Früherkennung mit den Fingern

Artikel vom 24.06.2022

Jens Milde

Jenny Bruns aus Blexen ist fast blind. Dafür hat sie einen ausgeprägten Tastsinn und hilft bei der Früherkennung von Brustkrebs. Bild: privat

Jenny Bruns ist fast blind, aber sie „sieht“ mit den Fingern mehr als jeder andere: Diese besondere Gabe machen sich Frauenärzte bei der Früherkennung von Brustkrebs zunutze.

Jenny Bruns übt einen der seltensten Berufe aus, die es gibt. Deutschlandweit hat sie gerade einmal 50 Kolleginnen. Die 32-Jährige, die mit ihrem Mann Toni und ihrer Tochter Talea in Blexen lebt, ist eine MTU. Die Abkürzung steht für Medizinisch Taktile Untersucherin. Sie tastet Frauenbrüste ab und kann kleinste Veränderungen feststellen, lange bevor ein Gynäkologe sie erkennt.

Ein Schock

Grund für den außergewöhnlichen Tastsinn ist ein Handicap: Jenny Bruns ist stark sehbehindert. Im Alter von 25 Jahren ist bei ihr Retinitis Pigmentosa festgestellt worden. Dabei handelt es sich um eine Augenkrankheit, die nach und nach zur völligen Erblindung führt. Die Diagnose war ein Schock für die junge Frau. „Ich bin in ein tiefes Loch gefallen“, erinnert sich die Blexerin, die damals in der Gastronomie gearbeitet hat. Aus diesem Loch hat sich Jenny Bruns aber längst herausgearbeitet. Sie hat eine neue berufliche Erfüllung gefunden.

Angestellt ist Jenny Bruns bei Discovering Hands. Dort hat sie auch ihre Ausbildung zur MTU gemacht. Zurzeit arbeitet sie in Bremen: im Krankenhaus St. Joseph Stift und bei den Frauenärzten Barkmann und Richardt.

Die besondere Gabe von Jenny Bruns ist ihr außergewöhnlicher Tastsinn. Für blinde Menschen ist diese Fähigkeit nichts Ungewöhnliches. In ihrer Ausbildung hat Jenny Bruns dieses Talent immer mehr verfeinert. Neun Monate ist sie dafür nach Berlin gegangen. Seit 2017 arbeitet sie in ihrem neuen Beruf, bei dem es um die Früherkennung von Brustkrebs geht. Gerne würde sie ihren Kundenkreis erweitern. In der Umgebung hat sie allerdings noch keine Praxis für eine Zusammenarbeit gefunden.

Wertvolle Hinweise

Jenny Bruns betont: „Ich stelle keine Diagnosen, dafür ist ausschließlich der Arzt zuständig.“ Die 32-Jährige gibt aber wertvolle Hinweise, ob und wo bei einer Sonografie oder bei einer Mammografie genauer hingeschaut werden sollte. Eine Brustuntersuchung kann bei Jenny Bruns bis zu einer Stunde dauern. „Der Arzt hat in der Regel nur wenige Minuten Zeit“, sagt die Blexerin. „Für die Frauen, ist es ein beruhigendes Gefühl, dass sich jemand so viel Zeit nimmt.“ Es wird kein Millimeter ausgelassen. „Bei mir geht niemand mit einem Fragezeichen nach Hause“, sagt die 32-Jährige. Die Kosten werden inzwischen von vielen Krankenkassen übernommen. Ansonsten fallen Kosten von etwa 60 Euro an.

Jenny Bruns nutzt für ihre Untersuchungen ein speziell für diesen Zweck entwickeltes Koordinatensystem. Streifen mit Blindenschrift werden auf die Brust geklebt. Daran kann sich Jenny Bruns orientieren. Mit sanftem Druck kann sie Knoten erkennen, die nur einen halben Zentimeter groß sind. Wenn sich Frauen selbst abtasten, können sie Knoten in der Regel erst ab einer Größe von zwei Zentimetern erkennen.

Ergänzung

Jenny Bruns weiß, dass viele Frauen eine Mammografie scheuen, weil sie die Untersuchung als unangenehm empfinden, oder sich nicht röntgen lassen wollen. Die 32-Jährige betont, dass ihre Tastuntersuchung die Mammografie oder die Ultraschalluntersuchung nicht ersetzt. Aber sie sei eine wertvolle Ergänzung.

Den Weg zur Arbeit legt Jenny Bruns selbst zurück – mit Bus und Bahn. Zweieinhalb Stunden braucht sie dafür. Das sind fünf Stunden an jedem Arbeitstag, die sie aber gerne in Kauf nimmt, um ihren Traumberuf ausüben zu können. Wenn es zeitlich passt, bringt sie ihr Mann zum Bahnhof nach Nordenham. „Mein Mann und meine Tochter sind eine riesige Unterstützung für mich“, freut sich die 32-Jährige, die ihr Schicksal längst angenommen hat: „Ich werde ja nur blind und kann mein Leben trotzdem voll und ganz genießen.“


 

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