Jade & Wesermarsch

Genug Geld für höheren Deich ist vorhanden

geschrieben von Michael Tietz

Klare Botschaft: Die Menschen am Jadebusen erwarten, dass es schneller geht mit der Deicherhöhung. Dieser Forderung wurde am Samstag mit Transparenten und Trillerpfeifen Nachdruck verliehen. Foto: Michael Tietz

Kundgebung in Schweiburg: Erhöhung soll schneller kommen – Zu wenig Planungskapazität beim NLWKN



Schweiburg.
Es war eine beachtliche Resonanz angesichts der Tatsache, dass zeitgleich das EM-Spiel zwischen Deutschland und Portugal angepfiffen wurde: Weit mehr als 100 Menschen fanden sich am frühen Samstagabend auf dem Deich bei Schweiburg ein, um der Forderung nach beschleunigter Planung für die Deicherhöhung Nachdruck zu verleihen.


Bürgermeister Henning Kaars hatte die Kundgebung organisiert und dazu Vertreter aus Behörden und Parlamenten über alle Parteigrenzen hinweg einbestellt. Und – die bevorstehenden Wahltermine mögen hier ein motivierendes Element gewesen sein – sie kamen alle: Umweltminister Olaf Lies, die Abgeordneten Karin Logemann, Horst Kortlang und Dragos Pancescu (Landtag), Landrat Thomas Brückmann und seine Nachfolge-Kandidaten Dr. Frank Ahlhorn und Stephan Siefken, die Abgeordnete Susanne Mittag (Bundestag, SPD) und Kandidat Philipp Albrecht (CDU) sowie Burchard Wulff als Vorsteher des II. Oldenburgischen Deichbandes – sowie dessen Vorgänger Leenert Cornelius, der vor mehr als 15 Jahren die Deichertüchtigung im Abschnitt von Hobenbrake bis Schweiburg vorangetrieben hatte.




Nach der Erneuerung des Jade-Wapeler Siels, die sich bereits über fünf Jahre hingezogen hatte, muss als nächstes der Deichabschnitt zwischen Schweiburg und Wapelersiel erhöht werden, schließlich auch der weiter bis nach Dangast. Dass der Deich hier am südwestlichen Jadebusen zu niedrig ist, das wissen die Fachleute schon seit mehr als zehn Jahren. Aber ein Baubeginn ist nicht in Sicht, vor 2026 wird nach gegenwärtigem Stand kein Bagger an den Deich rollen.


Um mindestens einen Meter muss der Deich erhöht werden, eher sind es 1,5 Meter – je nachdem, wieviel „Klimazuschlag“ mit Blick auf den steigenden Meereszuschlag am Ende berücksichtigt werden muss. Denn der Klimawandel und seine Folgen sorgen für steigende Anforderungen an den Küstenschutz, und am Ende auch für Unwägbarkeiten.


Eine durchaus überraschende Information brachte Minister Olaf Lies mit: Es liegt nicht an fehlendem Geld. Finanziert sei das Vorhaben, wie immer aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe Küstenschutz, für die Bund und Land gemeinsam einstehen. Vielmehr sind die Kapazitäten der für Planung und Ausführung zuständigen Behörde, des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) nicht ausreichend. Es gibt schlicht zu wenig Fachleute, zugleich sei es schwierig bis unmöglich, Personal für ein konkretes Projekt auf Zeit einzustellen. „Aber wir brauchen dem Sturm eines Tages nicht zu erklären, dass wir noch nicht soweit sind“, betonte Olaf Lies, der selbst in Sande quasi nur einen Steinwurf vom Deich des Jadebusens entfernt lebt. Deichbandsvorsteher Burchard Wulff wies auf die Probleme bei der Beschaffung von Bodenmaterial, sprich von Klei für den Deich, hin: Aspekte des Naturschutzes gelte es hier mit denen des Küstenschutzes abzugleichen. Wulff wies auf eine Kleipütte hin, die seeseits direkt am Ort der Kundgebung bei Schweiburg noch zu erkennen sei: „Die ist längst wieder zu und das zeigt doch, dass es funktioniert.“ Ein ähnliches Beispiel sei der renaturierte Langwarder Groden in Butjadingen.


Für vier Kilometer zu ertüchtigenden Deich sei eine Planungszeit von zehn Jahren und eine Bauzeit von sieben Jahren veranschlagt worden, betonte der Deichbandvorsteher. „Wenn wir insgesamt 140 Kilometer machen müssen, kann man sich ausrechnen, wie lange das dauern würde.“


Umweltminister Lies, dem der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz qua Amt unterstellt ist, zeigte Verständnis für den Verdruss der Menschen vor Ort: „Wir sind uns auch alle einig, dass es schneller gehen muss.“ Wie das aber konkret veranlasst werden kann, dazu gab es vorerst keine verbindlichen Auskünfte. Landrat Thomas Brückmann unterstrich, dass der Landkreis als Untere Deich- sowie Baugenehmigungsbehörde ebenfalls an kurzen Wegen interessiert sei: „Aber wir können nur soweit agieren, wie der gesetzliche Rahmen das zulässt.“


Gastgeber Henning Kaars zeigte sich nach der Veranstaltung zufrieden: „Wir haben immer ein deutliches Zeichen gesetzt, so der Bürgermeister(kandidat). „Und wenn das Problem eine Unterbesetzung bei den zuständigen Behörden ist, dann kann man das doch beheben“, bilanzierte Kaars. Auch die Notwendigkeit erneuter Gutachten müsse hinterfragt werden dürfen, die Rahmenbedingungen seien doch hinlänglich bekannt. „Immerhin soll im Ministerium nun ein konkreter Zeitplan entwickelt werden“, das sei eine Zusage von Olaf Lies. Dann, so die Hoffnung, wisse man demnächst, woran man sei, was den Zeitrahmen für die Deicherhöhung betrifft. Wirklich zufrieden – daraus machten auch die Teilnehmer der Kundgebung am Samstag keinen Hehl – ist man aber erst, wenn die Bagger da sind.

(26. Juni 2021)

 

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