„So viele Kinder können Unterstützung gebrauchen“

Artikel vom 08.12.2021

Axel Milkert

Seit über 20 Jahren als Pflegeeltern aktiv sind Ralf (links) und Ute Ackmann (2.v.r.). Mit auf dem Sofa ihre Pflegekinder Mike, Ronja, ein Baby (die Namensnennung war nicht erwünscht) und Sofia. Bild: Norbert Schnorrenberg

Ute Ackmann ist schon seit über 20 Jahren Pflegemutter. Niko Schäfer ist erst seit Kurzem dabei – fast schon wörtlich „wie die Jungfrau zum Kinde“. Warum wird man Pflegemutter oder Pflegevater?
Die Familien von Ute Ackmann (54, Krankenschwester) aus Hinte und Niko Schäfer (35, Erzieher) aus Emden geben Kindern ein Zuhause auf Zeit. Dabei handelt es sich um Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihren Herkunftsfamilien bleiben können. Pflegeeltern zu sein, ist keine Aufgabe, für die man sich aus dem Bauch heraus entscheidet. Ein Kind (oder mehrere) in Obhut zu nehmen - vorübergehend oder auf Dauer - , ist mit vielen Fragen behaftet.

Frage: Wie sind Sie Pflegeeltern geworden?

Ute Ackmann: Wir machen das seit mittlerweile 22 Jahren. Mein Mann und ich waren kinderlos und hatten deshalb über ein Pflegekind nachgedacht. Dann bekam ich doch mein erstes leibliches Kind. Dann haben wir uns erst einmal eine Basis geschaffen, ein Eigenheim gebaut. Als unser Sohn sechs Jahre alt war, bekamen wir unser erstes Pflegekind, der Junge war zwölf Jahre alt. Das war anfangs nicht ganz einfach.

Frage: Sie haben es trotzdem gemacht. Warum?

Ackmann: Weil es so viele Kinder auf diesem Planeten gibt, die unsere Unterstützung gebrauchen können. Inzwischen haben wir 17 Kinder in unserer Obhut gehabt. Zurzeit sind es drei in Dauerpflege und eins in Bereitschaftspflege.

Frage: Herr Schäfer, wie war das bei Ihnen?

Niko Schäfer: Wir waren kinderlos und haben uns beworben. Eigentlich würden wir auch ältere Kinder nehmen, aber seit Februar haben wir nun einen Säugling, unser erstes Pflegekind. Als er zu uns kam, war er gerade vier Tage alt. Zuerst war das als Bereitschaftspflege gedacht, inzwischen ist es eine Dauerpflege geworden.

Frage: Das Baby kam also ganz plötzlich in Ihre Familie.

Schäfer: Ja, so ist das gewesen. An einem Nachmittag um halb fünf kam der Anruf, wir möchten uns für den folgenden Tag bereit halten. Wir haben das Kind aus dem Krankenhaus abgeholt.

Frage: Wie haben Sie so schnell die notwendigen Dinge wie Kleidung und Bett besorgt? Sie waren auf einen Säugling ja nicht eingestellt.

Schäfer: Wir haben die nötigsten Sachen auf die Schnelle gekauft. Allerdings haben wir auch liebe Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunde, die uns unterstützt und Sachen geliehen haben. Zudem hat mir mein Arbeitgeber die Möglichkeit gegeben, meine Termine an diesem Tag zu verschieben.?

Frage: Frau Ackmann, wird bei so vielen Pflegekindern nicht auch im Dorf geredet?

Ackmann: Natürlich wird man als Familie viel öffentlicher. Und es gibt tatsächlich Menschen, die meinen, wir täten das nur wegen des Geldes. Viele sehen nur das Kind, aber nicht das, was es mitbringt. Die Leute reden übrigens immer noch so.

Schäfer: Wir haben im Vorfeld mit unseren engsten Bekannten und Nachbarn gesprochen und von allen Seiten nur Positives gehört.

Ackmann: Natürlich ist am Anfang alles super, das haben wir auch so erlebt. Aber im Laufe der Zeit muss man sich dann doch ein dickes Fell zulegen.

Frage: Frau Ackmann, haben Sie noch Kontakt zu früheren Pflegekindern?

Ackmann: Die meisten von ihnen sehen wir auch später immer mal wieder. Oder wir hören von ihnen. Ein ehemaliges Pflegekind ist heute 27. Wir haben immer noch telefonischen Kontakt.

Frage: Was empfehlen Sie Menschen, die sich mit dem Gedanken tragen, Pflegeeltern zu werden? Was ist besonders wichtig?

Ackmann: Flexibel muss man auf jeden Fall sein. Wer ein Pflegekind aufnimmt, sollte sich einlassen auf das, was kommt. Und, ganz wichtig: Sich niemals unter Druck setzen, sondern entspannt und sicher in sich selbst bleiben.

Schäfer: Ein Kind benötigt Bindung und Liebe. Und wir als Pflegeeltern haben uns ja entschieden, ein Stück Liebe abzugeben. Das funktioniert, wenn wir das Kind so annehmen, wie es ist. Wenn man offen ist, wächst man in die Vater- oder Mutterrolle schnell hinein.


 

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