Kampf gegen eine Moral des Schweigens

Artikel vom 06.06.2022

Axel Pries

„Das hat mich bis in den Schlaf verfolgt“: Iris Hellmich mit dem von ihr herausgegebenen Buch. Bild: Axel Pries

Die Hinteraner Autorin Iris Hellmich brachte ein Buch über den KZ-Arzt Dr. Siegfried Ruff und dessen Widersacher Dr. Alfred Jahn heraus. Eine Chronik der Unmoral.

Es geht um Menschenversuche und Folter während des NS-Regimes, aber vielmehr noch um den Umgang mit den Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele der Folterer konnten nämlich neue Karrieren starten, weil sich kaum jemand fand, der sie zur Rechenschaft zielen wollte.

Einer, der dieses Wegschauen in Wirtschaftswunderzeiten nicht hinnehmen wollte, war der Kinderchirurg Dr. Alfred Jahn. Seine Auseinandersetzung mit den Taten des früheren KZ-Arztes und späteren Universitätsprofessors Dr. Siegfried Ruff hat die Hinteranerin Iris Hellmich nun in einem Buch zusammengetragen: „Vom KZ Dachau nach Bonn“ heißt das Werk, das sie als „Chronik eines Skandals in den 1960er Jahren“ versteht.

Hilfswerk für Kinder

Dr. Alfred Jahn war viele Jahre lang Chefarzt der Kinderchirurgie am Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut und baute nebenbei in Ruanda nach dem Genozid 1994 ein Hilfswerk für Straßenkinder auf. Einigen ermöglichte er den Aufenthalt in Deutschland – so auch in Emden, wodurch die Autorin und der Mediziner sich kennenlernten. Iris Hellmich war beeindruckt vom Einsatz des mittlerweile 85-Jährigen: „Er leistet bis heute ganz viel für Kinder.“ Sie unterstützt ihn und sein Hilfswerk in Ruanda bis heute – und dabei erzählte der Arzt auch von den damals medienträchtigen Auseinandersetzungen rund um den Luftfahrmediziner Ruff.

Jahn hatte viel Material über dessen Wirken zur Zeit der Nazis gesammelt, und in der Zeit des ersten Corona-Lockdowns bot die Ostfriesin ihm an, es zu sichten und zu sortieren.

Wochenlange Recherche

Wochenlang vertiefte Iris Hellmich sich in Dokumente: Aufzeichnungen und Fotos aus dem KZ Dachau und Zeugenaussagen aus den Nachkriegsjahren, die detailliert darlegen, wie der Mediziner Siegfried Ruff mit Hilfe von Unterdruckkammern an Gefangenen testete, wie menschliche Körper in großen Höhen und bei extremer Kälte reagieren – deren Tod in Kauf nehmend. „Es war schrecklich. Das hat mich bis in den Schlaf verfolgt“, erzählt Iris Hellmich. Sie konnte auch die Korrespondenz nachvollziehen, die Dr. Jahn führte, nachdem die Menschenversuche in den 60er Jahren ruchbar geworden waren.

Dafür hatte der damals noch junge Arzt Dr. Jahn gesorgt, nachdem ihm aufgefallen war, wie der angesehene Professor Ruff im Nazi-Reich zu seinen Erkenntnissen gekommen war. „Dr. Jahn hat so viel gar nicht gemacht. Er hat nur erzählt, wie es war“, erklärt die Autorin, wie die Debatte begann. Aber er blieb standhaft bei seiner Kritik, obwohl Kollegen ihn attackierten. Dann griffen Zeitungen das Thema auf, und der Gescholtene musste sich erklären.

Prozess der Erkenntnis

Diesen Prozess der Erkenntnis gibt das Werk wieder, dass Iris Hellmich nach der Sichtung des Materials anfertigen ließ. „Bei der Arbeit hatte mein journalistisches Hirn angefangen zu arbeiten“, erklärt sie. Sie arbeitete die Dokumente auf, dass sie verständlich lesbar wurden, stellte sie thematisch zusammen und brachte das Ganze in einem Buch heraus – begleitet von illustren Geleitworten.

Auch Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff beteiligte sich mit einem Grußwort, in dem er feststellt: „Der Umgang mit der eigenen Schuld und Verantwortung ist ein langwieriger Prozess.“ Derzeit werde der demokratische Rechtsstaat immer wieder angegriffen, meint Kruithoff und erklärt: „Es ist unsere Pflicht, das nicht schweigend und tatenlos hinzunehmen.“

Iris Hellmich hat kein schnelles Lesebuch mit Schauderfaktor herausgegeben, aber eines, das mit seinen vielen authentischen Aussagen schmerzvolle Einblicke in eine böse Zeit bietet. Oder wie die Autorin selbst sagt: „Ich möchte das Mosaik der Geschichte vervollständigen.“

ERHÄLTLICH BEI DER EZ

Das Buch über Dr. Alfred Jahn wurde in Emden in der Druckerei Bretzler hergestellt und hat die ISBN-Nr. 978-3-00-068794-5. Es ist auch in der Geschäftsstelle der Emder Zeitung erhältlich. Der Erlös geht an die Kinderhilfsprojekte von Dr. Jahn, der auch im deutschen Ruhestand mit 85 Jahren in Ruanda immer noch medizinisch aktiv ist.

Die 65-jährige Iris Hellmich lebt in Hinte und hat bei der Emder Zeitung volontiert. Sie hat mehrere Bücher mit Emder Themen herausgegeben – und ist Verfasserin der EZ-Serie „Emder erzählen“.


 

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