Friesland

„Maßnahmen weder logisch noch notwendig“

geschrieben von Michael Tietz

Unterricht mit halber Besetzung in wechselnden Gruppen: Der Landkreis hatte am Freitag verfügt, dass die Schulen bis Donnerstag wieder in den Schichtbetrieb gehen müssen. Elternvertreter kritisieren das als unverhältnismäßig. Symbolfoto: pixabay.com

Scharfe Kritik an Kreis-Verfügung zum Schichtbetrieb an Schulen – Auch Minister hat Zweifel

Friesland.
Heutzutage nennt man sowas wohl einen veritablen Shitstorm: Heftigen Gegenwind gab es in den vergangenen Tagen für die Verantwortlichen in der Kreisverwaltung Friesland angesichts der Anweisung an die Schulen im Landkreis, spätestens zum Donnerstag wieder in den Schichtbetrieb zu wechseln. Somit werden nun Klassen und Kurse wieder nur in halber Stärke und abwechselnd unterrichtet. Begründet hatte der Landkreis das mit der gestiegenen Zahl von Corona-Infektionen in der Vorwoche.
Am Freitagnachmittag hatte der Landkreis eine entsprechende Regelung angekündigt, am Samstag wurde die Verfügung veröffentlicht. Die Schulen waren darüber vorab nicht informiert worden. Mit der Verfügung wurde auch der Liga-Betrieb von Freizeit- und Vereinsmannschaften im Landkreis Friesland untersagt, Zusammenkünfte wurden auf höchstens sechs Personen bzw. Personen aus zwei Haushalten begrenzt.


Nach Ansicht vieler Eltern ist man bei der Kreisverwaltung mit der neuerlichen Anordnung der Wechselbeschulung für alle Jahrgänge übers Ziel hinausgeschossen. Elternräte gleich mehrerer Schulen haben sich mit kritischen Stellungnahmen zu Wort gemeldet, zentraler Vorwurf: Es handele sich bei der Entscheidung um einen Schnellschuss, der nicht abgewogen sei und einer nachvollziehbaren Grundlage entbehre.


So berichtet Michael Voss, stellvertretender Vorsitzender des Kreis­elternrats Friesland, in einem Schreiben an das Kultusministerium und an den Landkreis von einer „beträchtlichen Anzahl an Nachfragen besorgter Eltern“ und spricht von einer „prekären Situation“, in die viele berufstätige Eltern nun kommen würden, ganz abgesehen von einer Zusatzbelastung durch den notwendigen Zuhauseunterricht. Gerade erst seien die Familien wieder im „Normalbetrieb“ angekommen, „nun sollen wiederholt die Schüler unter drastischen Einschränkungen und dem Verlust sozialer Kontakte leiden“, heißt es in dem Schreiben.


Zwar habe es auch an Schulen Infektionsfälle gegeben, aber hier seien „folgerichtig partielle Eindämmungs- und Quarantänemaßnahmen getroffen und umgesetzt worden, um den eingeschränkten Regelbetrieb an den Schulen nicht weiter zu gefährden“, schreibt Michael Voss. Alle Hygienemaßnahmen seien an den Schulen vorzüglich umgesetzt worden, hingegen sei die Situation bei der Schülerbeförderung „fragwürdig“; heißt es weiter: „Teilweise werden unterschiedliche Schulformen befördert und somit entsteht ganz automatisch eine Vermischung der Kohorten“, was diese Regelung ad absurdum führe.


Die Eltern seien sehr daran interessiert, dass sich das Virus nicht weiter ausbreite und bereit, angemessene Maßnahmen umzusetzen. Das Schreiben endet mit dem Appell an den Landkreis, den Sachverhalt aufzuklären und mitzuteilen, „warum es unter den gegebenen Umständen zu diesen nicht nachvollziehbaren und drastischen Maßnahmen kommen konnte.“



Aufforderung, Entscheidung zu überdenken

Scharfe Kritik kam auch von Carsten Greiert, Vorsitzender des Schulelternrats der Grundschule Zetel: Er wies insbesondere auf die Situation für Erst- und Fünftklässler hin, die gerade erst damit beginnen würden, sich in der (neuen) Schule zurechtzufinden, einen neuen Lebensabschnitt zu begreifen und neue Freundschaften zu schließen. „Mit der Teilung der Klassen kommt dieser so wichtige soziale Aspekt zum Erliegen. Die Kinder der anderen Klassen sind aktuell dabei, die Versäumnisse aufgrund der Schulschließungen vom Frühjahr aufzuholen – auch hier setzen Sie dem Prozess ein jähes Ende.“ Insbesondere wird auch die Kommunikation des Landkreises als mangelhaft bezeichnet: „die Schulen waren am Freitag nicht informiert, als Sie die ersten Ankündigungen online stellten. Eine schlüssige Begründung für das Szenario B haben Sie ebenfalls nicht geliefert. Die beschlossenen Maßnahmen sind weder logisch, noch dürften sie notwendig sein. Wir fordern Sie deshalb auf, Ihre getroffene Entscheidung zu überdenken“, schließt Carsten Greiert.


Kritisiert wird von den Eltern, dass ein lokales Geschehen im Nordkreis – hier hatten sich offenbar 12 Jugendliche bei einer privaten Feier angesteckt – als Begründung herangezogen wurde, um den Wechsel in das sogenannte Szenario B an allen Schulen im Landkreis zu rechtfertigen. Man könne aus den gemeldeten Fällen „keine Notwendigkeit zur Anwendung des Wechselmodells ableiten und nachvollziehen“, schreibt dazu auch Sascha Bolloff, Elternratsvorsitzender an der Grundschule am Schlossplatz in Varel.
Irritiert zeigten sich die Eltern auch deswegen, weil die Maßnahmen in Friesland im Widerspruch zu letzten Äußerungen aus dem Ministerium und zu Erkenntnissen hinsichtlich des Infektionsrisikos an Schulen stehen würden.





Auf Antrag des Kreisschulelternrats wurde für Donnerstag eine Sondersitzung des Kreisschulausschusses anberaumt. Einziger Tagesordnungspunkt: Hintergrundinformationen und Erläuterungen zu den Auswirkungen der Corona-bedingten Maßnahmen, hier: Allgemeinverfügung vom 25. September.


Die Kreisverwaltung verteidigte die Entscheidung indessen als sehr wohl verhältnismäßig: Angesichts einer neuen Dynamik und einem schnellen und hohen Anstieg der Fälle in der Vorwoche seien Maßnahmen zu ergreifen gewesen, um das Infektionsgeschehen zu verlangsamen und so einen möglichen Lockdown zu verhindern, teilte Kreissprecherin Nicola Karmires mit. „Die Fälle verteilen sich im gesamten Kreisgebiet und eine flächendeckende Ausbreitung wäre so möglich.“ Entscheidend sei zudem nicht allein der Wohnort, sondern auch der Ort des Schulbesuchs – deswegen die Regelung für den gesamten Landkreis.

Ministerium: "Würden Neubewertung begrüßen"
Zweifel hat unterdessen auch das Niedersächsische Kultusministerium geäußert. So teilte ein Sprecher von Minister Grant Hendrik Tonne am Mittwoch mit:
„Wir haben gestern mit dem Landkreis Friesland das Gespräch gesucht und verdeutlicht, dass wir Zweifel daran haben, dass es gut ist, Schüler aus Schulen ohne Infektionsgeschehen vorsorglich nach Hause zu schicken.

Den eingeschränkten Regelbetrieb mit maximalem Präsenzunterricht auch für Kinder und Jugendliche an Schulen ohne Infektionsgeschehen auszusetzen, halten wir als präventive Maßnahme für nicht verhältnismäßig. Maßnahmen, die den Präsenzunterricht einschränken, haben negativen Einfluss auf die Erfüllung des Bildungsauftrages und sind für die betroffenen Familien eine hohe Belastung. Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder haben gestern den Wert geöffneter Schulen deutlich betont.


Wir zweifeln die Zuständigkeit des Landkreises Friesland und die gut gemeinte Zielrichtung der Maßnahme nicht an. Wir begrüßen und unterstützen ausdrücklich, dass der Landkreis und das örtliche Gesundheitsamt an der Eindämmung des Coronavirus arbeiten. Nach allem was wir wissen, sind die Schulen aber nicht ursächlich für Ausbruchgeschehen.


Bei den massiven Auswirkungen und dem nachvollziehbaren Unmut bei den betroffenen Eltern, Schülern und Lehrkräften, würden wir eine Neubewertung und detailliertere Betrachtung begrüßen."


Einwirkungsmöglichkeiten habe das Ministerium allerdings nicht, da Maßnahmen zum Infektionsschutz durch die örtlichen Gesundheitsämter anzuordnen sind. "Unserer Kenntnis nach lässt sich das Gesundheitsministerium vom örtlichen Gesundheitsamt berichten", hieß es dazu aus dem Kultusministerium. Zudem liege offenbar die Klage eines Schülers gegen die Allgemeinverfügung vor.

 

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