In der Energiekrise geht es jetzt auch um die Wurst

Artikel vom 03.08.2022

Jens Voitel

Das Herz der Fleischerei: Ahlerich Stöhr an seinem Brühofen. Bild: Jens Voitel

Die drohende Preisexplosion trifft alle – auch die Handwerksbetriebe. Der Emder Fleischermeister Ahlerich Stöhr beobachtet die Entwicklung mit Sorge.

Das Herz der Emder Fleischerei Stöhr schlägt etwas versteckt in einem hinteren Raum des Emder Meister-Betriebes: der sogenannte Kochschrank. Das mächtige Gerät kann kochen, brühen, räuchern und sogar kühlen, und es läuft Tag für Tag von morgens bis in den Nachmittag hinein. Stundenlang. Der Kochschrank ist nicht nur das Herz des Betriebes, sondern auch ein unersättlicher Energiefresser. Und das wird jetzt zunehmend zu einem Problem.

„Ich zahle heute rund 1300 Euro im Monat allein für Gas“, sagt Fleischermeister Ahlerich Stöhr in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Zusammen mit dem Strom komme er auf Energiekosten von monatlich rund 2500 Euro. Tritt jetzt ein, wovon derzeit alle Experten ausgehen, und die Erdgas-Krise schlägt voll ein, wird der Familienbetrieb in der Emder Mühlenstraße ab dem nächsten Jahr wohl allein fürs Erdgas bis zu 20?000 Euro mehr ausgeben müssen. Soviel Würstchen, Schnitzel und Aufschnitt müssen erst einmal verkauft werden.

Was das für die Preise im Fleischgeschäft von Stöhr bedeutet, ist noch nicht abzusehen. „Ich warte ja noch auf die Post von meinem Gas-Lieferanten.“ Aber die wird kommen, da hat Stöhr keinen Zweifel. Spätestens nach den Sommerferien muss alles neu kalkuliert werden.

Sparen wird schwierig

Ein Fleischerei-Fachbetrieb, der den Großteil der Ware selbst veredelt, verbraucht an allen Ecken und Enden viel Energie. Das fängt mit dem Zauberofen an, geht über den Kühlraum und das Lager und hört in der gekühlten Fleischtheke und der Klimaanlage im Laden längst noch nicht auf. Stöhr verbraucht auch Unmengen an heißem Wasser, das er Tag für Tag für die Reinigung der Produktionsräume und die dort eingesetzten Geräte einsetzt. „Ich kann ja nicht plötzlich weniger sauber machen oder das Wasser weniger heiß machen.“ Hygiene ist das oberste Gebot. Das macht das Sparen aber umso schwieriger.

Vor jetzt fast genau zehn Jahren hat Stöhr bereits kräftig investiert, „energetisch neu aufgestellt“ hat er den Betrieb, wie er sagt. Rund 45?000 Euro steckte er damals allein in ein eigenes Blockkraftwerk im Keller. Die Rechnung damals war einfach: Gas war preiswert und sauber, Strom dagegen teuer. Somit machte das hauseigene Kraftwerk folgerichtig aus Gas Strom. Der Stromverbrauch sank dann auch von zuvor rund 75?000 Kilowattstunden auf etwa 45?000 im Jahr. Entsprechend sanken die Kosten. Und jetzt: Im Zuge des Ukraine-Krieges und der damit einhergehenden Gas-Krise könnte sich der Preis für Erdgas in den nächsten Monaten um das Dreifache erhöhen. „Dann müsste ich eigentlich schon wieder investieren“, sagt Stöhr. Dabei ist das Blockkraftwerk gerade soweit, dass sich die Ausgabe betriebswirtschaftlich amortisiert.

Nur eine Richtung

Stöhr schaut heute schon, was er noch in seinem Betrieb ändern kann. Doch da stößt er – ohne weitere Großinvestitionen – an seine Grenzen. „Ein Thema ist, die Abwärme des Blockkraftwerkes zu nutzen.“ Ein anderes sei vielleicht, die Nutzung des Kochschrankes zu optimieren und ihn erst in Betrieb zu nehmen, wenn er richtig voll ist. Ob das dann immer mit den Wünschen der Kunden übereinstimmt, müsste man sehen.

Doch auch in den anderen Bereichen der Fleischerei kennen die Kosten nur eine Richtung: nach oben.

„Die Fleischpreise sind gestiegen und werden weiter steigen“, sagt Stöhr voraus. Denn auch die Landwirtschaft kämpft mit überall steigenden Kosten. Auch die Gewürze sind teurer geworden, das Öl sowieso. „Es gab immer Schwankungen bei den Fleischpreisen. Aber mal war es das Rindfleisch, dann mal wieder das Schweinefleisch. Jetzt kommt alles auf einmal“, sagt Stöhr. Auf der anderen Seite hat sich das Verbraucherverhalten wieder etwas geändert. In der Corona-Zeit schaute man beim Fleisch-Einkauf nicht mehr so auf den Preis, weil man sich etwas gönnen wollte. Jetzt kehrt sich das wieder um, weil jeder auf den Euro schauen muss. Und was ist, wenn alle ihre hohen Energiekosten schwarz auf weiß vor sich haben?

Wie geht es jetzt weiter in der Fleischerei Stöhr? „Die Situation ist für mich wirklich sehr undurchsichtig“, sagt der Meister. Wichtig sei, dass sein Betrieb wettbewerbsfähig und der Kunde bei der Stange bleiben – auch wenn es bald ein paar Cent teurer werden wird. Es geht jetzt auch um die Wurst.


 

Blaulicht-Ticker

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