Friesland

„Der Wolf hat Respekt, testet aber auch aus“

geschrieben von Thorsten Soltau

Die in Deutschland zunehmende Population des Wolfes sorgt für ambivalente Betrachtungen: Während Weidetierhalter in von Wölfen aufgesuchten Regionen um ihre Tiere fürchten, begrüßen Naturschützer die Erholung des Bestandes des in der Vergangenheit stark bejagten Wildtieres. Foto: pixabay

Bockhorn. Weidetierhalter sehen in ihm eine deutliche Gefahr für die Nutztiere, Naturschützer sehen in ihm eine Population, die nach extensiver Bejagung in Deutschland wieder Fuß fasst: Beim Wolf gehen die Meinungen deutlich auseinander. Landwirte und Weidetierhalter fordern seit Jahren eine Regulierung des Wolfsbestandes und eine vereinfachte Entnahme sogenannter Problemtiere, dem jedoch der Schutzstatus des Wolfes gegenübersteht.

Die wachsende Zahl von Wölfen, die sich auf offenen und bewaldeten Flächen ansiedelt, führt zu einer weiteren Problematik: In ländlich besiedelten Gebieten kreuzen sich dadurch öfters die Wege zwischen Mensch und Wolf. Damit einher geht die Frage: Wie verhalte ich mich, wenn ich dem Wildtier gegenüberstehe und wie nah sollte ein Wolf menschlichen Siedlungen kommen?


Wie sich der Wolf verhält und was im Falle einer Begegnung zu tun ist, war Gegenstand eines Vortrags von Wolfsberater Wilhelm Eden im Ordnungsausschuss der Gemeinde Bockhorn. Der Wolf komme häufiger und vor allem dichter an Siedlungen und Hofstellen heran, auch in der Gemeinde Bockhorn, berichtete Bürgermeister Thorsten Krettek eingangs. Das schüre Ängste und Unsicherheit.

In Niedersachsen leben derzeit 36 Rudel und zwei Einzeltiere, so Wilhelm Eden, man gehe aktuell von rund 400 Wölfen aus, was Jungwölfe miteinberechne. Laut der Roten Liste gefährdeter Arten ist der Wolf keine gefährdete Art, der Bestand des Wolfes wird allein für Europa auf 20.000 Tiere geschätzt. Als geschützte Tierart ist der Wolf jedoch in der Roten Liste Niedersachsens enthalten und hat einen ganzjährigen Schutzstatus. Damit soll der Population ermöglicht werden, sich zu erholen.


Bezüglich des Verhaltens des Wolfes gegenüber Menschen haben Experten eine Einteilung in sieben Stufen vorgenommen.


1. Stufe: Jäger bemerken eine deutliche Unruhe im Wald, das Wild rottet sich zusammen oder verschwindet aus bestimmten Gebieten;

2. Stufe: Wölfe tauchen in weiter Entfernung auf. In dieser Phase komme es oft zu einer unfreiwilligen Anfütterung des Wolfes, so Wilhelm Eden. Achtlos aus dem Fenster geworfene Abfalltüten mit Essensresten locken den Wolf an, der dadurch den Menschen mit Futtergaben verknüpft;

3. Stufe: Der Wolf erkundet nachts Ansiedelungen, läuft auf Geh- und Fahrradwegen. Ab hier erfolgen auch mitunter die ersten Risse von Nutztieren;

4. Stufe: Wie Stufe 3, nur tagsüber;

5. Stufe: Der Wolf kommt dicht heran, bis an das Haus. Vom menschlichen Geruch zeigt er sich unbeeindruckt;

6. Stufe: Der Wolf kommt näher, läuft einher neben Mensch und Hund. Das in dieser Stufe vom Wolf geäußerte Knurren ist dabei eine Aufforderung, erklärte Wilhelm Eden: Entweder herzukommen oder zu gehen;

7. Stufe: Der Wolf bestimmt den Platz des Menschen. Durch seine Distanzlosigkeit bringt er den Menschen dazu, sich zurückzuziehen.


In der Region lasse sich das Verhalten des Wolfes in die fünfte Stufe eingliedern, so der Wolfsberater. Im Baltikum dagegen komme der Wolf über die zweite Stufe nicht hinaus. Dort wisse der Wolf, dass die Nähe zum Menschen für ihn schmerzhafte oder gar tödliche Folgen habe. Die genauen Grenzen für den Wolf festzulegen, obliege jedoch der Politik.


Wer einem Wolf begegnet, sollte einige Dinge beherzigen, erläuterte Wilhelm Eden. Wer mit hoher Stimme schreie, imitiere unfreiwillig die Hasenklage, also den Laut, den ein verletzter Hase ausstößt. Ratsamer sei, den Wolf mit tiefer Stimme zu vertreiben: „Der größte Feindes Wolfs ist der Bär.“ Mitgeführte Hunde sollten vom Bellen und Kläffen abgehalten werden. Im nächsten Schritt gelte es, sich langsam rückwärts zu entfernen, ohne das Gesicht vom Wolf abzuwenden. Dabei sollte ein direkter Blickkontakt jedoch vermieden werden. Kontraproduktiv wirke sich das Ablenken mit Essen aus, da damit der Wolf Mensch gleich Futter assoziiere.

Grundsätzlich, so Wilhelm Eden, lasse sich festhalten, dass der Mensch, egal ob Erwachsener oder Kind, nicht in das Beuteschema des Wolfs passe: Ein Angriff sei sehr unwahrscheinlich, Ausnahmen könnten bei tollwutinfizierten oder in die Enge getriebenen Tiere bestehen. „Der Wolf hat Respekt vor dem Menschen, aber er testet auch aus.“


Wolfsberater

Wolfsberater des Landes Niedersachsen sind ehrenamtlich tätig und informieren Bürger auf Wunsch über den Wolf und seinen Lebensraum. Wolfsberater dokumentieren ferner Sichtungen und Spuren, um Klarheit über Wolfsvorkommen und Wolfsrisse zu erhalten.

Bei Rissen, die den Verdacht eines beteiligten Wolfes nahelegen, werden Wolfsberater ebenfalls hinzugezogen. Diese dokumentieren mit Protokollen und Fotos den Fund und nehmen DNA-Proben. Diese werden mitsamt Unterlagen an das Wolfsbüro des NLWKN gesandt, wo die Dokumentation ausgewertet und die DNA-Proben zur Untersuchung an das Forschungsinstitut Senckenberg in Gelnhausen weitergeleitet werden.


Ein PDF mit allen niedersächsischen Wolfsberatern getrennt nach Städten und Gemeinden kann unter folgendem Link abgerufen werden:

https://t1p.de/n7j3


Umfassendes, mehrsprachiges Informationsmaterial zum Herunterladen (auch zum Thema richtiges Verhalten bei einer Begegnung mit dem Wolf) findet sich unter:

https://t1p.de/60hc

 

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