Von 0 auf 100 und trotzdem Ruhe bewahren

von Inga Mennen

Das Team im Krankenhaus Wittmund (alle doppelt geimpft, deshalb darf es so stehen) kümmert sich bei Einsätzen um das Wohl der Patienten am Einsatzort: Die Notärzte Roman Wenzel, Dr. Hagen Behnke, Steffen Freidel, Ulf Jacofsky, Dr. Judith Gallmann, Daniela Hecht, Dr. Andreas Stehr und Notfallsanitäterin Sandra Ripken-Krey (v.l.). BILD: Inga Mennen

Mediziner müssen abgehärtet sein – Die Notfallmedizin ist eine Domäne der Anästhesisten

WITTMUND. Wenn man sich mit dem Hammer auf den Finger geschlagen hat, kommt der Notarzt nun nicht gerade raus. Aber ein unglücklicher Sturz von der Leiter aus drei Metern Höhe ist schon Anlass, dass der Mediziner mit Zusatzausbildung sowie der Rettungswagen mit Notfallsanitätern vor Ort sind.

Das Wittmunder Krankenhaus hat zwölf Notärztinnen und Notärzte, die täglich von 7.30 bis 15.30 Uhr jederzeit auf dem Wagen sitzen können. Nun müssen sich die Bürger aber auch nicht sorgen, wenn ihnen nachts etwas zustößt – in den übrigen Zeiträumen wird das Notarztteam des Krankenhauses von externen Notärzten unterstützt. „Diese Kollegen kommen häufig aus dem Umfeld wie Westerstede oder Oldenburg. Manche sind auch als niedergelassene Ärzte in der Region tätig“, erklärt Dr. Hagen Behnke, Chefarzt der Anästhesie, Intensiv- und Schmerzmedizin und Notfallmedizin im Krankenhaus Wittmund.

Der Notarzt stellt immer die erste Diagnose

Über eine Börse werden die Stellen ausgeschrieben, oft sind es aber auch Ärzte, die durch Mundpropaganda ins Krankenhaus Wittmund und so auf den Notarztwagen kommen. Auch Hagen Behnke ist lange rausgefahren und kennt die Arbeit am Patienten vor Ort, die immer anders ist und dem Arzt vieles abverlangt. „Oft sind es die Anästhesisten und Intensivmediziner, die die Zusatzausbildung Notfallmedizin haben. Für uns ist das Feld der Überwachung und Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen das tägliche Brot“, erklärt der 58-Jährige.

Der Notarzt stellt immer vor Ort die erste Diagnose – eine Aufgabe, die über Leben und Tod entscheiden kann. Entsprechend hoch ist bei den Einsatzkräften somit auch die psychische Belastung. Als Behnke seine Zusatzausbildung 1994 ablegte, wurde noch kein gesondertes Augenmerk auf den psychologischen Aspekt gelegt. „Damals traf man sich nach dem Einsatz und sprach gemeinsam darüber, das war viel wert“, sagt der Mediziner. Heute bleibe dafür kaum Zeit.

Den Luxus, so Behnke, dass der diensthabende Notarzt tagsüber in seinem Kämmerlein sitzt und darauf wartet, dass er gerufen wird, den habe man nicht. „Die Ärzte verrichten tagsüber ihren Dienst wie sonst auch, mit dem Unterschied, dass sie keine Aufgaben übernehmen wie zum Beispiel die Anästhesie bei einer Operation, bei denen sie länger zeitlich gebunden sind“, sagt Dr. Behnke. Denn innerhalb von einer Minute müssen die Mediziner auf dem Wagen sitzen.

Dem Notarzt obliegt es zu entscheiden, in welches Krankenhaus ein Patient eingeliefert wird. Früher wurde häufig das nächstgelegene Krankenhaus angefahren. Heute, durch die umfassende Ausbildung aller im Rettungsdienst Tätigen und die hoch spezialisierte technische Ausrüstung der Einsatzfahrzeuge, wird der Patient in die für ihn am besten geeignete Klinik eingeliefert – auch wenn dies manchmal einen längeren Anfahrtsweg bedeutet. Der Notarzt geht beim Eintreffen immer nach einem ABC-Muster vor. Er wird als erstes die Atemwege, die Atmung, den Kreislauf, den neurologischen Status und Erkrankungen prüfen. Dabei bildet er ein Team mit den Notfallsanitätern auf dem Rettungswagen.

Auch hier wurden in den vergangenen Jahren viele sogenannte Notfalldosen verteilt. In ihnen befindet sich eine Notiz, auf der Vorerkrankungen und Medikamente eingetragen werden können. „Ich gehe ja nun nicht gerade am Einsatzort direkt zum Kühlschrank“, sagt Hagen Behnke mit einem Augenzwinkern. Dort bewahren zwar viele Menschen ihre Notfalldosen auf, aber, so der Arzt, es würde den Einsatzkräften helfen, am Eingangstürrahmen eine Information anzubringen, wo die Dose zu finden ist. Ähnlich ist es übrigens auch mit der Patientenverfügung.

„Jede Sekunde zählt für uns. Dabei sind wir schnell von 0 auf 100, müssen aber immer die Ruhe und die nötige Distanz bewahren“, sagt Dr. Behnke. Es komme nicht darauf an, sofort beim Patienten die Top-Diagnose zu stellen, sondern ihn zu stabilisieren und zur weiteren Therapie in eine für ihn passende Klinik zu bringen. „Schmerzen im Brustbereich, das kann viel bedeuten. Manchmal entscheiden auch unser Bauchgefühl und die Erfahrung“, sagt der 58-jährige Arzt.

Körperlich wird oft viel abverlangt

Im Landkreis Wittmund gibt es einen Notarztwagen und einen diensthabenden Mediziner. Die administrativen Aufgaben für den Rettungsdienst im Kreis übernimmt übrigens Dr. Renate Hennig aus Esens. Die Anfahrtswege können hier in der Fläche schon mal lang werden, wenn der Notarzt zum Beispiel aus Wittmund bis Westerholt fahren muss.

„Deshalb ist es wichtig, die Rettungsdienste flächendeckend aufgestellt zu haben, die müssen schnell vor Ort sein“, erklärt Hagen Behnke. Gerade in einer Region, in die viele Touristen kommen, kann in den Ferienmonaten der Notarzt über das übliche Maß hinaus im Einsatz sein. Ob der Notarztwagen mit zum Notfall alarmiert wird, darüber entscheidet in Wittmund der Disponent der Leitstelle, nachdem er den Notruf entgegengenommen hat. Neben den psychischen sind für die Notärzte auch körperliche Belastungen nicht selten der Fall. „Ich bin jetzt zu alt, als dass ich noch als Notarzt fahre und durch Gräben robbe und über Zäune turne“, sagt Dr. Hagen Behnke lachend und überlässt das Feld lieber seinen jüngeren Kollegen. Er weiß: Bei jedem Einsatz steht die Sicherheit für alle Beteiligten an erster Stelle. Dies bedeutet gerade in komplexen Lagen wie Verkehrsunfällen oder Bränden, dass sich der Notarzt zum Beispiel mit den Einsatzkräften der Feuerwehr über das gemeinsame Vorgehen abspricht. Der Notarzt steht somit täglich vor neuen und nicht berechenbaren Aufgaben.


 

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