Ein effektreiches Gesamtkunstwerk und ein SOS an die Welt

Artikel vom 15.01.2024

Desirée Warntjen

„Mann“ (Simon Ahlborn) und „Frau“ (Anne Weise) verstrickt in die Rolle des Elternseins - richten einen Hilfeschrei an die Welt. Bild: Axel Biewer

Die Landesbühne präsentiert mit „Nachts (Bevor die Sonne aufgeht)“ ein packendes Stück über zwei Menschen und Konflikte, Sorgen und Ängste des Elternseins. Eine berührende Inszenierung mit viel Interpretationsspielraum.

Wilhelmshaven - Es gibt Inszenierungen, bei denen man sich fragt, was von ihnen in Erinnerung bleiben wird, welche Bilder die Zeit überdauern, wovon man noch reden wird, wenn man über sie spricht. Ein solches Werk ist die Landesbühnen-Produktion „Nachts (Bevor die Sonne aufgeht)“, die am Sonnabend im TheOs Premiere feierte; verfasst von der britischen Dramatikerin Nina Segal, inszeniert von Leonie Thies. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Peter Krauch, der Ausstatterin Marina Schutte sowie Anne Weise und Simon Ahlborn als Darsteller der zwei Rollen „Frau“ und „Mann“ hat die Gastregisseurin ein dichtes, effektreiches Gesamtkunstwerk geschaffen.

Im Konflikt hört man Knochen krachen

Da wäre der Anfang, ein Bild zwischen biblischer Schöpfungsgeschichte und Mondlandung, mit zwei Gestalten, deren überdimensionale schlafsackähnliche Overalls anmuten wie Raumanzüge, mit Taschenlampen im Dunkel wandelnd, während sie das „Irgendwo“ heraufbeschwören, gleich einem „Es war einmal“ in Märchen. Weise und Ahlborn sprechen gemeinsam, sprechen allein, sprechen wechselweise einzelne Worte, die sich zu Sätzen fügen. Licht kommt ins Dunkel, auch verbal: Worte und Sätze bündeln sich zur Geschichte dieser Menschen im Irgendwo, seine Geschichte erzählt das Paar in der dritten Person. Sie haben sich gefunden, sie wollen ein Kind, sie bekommen ein Kind, so klein, so niedlich, so schutzlos, „das ist das Beste, was wir jemals gemacht haben“. Doch das Kind schreit. Tage und Nächte ziehen dahin, es können auch Wochen und Monate sein. Das Paar gerät an seine Grenzen, Beruhigungsversuche („Wo ist das Bauchi?“, „Klingeling Herr Nasemann!“) amüsieren das Publikum, aber nicht das Kind. Das riesige kuschelweiche Bett – sogar die Pfosten sind gepolstert – ist Zufluchtsort und zugleich Boxring.

Auch dieses Bild wird bleiben: Das um die Märchengeschichte ringende Paar; der Mann, der der Frau die Geschichte klaut, die Frau, die sich das nicht gefallen lässt. Längst sind sie keine Erzähler mehr, sondern Ringer. Kampfszenen mit vollem Körpereinsatz (Chroreographie: Simon Ahlborn), man spürt regelrecht die Knochen krachen. Beste Athletik gepaart mit Verzweiflung. Überhaupt hat Leonie Thies die Bewegung zu einem maßgeblichen Element gestaltet. Dies ist eine hinsichtlich der Handlung sehr sinnvolle Entscheidung, der Nina Segals Text besten Boden bietet. Für Sätze wie „Vielleicht wird morgen alles leichter – was, wenn wir es nicht bis morgen schaffen?“ Die Sehnsucht eines Halts, eines Gehaltenwerdens, haben vor allem die Eltern.

Zwischen Eskalation und leisen Momenten

„Helft uns, wir sind müde!“, lautet ihr SOS an die Welt. Das Stück, das quasi im Universum begann, zeigt universelle Aussagekraft und öffnet den Raum weit für Interpretationen. Es geht nicht nur um ein Paar und eine Familie, es geht um Generationen, um Frieden und Unfrieden, im Kinderzimmer, auf der Welt. Um den Müll, dessen Wogen das Bett berühren, um Aussichtslosigkeit und Hoffnungsschimmer. Es gibt die Eskalation, es gibt die leisen, ganz zarten Momente.

„Schlaf jetzt, Kleines. Morgen ist da eine neue Welt.“ Aber das Kind schreit. Beruhigen ist nicht das richtige Mittel, Schutz ist vielmehr vonnöten, für das Kind, die müden Eltern, für die Welt da draußen. Und auch dieses Bild bleibt: Anne Weise und Simon Ahlborn sprachlich, mimisch und akrobatisch in Hochform in ihrem Spiel, das unter die Haut geht.


 

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