Friesland

„Wir arbeiten nicht nur für den Betrieb“

geschrieben von Thorsten Soltau

Am 30. Oktober hat Regine Kniebeler (hier mit Hündin Sunny) in ihrer Salzgrotte die letzten Kunden empfangen. Dann kam der Lockdown, die Eingangstür ist seitdem geschlossen. Von der Politik fühlt sich die selbstständige Unternehmerin im Stich gelassen. Foto: Thorsten Soltau

Bockhorn. Die Salzbetten sind angewärmt, im Hintergrund läuft sanfte Musik, die verdeckten Licht-Spots hinter den Salzpaneelen tauchen den Raum in warmes Licht. Der Boden ist frisch geharkt, die Sitzgelegenheiten ausgerichtet. Obwohl hier seit sechseinhalb Monaten keine Kunden mehr hineindürfen, sorgt Salzgrotten-Betreiberin Regine Kniebeler hier täglich für ein behagliches Ambiente – ganz so, als würde jeden Moment jemand zur Tür hineinkommen und sich eine Auszeit in der Salzgrotte wünschen. „Eine zeitliche Perspektive, wann ich wieder öffnen darf, gibt es für mich und viele andere Bereiche noch nicht“, sagt Regine Kniebeler, „was ich am meisten vermisse, ist das Leben, das hier sonst war, meine Stammkunden und die Gespräche.“

2018 hat sich die Bockhornerin den Wunsch von einer eigenen Salzgrotte erfüllt. Das Angebot wird gut angenommen, heute zählen viele Stammkunden zu den regelmäßigen Besuchern. „Ich habe wirklich wunderbare Kunden“, betont Regine Kniebeler, „selbst jetzt im Lockdown fragen viele telefonisch nach, wie es mir geht und ob ich bald wieder öffnen kann. Viele vermissen es, hierherzukommen. Dieser Zuspruch ist ein schönes Gefühl.“

Nach dem ersten Lockdown durfte die Grotte Ende Juni wieder für Kunden öffnen – „aber es lief sehr schleppend an. Viele Ältere, die zu mir kommen, gehören zur Risikogruppe, da fehlten rund 30 Prozent der Stammkunden.“ Mit den Einnahmen von Juli bis September konnte Regine Kniebeler die Fixkosten begleichen, „privat ist dabei jedoch noch nichts hängengeblieben.“ Im September 2020 lässt sie die neuen Salzbetten bauen, aus Eigenmitteln. „Der Oktober war ein Spitzenmonat, der erste, wo ich für mich privat etwas dazuverdienen konnte. Und dann kam am 30. Oktober der zweite Lockdown.“


Dieses Datum hat die Betreiberin auf der Schiefertafel am Eingang zur Salzgrotte notiert. Wie sonst, wenn Kunden kommen, hat sie dazu die Luftfeuchtigkeit und Temperatur notiert – eine bedeutende Notiz. „Seit sechseinhalb Monaten habe ich geschlossen. Die November-/Dezemberhilfe ist schließlich im Februar ausgezahlt worden. Vieles habe ich bis dato aus eigener Tasche beglichen“, berichtet die Unternehmerin. Mit Jahresbeginn 2021 hat der Bund die sogenannte Überbrückungshilfe III aufgelegt. Unternehmen, die einen Umsatzeinbruch von mindestens 70 Prozent vorweisen, bekommen 90 Prozent der betrieblichen Fixkosten erstattet. Unternehmer können sich zwischen der Neustarthilfe und der Überbrückungshilfe III entscheiden. Regine Kniebeler wägt ab und entscheidet sich für die einmalig mit maximal 7500 Euro geförderte Neustarthilfe. „Das Geld kam zwar zügig, aber mittendrin änderten sich die Bedingungen der Überbrückungshilfe III. Nun waren 100 Prozent Erstattung möglich und es gab Geld über einen Eigenkapitalzuschuss. Wären die Bedingungen von Anfang an so gewesen, hätte ich den Antrag ausgefüllt, weil es wirtschaftlich für mich sinnvoller gewesen wäre.“ Für die Betreiberin gibt es nun noch eine Chance: Mit der Endabrechnung Ende Juni besteht die Möglichkeit, sich erneut zwischen den beiden Unterstützungsangeboten entscheiden zu können.

Was Regine Kniebeler neben der stetigen Neuanpassung ärgert, ist die Berechnung der Hilfen. Denn im Falle der Überbrückungshilfe sind ausschließlich betriebliche Fixkosten gedeckt: „Ich zahle jedoch weiterhin das Darlehen für die Salzgrotte ab, zahle meine privaten Versicherungen. Das ist nicht gedeckt, und die Kosten laufen dennoch weiter auf.“ Eine Zusatzversicherung habe sie bereits auflösen müssen: „Sonst hätte ich hier zumachen können.“ Die Politik dürfe nicht nur den Blick auf die betrieblichen Kosten lenken, sondern müsse auch die private Situation der Selbstständigen im Blick behalten, fordert Regine Kniebeler. „Wir arbeiten nicht, um nur die betrieblichen Ausgaben zu decken, sondern auch, um selbst davon leben zu können“, macht die Betreiberin deutlich.

Sie fühlt sich mittlerweile im Stich gelassen: „Wenn die Politik möchte, dass wir als Unternehmer am Ende der Pandemie noch existieren, dann sollte die Unterstützung anders ausfallen.“

Der Kampf um finanzielle Zuwendung und die Frage, wie es weitergeht, zieht Kraft – das hat auch Regine Kniebeler zu spüren bekommen: „Die ersten zwei Monate im Lockdown fielen mir sehr sehr schwer, ich habe mich eingelesen, an die Bundesregierung geschrieben. Irgendwann habe ich mir gesagt, das bringt dich nicht weiter.“

Mittlerweile hat die Bockhornerin die Zeit für sich genutzt, in sich hineingehorcht. „Der Lockdown hat auch eine positive Seite“, ist die Unternehmerin überzeugt, „denn vieles, was Freude macht und uns auszeichnet, geht im Berufs­alltag unter. Oft bleibt für die eigenen Bedürfnisse dann keine Zeit am Ende des Tages. Ich habe angefangen zu nähen, zu meditieren und bin viel in der Natur und im Garten.“ Die durch die Zwangspause erworbenen Freiräume und der Zuspruch der Kunden sorgen bei Regine Kniebeler für Zuversicht: „Es wird weitergehen, da bin ich mir sicher.“

 

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