege. Wenn ein Ball den Protector trifft, wird der Druck abgefedert und außerhalb des „Defibereiches“ gelenkt. Nachdem feststand, dass ich mir den Defibrillator einsetzen lasse, haben wir uns erkundigt, wie andere Fußballer trotz Defi weiterspielen können. Bei dem Fußballprofi Daniel Engelbrecht haben wir den Protector gesehen. Daraufhin sind mein Vater und ich zusammen nach Stuttgart gefahren, um den Schutz individuell für mich anfertigen zu lassen.

Frage: Du hast gerade schon einen Fußballprofi angesprochen. Hast Du den Vorfall von Christian Eriksen bei der EM verfolgt?

Lukas Smit: Ja, habe ich. Vor allem bei meiner Familie und meinen Freunden hat der Vorfall viele Erinnerungen hervorgerufen. So konnte ich auch selbst sehen, wie schlimm so eine Situation für alle Beteiligten ist. Ich bin wirklich sehr froh, dass ich diese Situation überlebt habe und in dieser schweren Zeit so viel Unterstützung von meiner Familie und meinen Freunden hatte und immer noch habe.

ZUR PERSON

Lukas Smit ist 19 Jahre alt, spielt gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Simon für die Sportvereinigung Aurich und wohnt bei seinen Eltern in Riepe. Außerdem haben die beiden Brüder noch eine Schwester namens Nina. Bevor Lukas im Herrenbereich nach Aurich wechselte, wo er seitdem als Innenverteidiger und zentraler Mittelfeldspieler auf dem Feld agiert, spielte er von der C- Jugend bis zur A-Jugend für den BSV Kickers Emden.

ZUSAMMENBRUCH AUF DEM FUSSBALLFELD: BEKANNTE FÄLLE VON PROFIS MIT HERZPROBLEME

Dänemarks Nationalspieler Christian Eriksen ließ sich nach seinem Herzstillstand bei der Europameisterschaft einen Defibrillator einsetzen. Für seinen Verein Inter Mailand wird er wahrscheinlich jedoch nicht mehr auflaufen, da die italienischen Vereine keinen Kontaktsport mit Defibrillator erlauben. Bereits mit Defibrillator aktiv ist dagegen Daley Blind. Der niederländische Nationalspieler klagte in einem Spiel für Ajax Amsterdam im Dezember 2019 über Schwindelgefühle. Es stellte sich heraus, dass der Defensivspieler eine Herzmuskelentzündung hatte. Heute steht er regelmäßig für Ajax auf dem Platz, erzielte zuletzt in der Champions League beim 4:0-Sieg über Borussia Dortmund einen Treffer. Daniel Engelbrecht spielte 2013 für die Stuttgarter Kickers und brach bei einem Drittliga-Spiel nach einem Herzstillstand zusammen. Er wurde erfolgreich reanimiert und war nach seinem Comeback im Jahr 2014 der erste Profifußballer in Deutschland, der mit einem eingebauten Defibrillator spielte.Unter seinem Trikot trug er einen Defibrillator-Schutz. Der argentinische Superstar Sergio Agüero (FC Barcelona) klagte Ende Oktober bei einem Spiel in La Liga über Atemprobleme. Er konnte den Platz zwar noch aus eigener Kraft verlassen, im Krankenhaus wurde bei ihm aber eine Herzrhythmusstörung festgestellt. In den Sozialen Medien wird aktuell viel über ein mögliches Karriereende spekuliert. Agüero selbst äußerte sich zuletzt auf Twitter zu den Gerüchten und teilte mit, dass er abwarten will und weiterhin positiv bleibt.


 

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