„Menschen sitzend weinend in den Beratungsstellen“

Artikel vom 01.12.2021

Jens Voitel

Nicht nur das Geld wird in der Pandemie knapper, auch andere soziale und psychische Probleme nehmen zu. Bild: Symbolbild (Pixabay)

Die Caritas Ostfriesland schlägt Alarm: Alle reden übers Impfen und Testen, aber auch die sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie sind dramatisch

Corona hat die soziale und psychische Situation der Menschen in Ostfriesland dramatisch verschärft. Ein Indikator für die wachsende Not: Allein in den Beratungsstellen der Caritas in Emden, Aurich, Leer und Wittmund ist die Zahl der Hilfesuchenden seit Beginn der Pandemie dramatisch angestiegen. Die Berater stoßen inzwischen an ihre Grenzen, doch der Bedarf wächst weiter. Darauf hat die Geschäftsführerin der Caritas Ostfriesland, Stefanie Holle, in einem Gespräch mit dieser Zeitung hingewiesen. Sie wünscht sich, dass das Augenmerk nicht allein auf die medizinischen Folgen der Pandemie gelegt wird, sondern auch auf die sozialen. „Die Folgen werdend uns noch sehr lange beschäftigten.“

Verstärkt auch psychische Probleme

Die ausgebildeten Experten in der allgemeinen sozialen Beratung der Caritas müssen sich nicht nur mit der finanziellen Not vieler Menschen, sondern auch immer wieder und verstärkt mit deren psychischen Probleme befassen. Dabei spielt zunehmend auch die häusliche Gewalt in den Familien eine große Rolle. Geholfen werden muss aber auch bei Anträgen für die Behörden oder bei ganz individuellen Schwierigkeiten, die durch Corona noch verstärkt worden sind.

„In unseren Beratungsstellen sitzen immer wieder weinende Menschen“, berichtete Stefanie Holle. Eine enorme Belastung auch für die insgesamt sieben Berater der kirchlichen Wohlfahrtseinrichtung. „In den persönlichen Gesprächen versuchen die Kollegen, die ganz praktischen Probleme im Umgang mit amtlichen Formularen zu lösen, in Gesprächen mit den Betroffenen den Druck etwas zu mildern oder aber die nächsten notwendigen Schritte einzuleiten.“ Bei Gewalt in der Familie oder gegen Frauen ist das besonders herausfordernd. „Wir haben dennoch das Gefühl, etwas bewegen zu können“, sagt die Caritas-Chefin. „Sonst könnten wir das auch gar nicht machen.“

Beratungsbedarf steigt jährlich

Bereits im ersten Corona-Jahr 2020 hatten insgesamt 2197 Menschen Hilfe in den vier Beratungsstellen der Caritas Ostfriesland gesucht. Im Vergleich: Vor Corona waren es 2019 noch 1608 gewesen, 2018 lag die Zahl der Hilfesuchenden bei 1145. Und in diesem Jahr sind bereits im ersten Halbjahr wieder 1216 Menschen gezählt worden, die sich wegen teilweise massiver Probleme haben beraten lassen.

„Wir werden also auch in diesem Jahr wieder eine deutliche Steigerung erfahren.“ Ein Ende sei nicht in Sicht. Auch die vermeintliche Entspannung der Corona-Situation im vergangenen Sommer hat sie Lage in den Beratungsstellen nicht besser gemacht.

Die Probleme blieben.

Ein weiterer Indikator für die in Corona-Zeiten ansteigenden Armut in der Stadt ist auch die „Emder Tafel“. Sie arbeitet unter den gängigen Hygieneregeln weiter daran, Bedürftige mit zusätzlichen Lebensmittel zu versorgen. Und auch hier, so Stefanie Holle, nimmt die Zahl der hilfesuchenden Menschen nicht ab: „Im Gegenteil, es werden immer mehr.“

DIE TAFEL

Die Emder Tafel wird am kommenden Samstag wieder eine gemeinsame Lebensmittelsammelaktion mit dem Discounter Multi durch führen.

In der Zeit von 10 bis 16 Uhr können Spender Lebensmittel aus ihrem Einkauf an die Ehrenamtlichen der Emder Tafel weitergeben. Multi verdoppelt am Ende das Gewicht der Spenden aus dem eigenen Bestand. Gefragt sind länger haltbare Lebensmittel sowie Hygieneartikel.

Über 3000 Bedürftige nutzen derzeit das Angebot der Emder Tafel, um mit Lebensmitteln und Hygieneartikel ihr mageres Einkommen zu entlasten. Die Bedürftigen müssen das mit einem Berechtigungsschein belegen.

Wer die Tafel finanziell unterstützen möchte, kann dies über das Spendenkonto bei der Volksbank Emden: IBAN: DE 23 2859 0075 1005 5550 00 Stichwort „Emder Tafel” tun.


 

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