„Sobald eine Frau pfeift, heißt es oftmals oh Gott“

Artikel vom 14.09.2022

Carmen Böhling

Ilka Redenius hat den Schiedsrichterlehrgang im vergangenen Jahr erfolgreich bestanden. Die 27-Jährige engagiert sich schon lange ehrenamtlich im Fußballbereich. Bild: Cab

Im Interview spricht Ilka Redenius darüber, warum sich Frauen den Respekt in der vermeintlichen Männerbranche noch immer hart erarbeiten müssen und wie ihr ein Schiedsrichterlehrgang geholfen hat.

Sie hat das Fußballspielen in Groß Midlum lieben gelernt. Heute engagiert sich Ilka Redenius nicht nur ehrenamtlich in ihrem Heimatverein, sondern steht auch für die Frauenmannschaft von Rot-Weiss Emden auf dem Platz und trainiert junge Mädchen in der NFV-Kreisauswahl und dem Stützpunkt. Im Oktober bestand Redenius einen Schiedsrichterlehrgang mit Erfolg. Im Interview mit unserer Sportredaktion spricht die 27-Jährige unter anderem darüber, warum sich Frauen den Respekt in der vermeintlichen Männerbranche noch immer hart erarbeiten müssen.

Frage: Ilka, was hat Dich dazu bewegt, den Schiedsrichterschein zu machen?

Ilka Redenius: Meine erste Priorität war die B-Lizenz. Dafür war der Schiedsrichterschein die Voraussetzung. Seit dem Lehrgang nehme ich die Schiedsrichter auf dem Platz auch als Spielerin ganz anders wahr. Vorher habe ich mich ziemlich häufig über die Schiedsrichter aufgeregt, jetzt sehe ich das aus einer ganz anderen Perspektive. Ich habe viel mehr Verständnis für die Entscheidungen der Unparteiischen. Wir haben in Ostfriesland einen großen Schiedsrichtermangel. Mittlerweile kann man ja froh sein, wenn sich da überhaupt jemand freiwillig hinstellt.

Frage: Hast Du denn schon ein Spiel geleitet?

Ilka Redenius: Für ein Herrenspiel habe ich aktuell leider gar keine Zeit. Aber ich trainiere beim NFV die Kreisauswahl in Nortmoor und den Stützpunkt in Hesel. Das sind Mädchen im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren. Da greifen wir auch als Schiedsrichter ein. Ich versuche dabei ganz gezielt, den Kindern auch Fairness gegenüber Schiedsrichtern beizubringen. Früher habe ich in Groß Midlum die C- und B-Mädchen trainiert und da mussten wir auch pfeifen.

Frage: Wie siehst Du die Rolle der Frau im Schiedsrichterbereich?

Ilka Redenius: Ich finde tatsächlich, da fehlt der Respekt. Sobald jemand liest, dass eine Frau ein Spiel pfeift, heißt es oftmals ’oh Gott’ – wenn eine Frau ein Frauenspiel pfeift, ist das gar kein Thema. Aber ich habe schon teilweise das Gefühl, dass manche Männermannschaften erstmal schlucken, wenn auf einmal eine Frau auf dem Platz steht. Als Frau muss man sich den Respekt noch intensiver erarbeiten.

Frage: Fehlt Dir persönlich auch der Respekt?

Ilka Redenius: Nein. Als Spielerin muss ich sagen, dass ich noch nie einen Verein wie Rot-Weiss erlebt habe, der so extrem auf seine Damenmannschaft eingeht. Uns wird da wirklich so ein bisschen der Arsch gepudert. Trotzdem finde ich, Fußball ist einfach noch immer ein Männersport. Wobei ich sagen muss, die Europameisterschaft war eine gute Werbung für den Frauenfußball.

Frage: Hast Du selbst schon abwertende Kommentare als Frau im Fußballbereich bekommen?

Ilka Redenius: Tatsächlich noch nicht. Gott sei Dank. Aber derjenige hätte auch Gegenwind bekommen, weil ich dann gesagt hätte: Warum soll eine Frau weniger Ahnung vom Fußball haben als ein Mann? Aber ich habe in Groß Midlum bei dem Spiel zwischen Jeddeloh und Kickers Emden einen negativen Kommentar gehört, der sich gegen die Schiedsrichterin auf dem Platz gerichtet hat. Da kam so ein Spruch wie ’Frauen gehören in die Küche’. Sowas geht halt einfach gar nicht – das ist respektlos. Anke Hölscher pfeift Frauen-Bundesliga, die hat es wirklich drauf. ?

Frage: War das auch Thema bei dem Schiedsrichterlehrgang?

Ilka Redenius: Ja. Die Referenten haben uns wirklich Mut gemacht und uns gesagt, dass es auch kein Thema ist, wenn wir eine Fehlentscheidung treffen. Trotzdem muss man ein gewisses Selbstbewusstsein haben. Aber das holt man sich ja irgendwann auf dem Platz – und den Respekt auch.

Frage: Wie genau läuft der Lehrgang eigentlich ab?

Ilka Redenius: Wir hatten in Groß Midlum an fünf Samstagen Präsenztermine, an denen über die Regeln mit qualifizierten Referenten gesprochen wurde. Dann gab es eine Schiedsrichter-App, in der wir die anderen Regeln durcharbeiten mussten und in der wir uns viele Lehrvideos angeguckt haben. Die Prüfung an sich war gar kein Problem. Wir mussten insgesamt 30 Multiple-Choice-Fragen innerhalb von eineinhalb Stunden beantworten. Noch am selben Abend haben wir Bescheid bekommen, ob wir bestanden haben oder nicht.

Frage: FT Groß Midlum legt besonders großen Wert auf die Ausbildung von Schiedsrichtern. Mittlerweile stellt euer Verein neun Unparteiische, die aktiv pfeifen...

Ilka Redenius: In Groß Midlum boomt die Schiedsrichtersparte. Wir haben aktuell wieder zwei Schiedsrichter beim Lehrgang sitzen. Jeder bekommt von Groß Midlum große Unterstützung. Die Schiedsrichter werden mit Trikots, Karten, Trainingsanzügen und vielem mehr ausgestattet. Im Sommer hat der Verein als Dankeschön ein Schiedsrichterfest veranstaltet. Im Winter bekommen sie die Weihnachtsfeier bezahlt.

Frage: Sucht der Verein auch weiterhin Schiedsrichter?

Ilka Redenius: Auf jeden Fall. Jeder der Bock darauf hat, kann sich gerne bei uns melden. Der Verein ist immer offen, gerade für junge Leute. Der Schiedsrichterschein liest sich auch gut in einem Bewerbungsverfahren. Außerdem trägt das Leiten von Fußballspielen zur Stärkung der Persönlichkeit bei.


 

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