Wie Auricher die Nazi-Zeit in ihrer Stadt erlebten

Artikel vom 08.02.2024

Günther Meyer

Lieferten einen Einblick in die Zeit des Dritten Reiches und die Nachkriegszeit, wie sie die Auricher erlebt haben: die Schüler der Berufsbildenden Schulen. Bild: ggm

Schüler aus Aurich arbeiten in der Nazi-Zeit verübte Gräueltaten auf. Wie sie dabei einen Eindruck erhalten zu politischen Entwicklungen in der Gegenwart. 

Aurich - Es ist ein spannender wie beklemmender Blick in Zeit des Dritten Reiches bis in die Nachkriegszeit hinein: Schüler der Berufsbildenden Schulen (BBS II) haben sich intensiv mit dem Nationalsozialismus in Aurich beschäftigt. Begleitet wurden sie von ihren Lehrern, dem Europahaus Aurich und dem Historischen Museum. Die Ergebnisse haben sie am Montag vor großem Publikum im Europahaus vorgestellt. Die Landtagsabgeordnete und Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landtags, Meta Janssen-Kucz (Grüne), betonte in ihrem Grußwort die hohe Bedeutung solcher Forschungen vor Ort. „Die Gräueltaten fanden nicht nur in Berlin oder den Ballungszentren statt“, sagte sie.

Hetze gegen Nachbarn und Freunde

Die Menschen, die damals plötzlich von Aurichern stigmatisiert, ausgegrenzt und schließlich in die Todeslager deportiert wurden, seien zuvor ihre Nachbarn und Freunde gewesen. „Hass und Hetze übernahmen das Regiment, nur wenige zeigten Zivilcourage. Hass war das Mittel, um Zukunftsängsten etwas entgegen zu setzen. Das haben wir heute auch wieder“, sagte Janssen-Kucz.

Niemand könne sich heute in jene hineinversetzen, räumte sie ein. „Es war eine unvorstellbare Zeit, in der Menschen starben, sechs Millionen ließen ihr Leben im KZ, 7000 wurden am Ende befreit.“ Heute gehe erneut wieder viel an Vertrauen verloren. Während der Emder Mahnwache gegen Rechts habe ein 90-jähriger Mann ihr erklärt, er habe keine Angst vor der AfD, sondern vielmehr vor den Nachbarn, die er nicht einschätzen könne, zu was sie letztlich fähig seien.

„Es gibt Momente, die machen mir Angst“

Offen werde inzwischen darüber gesprochen, den Parteienstaat abzuschaffen, die Grundrechte der Menschen seien in Gefahr. „Ich erlebe es im Landtag“, sagte die Vize-Präsidentin, denn in manchen Reden sei die Sprache der Abgeordneten wieder an einer bedenklichen „Grenze“ angelangt, die nicht überschritten werden dürfe. 2017 war die AfD in den Niedersächsischen Landtag eingezogen. „Wir leben in einer Demokratie, aber es ist schwierig, damit im Parlament umzugehen“, hält Janssen-Kucz manche Wortwahl für bedenklich. Die Anfänge, die zu einem Abdriften nach Rechts führen könnten, sieht sie schon vor Jahren gelegt, aber niemand habe die Signale wahrhaben wollen. Es gebe Momente und gar Morddrohungen, die ihr Angst machen würden. „Aber Angst darf nicht zur Lähmung führen“, betonte Janssen-Kucz.

„Aus der Geschichte lernen“

Aurichs Landrat Olaf Meinen (parteilos) erklärte, die Recherchen der Auricher BBS-Schüler könnten vor dem Hintergrund der politischen Situtation aktueller nicht sein. Auf der Demo gegen Rechts in Aurich seien 3000 Menschen auf die Straße gegangen. „Es gab Gänsehaut. Wie leben wieder in Krisenzeiten“, nannte Meinen vier Jahre Corona, die Kriege in der Ukraine und Nahen Osten. „Und es sind Leute unterwegs, die mit einfachen Worten meinen, sie könnten Antworten geben“, sprach der Landrat Bundestagsdebatten an, in denen wieder von Re-Migration und Arbeitslagern die Rede sei. In den sozialen Medien werde „einem Angst und Bange“ vor Menschen, die auf den ersten Blick den Eindruck machten, sie seien eigentlich „ganz akkurat unterwegs“. Für Landrat Meinen war das Anlass für eine Mahnung: „1933 fing es auch mit Worten an. Wir können nur aus der Geschichte lernen“, rief er den Schülern der BBS und dem Publikum im Europahaus zu. „Tragt es weiter!“

Die Kooperation von Europahaus, BBS und Historischem Museum will die Schüler hier begleiten. „Selbst zu recherchieren, was hier in Aurich in der Zeit des NS geschah, führt uns vor Augen, dass Rassismus und Antisemitismus nicht weit weg passierten, sondern auch sehr konkret hier vor Ort. Die Schüler haben dies in beeindruckender Weise aufgearbeitet“, so Gesine Agena.

Das Projekt

Begleitet durch Lehrkräfte sowie Mitarbeiter des Historischen Museums und des Europahauses haben Schüler der Berufsbildenden Schulen II (BBS) zu verschiedenen ostfriesischen Präsentationen zu Persönlichkeiten erarbeitet, die während der Zeit des Nationalsozialismus eine besondere Rolle in Aurich spielten. Dazu zählen etwa Margarete Cramer (1885-1950), die das Unternehmen Silomon führte, der ehemalige und von den Nazis bekämpfte Bürgermeister Karl Anklam (1883-1961) oder die jüdische Shoa-Überlebende Laura Hillman, geb. Hannelore Wolff (1923-2020) oder der Gymnasiallehrer Friedrich von Senden (1890-1969), der gegen Kriegsende Aurich vor der Bombardierung der Alliierten bewahrte. Auch die Erlebnisse der Krankenpflegerin und Flüchtlingshelferin Maria Rodenhauser (1892-1962) wurden vorgestellt.

Recherchen Die Schüler recherchierten auch zu verschiedenen Orten in Aurich, die eine besondere Bedeutung im Nationalsozialismus hatten, etwa die Lambertikirche und die Rolle der Kirche oder der Sportplatz am Ellernfeld, auf dem jüdische Männer aus Aurich in der Progromnacht 1938 gequält wurden. Die Ergebnisse ihrer Recherchen haben die Schüler im Europahaus Aurich vorgestellt. Besucht wurden gemeinsam das Ellernfeld sowie die Lambertikirche. Aber auch Spielzeug im Dritten Reich und später im Wirtschaftswunder wurden vorgestellt. Oder der Werdegang des MTV Aurich während der Nazizeit.

Die Kooperation will erreichen, dass sich junge Menschen gerade heute intensiv mit den Auswirkungen von Antisemitismus und Rassismus beschäftigen. Denn die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und den Verbrechen des Nationalsozialismus führt nach Meinung der Organisatoren auch zu einem Nachdenken über heutige rechtsextreme Entwicklungen in der Gesellschaft.


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