Friesland

Bei Kappo ist der Ofen jetzt für immer aus

geschrieben von Michael Tietz

Michael Kappen in der Backstube: Seit seiner Geburt ist das Bäckerhaus in Büppel sein Zuhause, über rund 44 Jahre war es auch sein Arbeitsplatz. Das Inventar wird verkauft, im Haus sollen Wohnungen geschaffen werden. Bild: Michael Tietz

Michael Kappen schließt traditionsreiche Bäckerei in Büppel - zweitletzter Bäckerbetrieb in Varel



Büppel.
„Vorübergehend geschlossen“ ist derzeit noch auf dem Aushang an der Ladentür zu lesen, doch inzwischen ist es endgültig: Die Bäckerei Kappen in Büppel ist Geschichte, Michael Kappen wird den Betrieb nicht wieder öffnen.

Geschlossen ist die Bäckerei bereits seit dem vergangenen September. An einem Sonntagmittag hatte Michael Kappen damals einen schlimmen Motorradunfall, kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Er musste stundenlang operiert werden, die Genesung brauchte Monate. „Inzwischen geht es mir wieder soweit gut“, sagt der 61-Jährige.

Nach der mehrmonatigen Genesungspause hat Kappen sich nun entschieden, seine traditionsreiche Bäckerei nicht wieder zu öffnen. Sein Unfall war dabei zwar der Anlass, nicht aber die Ursache für den Entschluss. „Die Zeit war ohnehin langsam gekommen“, sagt der Unternehmer, „in den nächsten Jahren wollte ich sowieso aufhören.“

Kappen seit 1947

Mit der Schließung endet für Büppel eine Ära: Die Geschichte der Bäckerei an der Ecke Bürgermeister-Osterloh-Straße und Geestweg reicht mehr als einhundert Jahre zurück. Seit 1904 befand sich hier der Kolonialwarenladen Decker, im Jahr 1911 übernommen von Peter Fenken, der hier auch Backwaren verkaufte. Während des Zweiten Weltkrieges musste das Geschäft geschlossen werden, im Jahr 1947 übernahm Michael Kappens Vater Heinrich, gelernter Bäcker, das Ladengeschäft. „Mein Vater hat sich damals bei Hermann Neumann erkundigt, ob es sich lohnen könnte, hier eine Bäckerei zu eröffnen“, erzählt Michael Kappen. Es sollte sich lohnen, denn im Jahr 1953 kaufte Kappen senior das zunächst gepachtete Haus und baute es nach den Anforderungen einer Bäckerei um. „Seit Anfang der 1950er Jahre ist das Haus im Grunde unverändert geblieben“, sagt Michael Kappen. Der hatte als Jugendlicher alles andere vor, als Bäcker zu werden – es kam aber anders. „Gelernt habe ich in einem Betrieb in Jever, 1978 bin ich dann hier mit eingestiegen.“ Schon knapp vier Jahre später musste Michael Kappen den Betrieb übernehmen, sein Vater war krank geworden. Seit 1982 war nun also Michael Kappen, im Ort nur „Kappo“ genannt, der Büppeler Bäcker.

Vor allem Kappos Schwarzbrot war gefragt

Die Kunden indes kamen bis zuletzt keineswegs nur aus dem Ort, vielmehr konnte Kappen auf viele Stammkunden aus ganz Varel und auch aus Nachbargemeinden zählen, die neben frischen Brötchen und Rosinenstuten vor allem auf ein Produkt scharf waren: Kappens Schwarzbrot. „Das war unser Dauerbrenner“, sagt Michael Kappen. 200 Schwarzbrote kamen pro Woche aus dem Ofen, das entsprach rund 1600 Pfund. Wer zu spät kam, ging leer aus.

Michael Kappen blieb seiner Linie über 40 Jahre treu. Das hieß auch: „Selbst ist der Mann“ – als Selbstständiger arbeitet man bekanntlich selbst und ständig, das war das Credo des Dorfbäckers. Aufstehen zwischen ein und drei Uhr morgens, „60 bis 70 Stunden in der Woche waren die Regel“, sagt der Unternehmer. Zwar hatte Kappen in den letzten Jahren Unterstützung in der Backstube, die Regie führte er aber stets selbst. Im Verkauf hingegen konnte er sich immer auf seine fünf Mitarbeiterinnen verlassen. Bei denen bedankt sich Michael Kappen an dieser Stelle für die teils über viele Jahre währende, zuverlässige Arbeit. Und bei den Kunden für ihre teils genauso lange Treue.

Kappen, das war nicht nur eine Verkaufsstelle für Brot und Brötchen, das war auch ein Dorftreff. Michael Kappen sponserte Backwaren etwa für Laternenumzüge oder Nikolausaktionen der Dorfgemeinschaft. Auch waren hin und wieder Kinder in der Backstube zu Gast, etwa wenn eine Kindergartengruppe mal erleben wollte, wie es in der Backstube so zugeht.

Darin steht übrigens bis heute ein Ofen, der schon bei Vater Heinrich Kappen seinen Dienst getan hat. „Über 42 Jahre alt ist der und funktioniert nach wie vor prima“, berichtet Michael Kappen, der auch einräumt, dass die Zeiten für die kleinen Bäckereien hart geworden sind. Zu groß ist das Angebot an Filialbetrieben und an Backwaren in Supermärkten und Discountern. „Früher hatte jede Ortschaft seine eigene Bäckerei“, sagt Kappen – natürlich bedauert auch er es, dass die Handwerkstradition langsam ausstirbt.

So sei ihm die Entscheidung, den Betrieb dauerhaft zu schließen, auch nicht leicht gefallen. Michael Kappen hat auch versucht, einen Nachfolger zu gewinnen. „Aber wer will heute noch 60 Stunden in der Woche arbeiten?“ Ein wenig tröstet ihn, dass alle Mitarbeiterinnen längst schon anderswo gute Arbeit gefunden haben.


Und was sagen die Kunden? „Viele bedauern, dass wir aufhören, aber sie äußern auch Verständnis“, sagt Michael Kappen. Eine Klage habe er inzwischen aber häufiger gehört: „Die Kunden beschweren sich, dass sie noch nirgends ein Schwarzbrot gefunden haben, das so schmeckt wie unseres.“


Bäckerei-Aus: Nun gibt es nur noch einen in Varel

Mit Schließung der Bäckerei Kappen in Büppel (Foto) gibt es nun nur noch eine einzige Bäckerei in Varel, die noch selbst produziert: Die von Thomas Baumann in Winkelsheide.

Die Geschichte der Vareler
Bäcker und Konditoren seit 1877 hat Autor Udo Klün in einem Buch dargestellt, das Ende 2019 erschienen ist.
Mit vielen historischen Fotos, Werbeanzeigen und Urkunden wird darin die frühere Vielfalt im lokalen Bäckerhandwerk aufgezeigt. Die Hoch-Zeit des Bäckerhandwerks war in den 1950er und 60er Jahren, dutzende Bäcker sind damals ihrem Handwerk in Varel nachgegangen. Heute kommt nahezu alles aus Großbäckereien von außerhalb.
Udo Klün: „Vareler Bäcker und Konditoren“, Rösemeier, Bad Zwischenahn

 

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